Von Peggy Kompalla

Birgit Mache sitzt in ihrem hellen Büro in der Alvensleben-Kaserne. Hinter ihr stapeln sich Papiere in den Regalen, alles sortiert und beschriftet. Die Dramaturgiesekretärin am Staatstheater Cottbus ist auch die Herrin des Archivs. Kaum jemand kennt sich so gut mit der Geschichte des Hauses aus wie sie. „Die Verbundenheit der Cottbuser mit dem Theater ist schon etwas ganz Besonderes.“ Es komme nicht selten vor, dass sich Menschen bei ihr melden, um Material für das Archiv abzugeben. „Dann bringen sie mir Programmhefte aus den 50er- oder 60er-Jahren. Die haben sie all die Jahre aufgehoben. Manchmal bekomme ich sogar Material von vor 1945.“

Das letzte Jahr des Zweiten Weltkrieges bedeutet auch für das Cottbuser Theater eine Zäsur. Seit September 1944 ist der Spielbetrieb eingestellt. Die Künstler und das verbliebene Theaterpersonal arbeiten seither zumeist im Focke-Wulf-Flugzeugwerk am Flugplatz, wo Jagdflugzeuge und Aufklärer für die Luftwaffe montiert werden.

Das Theater verwandelt sich derweil in ein Munitionslager. Ausgerechnet. Dort liegen Granaten, Panzerfäuste, Maschinengewehrgeschosse. Damit nicht genug. Als die Rote Armee immer weiter vorrückt, wird das Haus mit Sprengladungen versehen. Die Munition soll den feindlichen Truppen nicht in die Hände fallen. „Auch im Zuschauerraum sind vier gekoppelte Tellerminen mit Zündmechanismus zur Sprengung des Hauses vorbereitet.“ So steht es in der Chronik „Im Rampenlicht – 100 Jahre Theater am Schillerplatz in Cottbus“ von Birgit Mache aus dem Jahr 2008. „Das ist verbürgt“, sagt sie. „Es gibt die Erzählungen und Augenzeugenberichte von den Orchestermusikern Otto Holzhausen und Paul Dickhoff und dem Bühnenbildner Otto Poblenz.“

Lange fehlt der Archivarin aber der Beleg dafür, wie das Theater vor dem größtmöglichen Unglück bewahrt wird. Klar ist nur eines: Ohne den Mut Einzelner wäre von dem prächtigen Bau nur ein Trümmerhaufen übrig geblieben. Birgit Mache spielt in Gedanken das Schlimmste kurz durch: „Das hätte nicht nur das Theater zerstört, sondern den ganzen Schillerplatz.“ Die Truppen des Volkssturms haben den Befehl, bei Ankunft der Roten Armee das Theater in die Luft zu jagen. Doch der Trupp widersetzt sich – auf Drängen eines Mannes. Paul Geiseler.

Die LAUSITZER RUNDSCHAU löst das Rätsel um die Rettung des Stadttheaters im Jahr 1985. Bis dato ist der Name des Retters unbekannt. Zunächst schreibt Heimatforscher Heinz Petzold in der Ausgabe vom 7. Februar 1985: „So habe ich aus meinem Verwandtenkreis überliefert, daß auch das Stadttheater, das seit seiner Schließung im Herbst 1944 als Lager für Panzerfäuste, Handgranaten und anderer leichter Munition diente, von den Faschisten gesprengt werden sollte. Nur das schnelle und überraschende Erscheinen von sowjetischen T 34, die aus Richtung Ströbitz die heutige Karl-Liebknecht-Straße befuhren, verhinderte das und soll einen Cottbuser, der die Sprengung verzögerte, aus seiner Lage befreit haben.“ Auf diese Veröffentlichung meldet Joachim Geiseler bei der RUNDSCHAU mit einem Zeitdokument. Er ist der Neffe von Paul Geiseler, der die Sprengung 1945 verhindert. Als Beweis legt der Neffe den Durchschlag eines Briefes von Kriminalrat Wiese an den Theater-Intendanten vom Sommer 1946 vor, den die RUNDSCHAU am 9. März 1985 veröffentlicht.

Darin schreibt der Kriminalrat: „Mein früherer Arbeitskollege, der Fabrikarbeiter Paul Geiseler, Cottbus, Moltkestraße 36 wohnend, hatte als Angehöriger des Volkssturms den Auftrag, das mit Munition (Panzerfäusten) angefüllte Stadttheater zu bewachen, und es beim Eindringen der Russen rechtzeitig in die Luft zu sprengen. Sprengvorrichtungen waren bereits angebracht, und es bedurfte nur eines kleinen Zuges an einer Schnur, um die Ladung von mehreren hundert Zentnern in die Luft gehen zu lassen. Der damalige Kreisleiter Andro, der sich rechtzeitig in Sicherheit brachte, und ein Pionierleutnant hatten Geiseler den vorerwähnten verbrecherischen Befehl gegeben. Glücklicherweise war mein ehemaliger Arbeitskollege Geiseler alter SPD-Genosse und Antifaschist, mit dem wir noch während des Hitlerregimes politische Debatten pflegten. Geiseler war sich seiner Pflicht sofort bewußt und dachte gar nicht daran, das Stadttheater in die Luft zu sprengen. Als die Russen eindrangen, und er bereits das Orrh-Geschrei hörte, ließ er seine 18 Leute antreten und ergab sich mit ihnen den Russen, sie auf die Lagerung der Munition im Stadttheater aufmerksam machend.“

Birgit Mache hält den vergilbten Zeitungsartikel in der Hand. „Diesen Brief hatten wir lange nicht“, sagt sie. „Er war weder im Archiv der Rundschau, noch im Stadtarchiv.“ Deshalb sind für sie die Berichte von der Rettung lange nur die Wiedergabe von Erzählungen. „Es fehlte der Beweis.“ Erst mithilfe von Heimatforscher Hans-Hermann Krönert bekommt die Archivarin im Jahr 2010 Kontakt zum Neffen Joachim Geiseler. Sie unterhält sich mit ihm ausführlich über den Onkel. Und schließlich überlässt der Neffe dem Theater eine Thermoskopie des Briefes von Kriminalrat Wiese.

Birgit Mache faltet das zarte Papier vorsichtig auseinander. Es ist kaum etwas darauf zu entziffern. Sie hat die zwei Seiten am Computer eingescannt. Mithilfe von Kontrasten werden die Worte lesbar. Darunter steht weder eine eine Unterschrift, noch ein Datum. „Leider gibt es kein Original“, bedauert sie. Alle Bemühungen, daran zu kommen, seien gescheitert. „Paul Geiseler ist aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit der Retter des Theaters.“

Die Archivarin sinniert: „Man muss erst einmal den Mut haben, sich einem Befehl zu widersetzen. Schließlich hätte in der Volkssturmtruppe auch ein Fanatiker sein können.“ Paul Geiseler wird als bescheidener Mann beschrieben, dem es fernliegt, sich mit der Tat zu rühmen. Deshalb bleibt sein Name lange unbekannt. Zu lange. Denn als das Rätsel um die Rettung des Theaters im Jahr 1985 endlich gelöst wird, ist Paul Geiseler lange tot.

Er stirbt bereits 1973 mit all seinen Erinnerungen, auf die somit kein Historiker oder Heimatforscher mehr zurückgreifen kann. Das bedauert Birgit Mache am meisten. Das Theater übersteht den Krieg und dessen Ende zwar nicht unbeschadet, aber doch so intakt, dass auch dank eines Kraftaktes der Theaterleute bald wieder der Spielbetrieb am Schillerplatz aufgenommen wird. Zwei Monate nach Kriegsende geht der Vorhang am 23. Juni 1945 auf. Birgit Mache erfährt vom Neffen, dass das Theater auf den Brief des Kriminalrates reagiert. Paul Geiseler bekommt auf Lebenszeit zwei Ehrenplätze im Theater.

Heute steht sein Name auf einer Tafel vor dem Haupteingang.