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Cottbuser blockieren stundenlang Neonazi-Demo

Mit einer Gegen-Demonstration des Bündnisses "Cottbus bekennt Farbe" antworteten hunderte Einwohner von Cottbus am Samstag auf einen Aufmarsch des NPD-Kreisverbandes Cottbus.
Mit einer Gegen-Demonstration des Bündnisses "Cottbus bekennt Farbe" antworteten hunderte Einwohner von Cottbus am Samstag auf einen Aufmarsch des NPD-Kreisverbandes Cottbus. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Bunt statt braun: Mehrere hundert Cottbuser und Neonazi-Gegner haben sich am Samstag gegen einen Aufmarsch der NPD gestellt und diesen stundenlang verzögert. Sitzblockaden zwangen die Rechtsextremen immer wieder zu Änderungen der eigentlich vorgesehen Demo-Route durch die Innenstadt und Sandow. Von Sven Bock

Für die NPD begann der Protest-Tag schon mit einem Fehlstart: Ein Zug mit mehreren Rechtsextremen hatte fast 50 Minuten Verspätung. Der eigentlich für 12 Uhr geplante Start der Anti-EU-Demo musste verschoben werden. Aber auch eine Stunde später waren nur etwa 90 NPD-Anhänger zum Spreewaldbahnhof gekommen.

Dort hatte das breite Cottbuser Aktionsbündnis "Cottbus bekennt Farbe" bereits eine Sitzblockade mit mehreren hundert Teilnehmern aufgebaut. Direkt nach dem gemeinsamen Bürgerfrühstück im Brunschwigpark waren die etwa 700 Gegendemonstranten zum Spreewaldbahnhof gezogen und bauten die erste Sperre auf der Route der Neonazis auf - gesichert von einem Großaufgebot an Polizei. Mehreren Hundertschaften aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und der Bundespolizei waren im Einsatz. Am Bürgerfrühstück hatten unter anderen auch die "Nazijägerin" und Kandidatin der Linken bei der vergangenen Bundespräsidentenwahl, Beate Klarsfeld, und der Cottbuser Bürgermeister Holger Kelch (CDU) teilgenommen. Klarsfeld forderte in ihrerer Rede einen neuen Anlauf für ein NPD-Verbotsverfahren: "Die NPD ist unberechenbar und gefährlich. Alle Bemühungen in der Vergangenheit, sie durch V-Leute zu kontrollieren, sind gescheitert." Und Kelch stellt klar: "Cottbus ist und bleibt tolerant."

Um kurz nach 13 Uhr wurden die Rechtsextremen schließlich doch in Richtung Innenstadt geführt. Dort mussten sie aber mehrmals die eigentlich vorgesehene Route ändern. Insgesamt sieben genehmigte Sitzblockaden mit etwa 500 Teilnehmern zwangen die Rechten in Nebenstraßen und stoppten immer wieder die NPD-Demo. Für Angelika Müller, Sprecherin des Bündnis "Cottbus nazifrei" ein voller Erfolg: "Wir konnten den Zug leider nicht ganz verhindern. Positiv ist aber, dass sich so viele Cottbuser über mehrere Stunden an den Protesten gegen die rechtsextreme Propaganda beteiligt haben. Die Nazis mussten deswegen ihre Route erheblich verkürzen und durch unattraktivere Straßen laufen als eigentlich gewollt."

An zwei Spreebrücken standen sich schließlich Rechtsextreme und Nazi-Gegner direkt gegenüber. Während die Polizei die Brücke in der Sandower Straße nicht räumen ließ, ermöglichte sie in der Franz-Mehring-Straße den Rechtsextremen das Überqueren der Spree nach Sandow. Die Räumung der dortigen Spreebrücke verlief aber weitgehend friedlich. Dennoch gab es nach Polizei-Angaben im Laufe des Tages ingesamt vier Festnahmen wegen des Verdachts einer Straftat.

Nach Angaben von Bündnis-Sprecherin Müller erlitt ein Gegendemonstrant Verletzungen bei seiner Festnahme. Es soll ein Anzeige gegen die Polizei folgen. Laut Müller soll es im Laufe des Tages auch mehrere Verletzte unter den Nazi-Gegner gegeben haben. Die Opfer sollen demnach von aggresiven Neonazis am Rande der Demo-Route angegriffen worden sein.

Nach fast sechs Stunden, in denen die Innenstadt von Cottbus fast einer Festung glich, war gegen 18 Uhr war der braune Spuk vorbei.