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Cottbuser Ärztin hilft in Kurdistan

Liv Fünfgeld bringt jungen Flüchtlingen im kurdischen Dorf Sharya einfache physiotherapeutische Übungen bei. Die 14-jährige Warveen ist entspannt und lässt sich von der Cottbuser Ärztin bewegen.
Liv Fünfgeld bringt jungen Flüchtlingen im kurdischen Dorf Sharya einfache physiotherapeutische Übungen bei. Die 14-jährige Warveen ist entspannt und lässt sich von der Cottbuser Ärztin bewegen. FOTO: Peggy Kompalla
Sharya. Die Cottbuser Ärztin Dr. Liv Fünfgeld engagiert sich nicht nur in ihrer Heimatstadt für Geflüchtete. Jüngst reiste sie mit dem Menschenrechtszentrum Cottbus in den Nordirak. Sie will etwas hinterlassen. Deshalb gibt sie dort Unterricht in Basis-Physiotherapie. Die RUNDSCHAU begleitete sie. Peggy Kompalla

Sharya ist ein verschlafenes Dorf. Kaum mehr als ein paar Straßen im Carré, 3000 Einwohner. In der Mitte ein Sandplatz, auf dem Händler ihre Ware anbieten. Am Horizont buckelt ein Berg seinen kahlen Rücken gen Himmel. Dahinter liegt die kurdische Großstadt Dohuk - die Provinzhauptstadt der Region Dahuk, in der es allein 22 Flüchtlingscamps gibt.

Sharya beherbergt eines davon - eines der größten noch dazu. In der weißen Zeltstadt leben 15 000 Menschen. Trotzdem reicht der Platz nicht aus. Deshalb haben sich etwa 4500 Geflüchtete provisorisch im Dorf eingerichtet. Jede Baulücke haben sie mit zusammengezimmerten Unterkünften besetzt, Rohbauten mit Planen abgedichtet. All diese Menschen stammen aus der Region Sindschar und gehören der religiösen Minderheit der Jesiden an, die die Terrormilizen des Islamischen Staat (IS) als Teufelsanbeter jagen. Vor zwei Jahren überfielen sie Sindschar, schlachteten Menschen ab und vertrieben Tausende. Nur 160 Kilometer weiter fanden die Menschen im benachbarten Kurdistan Sicherheit. Jetzt ist Sharya ihr Zuhause.

Papier statt Medikamente

Hierhin ist Liv Fünfgeld zurückgekehrt. Im Oktober 2015 war die Ärztin mit dem Menschenrechtszentrum Cottbus das erste Mal zu Besuch. Damals hatte sie Medikamente und Hilfsmittel im Gepäck. Auch diesmal trägt die Cottbuserin eine schwere Tasche, allerdings gefüllt mit Papier - Schreibblöcke und Lernhefte. "Die Basisversorgung in den Camps ist gut", sagt die Allgemeinärztin. "Ich will deshalb etwas anderes geben, etwas, das bleibt - Bildung."

Die Cottbuserin ist auf Manualmedizin spezialisiert. Bei ihrem ersten Besuch lernte sie viele Familien mit behinderten Kindern kennen. Ihnen kann durch gezielte Physiotherapie geholfen werden. Genau dieses Wissen will Liv Fünfgeld weitergeben.

Tatsächlich erwarten neun junge Flüchtlinge die Ärztin aus Europa. Sie sind um die 20 und schüchtern. Die Zurückhaltung vergessen sie allerdings schnell dank ihrer Neugier. Zwei Tage dauert der Kurs, den Liv Fünfgeld zusammengestellt hat. Ihre Schüler sind mit Konzentration bei der Sache.

Saleh Faris ist einer von ihnen. "Ich habe einen behinderten Cousin", erzählt er in einer Pause. "Es gibt viele Menschen wie ihn im Camp. Ich will helfen. Der Kurs ist wirklich gut und macht sogar Spaß. Die Wiederholungen und Übungen sind gut." Wie die Betroffenen bewegt werden müssen, lernen die Schüler miteinander. Sie sind ganz munter dabei.

Dann wird die 14-jährige Warveen von ihrer Mutter im Rollstuhl in den Raum geschoben. Liv Fünfgeld zeigt, wie es geht. Zuerst erklärt sie dem Mädchen, dass sie es gleich anfassen und bewegen will. Warveen lässt alles zu und beobachtet jede Bewegung der Ärztin, genauso wie die neun Schüler. "Sie sollte jeden Tag aufstehen und Schritte üben", sagt Liv Fünfgeld zu Mutter und Schülern. "Das stärkt ihre Muskulatur. Damit sie das irgendwann allein kann." Dann richtet sie noch einen großen Wunsch an die Frau: "Wenn Ihre Tochter sprechen und hören kann, sollte sie unbedingt zur Schule, um Lesen und Rechnen zu lernen. Ihr Verstand ist das Einzige, was ihr später hilft, wenn sie erwachsen ist. Außerdem macht es uns alle glücklich, wenn wir etwas mit dem Gehirn machen - auch Menschen mit Handicap." Die Mutter nickt.

"Jetzt seid Ihr Lehrer"

Liv Fünfgeld ist mit ihren Schülern zufrieden. Zum Abschluss überreicht sie ihnen Zertifikate. Ihre Arbeit ist getan. Erst einmal. "Wenn Ihr zu den Familien geht, müsst Ihr die Eltern unterrichten, weil Ihr jetzt die Lehrer seid." Der Satz hallt in den Köpfen der Schüler nach.

Zwar liegen fast 3000 Kilometer zwischen Cottbus und Sharya, trotzdem will Liv Fünfgeld ihre kurdischen Schüler nicht alleinlassen. Die sozialen Netzwerke Facebook und WhatsApp sollen dabei helfen. Sie gibt der Gruppe ihre Kontakte und verspricht: "Der Kurs ist nur der Anfang. Ihr geht in Eure Gemeinschaften und wenn es möglich ist, komme ich wieder. Bis dahin habt Ihr trainiert und wir können einen Fortgeschrittenenkurs machen."

Die Neun halten ihre Zertifikate andächtig in den Händen. Lächeln zufrieden und schauen die Cottbuserin an. Am Abend erhält sie die ersten Kontaktanfragen von ihren kurdischen Schülern. Die Lehrerin lächelt zufrieden und schaut im Kalender, wann in diesem Jahr Zeit für einen nächsten Besuch wäre.