Von René Wappler

Der Kaufpreis betrug 431 560 Euro. Das DDR-Gefängnis an der Bautzener Straße in Cottbus gehört heute früheren politischen Häftlingen. Sie wagten sich im Jahr 2011 an den Erwerb des Grundstücks. Bis heute gilt ihr Eigentumsmodell als einzigartig.

Der CDU-Politiker Dieter Dombrowski erinnert sich daran, dass ihn frühere Haftkameraden ansprachen: „Dieter, die wollen das Ding verkaufen, mache mal was.“ Ihn hatte das DDR-Regime in den Jahren 1974 und 1975 nach einer gescheiterten Republikflucht in Cottbus inhaftiert. 35 Jahre später gründete er gemeinsam mit anderen einstigen Insassen das Menschenrechtszentrum. In der Satzung heißt es: „Der Verein stellt sich auch zur Aufgabe, die ehemalige Haftanstalt Cottbus und Stasi-Untersuchungshaftanstalt Cottbus zu sichern und zu einer Stätte der Begegnung, politischen Bildung und Menschenrechtsarbeit auszubauen und zu betreiben.“

Privatpersonen steuern zum Kaufpreis bei

Heute sagt Dieter Dombrowski über diesen Passus: „Wir hatten nicht wirklich einen Plan, nur die Idee, das ganze Gebäude zu bekommen.“ Von den 431 560 Euro des Kaufpreises übernahm das Land Brandenburg 200 000 Euro. Weitere 146 560 Euro steuerten zwei Privatpersonen bei, die nicht aus der DDR stammten. Fast die Hälfte der Gesamtfläche von 50 000 Quadratmetern erwarb der Verein, alles innerhalb der Mauern und die Zufahrtsstraße. Aus dem Erlös eines Gebäudes kommen die restlichen 85 000 Euro.

Die geschäftsführende Vorsitzende des Vereins kennt diese Zahlen auswendig. Sylvia Wähling sagt: „Wir haben das Gefängnis gekauft, um deutsche Geschichte zu bewahren, um daraus etwas für die Gegenwart und für die Zukunft zu lernen.“ So habe eine private Initiative die Pflichten des Staates übernommen.

Eineinhalb Jahre arbeitete Sylvia Wähling nach eigenem Bekunden ohne Gehalt im Menschenrechtszentrum, damit es seine Arbeit fortsetzen kann. „Ich wurde in dieser Zeit von meinem Mann unterstützt“, sagt sie. „Jährlich müssen wir 160 000 Euro an Betriebskosten aus Spenden und sonstigen Einnahmen aufbringen.“

Die Cottbuser Erklärung

Vom Einsatz im Verein halten sie solche Hindernisse nicht ab. Sie denkt an die früheren Häftlinge, die nicht mit Hass zurückschauen. Auch Dieter Dombrowski sagt: „Wir verteidigen die Demokratie, und wir wollen anderen Menschen helfen.“ So berichtet er von früheren Wärtern, die das Gespräch mit den Insassen von damals suchen. „Das finde ich großartig“, erklärt er. „Wir wollen keine Abrechnung und keine Aufrechnung.“ Ihn bestürze vielmehr die Tatsache, dass heute viele Leute nichts mehr von den Verbrechen des kommunistischen Regimes hören wollen. „Das erinnert mich an das Schweigen in der DDR.“

Dabei hatten spätere Mitglieder des Vereins bereits im Jahr 2007 eine „Cottbuser Erklärung“ abgegeben, in der sie sich „gegen das Vergessen“ wandten. Sie beklagten: „Das Wissen vieler Schülerinnen und Schüler um die Vergangenheit ist erschreckend lückenhaft. Viele Ältere wiederum neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären und den bedrückenden DDR-Alltag zu verdrängen.“

Friedliche Revolution darf nicht vereinnahmt werden

An dieser Tendenz scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. So kritisierte Dieter Dombrowski im August 2019 die AfD: „Parolen wie ‚Vollende die Wende‘ oder ‚Werde Bürgerrechtler‘ unterstellen, dass wir auch heute in einer Diktatur leben.“ Die friedliche Revolution sei jedoch von mutigen Menschen in der DDR geführt worden, „nicht von Westdeutschen wie Herrn Höcke, Herrn Gauland oder Herrn Kalbitz“.

Auch die geschäftsführende Vorsitzende des Vereins äußert sich bestürzt. „Wenn wir den Ruf bedenken, den die Demonstrationen von Zukunft Heimat der Stadt Cottbus eingebracht haben, ist es umso wichtiger, dem etwas entgegenzusetzen“, sagt Sylvia Wähling. „Wir glauben an andere Werte, nämlich an den Gedanken der Versöhnung und den Einsatz für die Menschenrechte.“