Direktor Reuscher hat sich wohl kaum vorstellen können, dass sein einstiger Schützling einmal einen fremden Kontinent durchschreiten wird. Dort durch unbekannte Sümpfe watet und sich durch fremden Dschungel schlägt, Wüsten durchquert und Berge erklimmt – stets begleitet von giftigem Getier und argwöhnischen Ureinwohnern. Denn in seinen Jungenjahren ist Ludwig Leichhardt eher schwächlich und durch „körperliche Übel und Leiden“ geplagt, wie es in seinem Abitur-Zeugnis aus dem Jahr 1831 steht. Mit elf Jahren kommt Ludwig Leichhardt aus Trebatsch im Jahr 1824 an das Gymnasium und damit unter die Fittiche von Dr. Samuel Friedrich Andreas Reuscher. In den nächsten Jahren erhält der spätere Naturwissenschaftler und Australienforscher seine Grundausbildung in Cottbus.

Willenskraft und Ehrgeiz

Was dem jungen Leichhardt an körperlicher Stärke fehlt, macht er mit Willenskraft und Ehrgeiz wett. Die steckt er in seine schulische Studien. Das ist heute bekannt, weil das Protocoll-Buch von Direktor Reuscher im Cottbuser Stadtarchiv wieder aufgetaucht ist. Bei der Formulierung wackelt Udo Bauer mit dem Kopf. Das historische Dokument war nie weg. Es fiel dem Archivar im Jahr 2013 bei Aufräumarbeiten im Magazin in die Hände. Dort hatte es Jahrzehnte unbemerkt verbracht. „Das ist ein Problem, das aus den Anfangszeiten des Archivs herrührt“, ist sich Udo Bauer sicher. Unter der Signatur XXV (Schulangelegenheiten) steht es nicht im Findbuch, weil niemals eine Karteikarte angelegt worden war. Auch als im Jahr 1968 neue Aktensignaturen eingeführt werden, bleibt die Chronik unregistriert.

Archivar Udo Bauer
© Foto: Peggy Kompalla

Udo Bauer nimmt das mehr als 100 Seiten starke Buch in die Hand. Der Band ist fest, wenn auch etwas abgegriffen. Auf dem Deckel steht „Protocoll-Buch der Schul-Conferenzen am Gymnasio in Cottbus (1820 – 1833)“. Nur ein geschultes Auge kann das entziffern. Die Seiten sind angegilbt, weisen aber keine Schäden auf. „Das ist bestes Büttenpapier“, sagt der Archivar und biegt eine Seite zwischen Daumen und Zeigefinger. Direktor Reuscher macht sich in dem Buch Notizen zum Fortschritt seiner Schüler. Die versetzungsfähigen Schüler werden von den Klassenlehrern vorgeschlagen. In der Sprache des 19. Jahrhunderts sprechen sie von „bedingt reif“ und „unbedingt reif“. Diese Hinweise bringt Direktor Reuscher mit der Feder und schneller Hand aufs Papier, dabei verwendet er zahlreiche Abkürzungen. Diese und die flüchtige Handschrift machen Udo Bauer zu schaffen.

Ersterwähnung auf Seite 19

Der Archivar hat das Protocoll-Buch durchgearbeitet. Leichhardt taucht darin auf Seite 19 erstmals auf. Dort geht es um die Osterversetzung 1825. In der Folge wird er noch 26 mal erwähnt – immer nur mit dem Nachnamen, allerdings manchmal mit „dt“ oder nur mit „d“ geschrieben.

Udo Bauer ist mit dem Fortschritt seiner eigenen Recherche nicht zufrieden. „Man muss sich damit intensiv auseinandersetzen“, sagt er. Schließlich müsse er die Bedeutung der Abkürzungen ergründen und den Aufbau des Buches verstehen. Leider komme er nicht oft genug dazu, sich in diese Arbeit zu stürzen. Nichtsdestotrotz füllen seinen Recherchen über das Protocoll-Buch bereits einen Aktenordner.

Die schwierige Handschrift von Direktor Dr. Samuel Friedrich Andreas Reuscher bereitet den Archivaren heute einige Kopfzerbrechen.
© Foto: Peggy Kompalla

Digitalisierung und Broschüre geplant

Er hat die Notizen mit Bezug auf Leichhardt transkribiert. Allerdings sind viele Stellen mit noch immer mit Fragezeichen versehen. Es ist also noch eine Menge Nacharbeit nötig. „Das Buch ist zu 85 Prozent ausgearbeitet“, sagt Udo Bauer. „Unser Ziel ist es, das Protocoll-Buch zu digitalisieren.“ Er ist Mitglied der Ludwig-Leichhardt-Gesellschaft, die sich der Erforschung des Lebens und Wirkens des Australienforschers verschrieben hat. Dort ist auch Günter Wetzel engagiert. Gemeinsam werden sich die Männer noch einmal der Chronik des Direktors widmen. „Günter Wetzel ist schriftgewandt und vier Augen sehen mehr als zwei.“

Abiturzeugnis aus Cottbus in Sydney

Vielleicht, so der Wunsch, könne das Protocoll-Buch einst als eine Broschüre herausgebracht werden. „Die könnten wir dann auch den Forschern in Australien zur Verfügung stellen“, sagt der Cottbuser. Schließlich befinden sich auf dem fünften Kontinent ebenfalls zahlreiche Archivalien zu Leichhardt – wie etwa das Abiturzeugnis aus Cottbus. Das Original beherbergt die Mitchell Library in Sydney – der Staatsbibliothek von New South Wales. Udo Bauer hat eine Kopie davon.

Der Oberkirchplatz ist fertig Ludwig Leichhardt kehrt zurück

Cottbus

Darin heißt es: „In der Geographie u. politischen Geschichte durch lebendige Auffassung, so wie durch Beurtheilung und Darstellung der Objecte u. Thatsachen ausgezeichnet.“ Und weiter: „Wir entlassen diesen durch wissenschaftliche Anlage und Neigungen ausgezeichneten, so wie durch ein im Ganzen sehr gesetzliches und wohlgesittetes Verhalten beifallswürdigen Jüngling von der Schule zur Univ.“

Alle bereits erschienen Beiträge zur Serie „Cottbus zum Angeben“ finden Sie hier.

Der Humboldt von Australien


Ludwig Leichhardt wird am 23. Oktober 1813 in Trebatsch geboren. Er ist das sechste von neun Kindern. Sein Vater ist Torfinsepktor Christian Hieronymus Matthias Leichhardt (1778–1840).

Leichhardt kommt im Jahr 1842 nach Australien, wo er sich der Erforschung der Fauna, Flora und Geologie des damals noch weitestgehend unbekannten Kontinents widmet. Er unternimmt drei Expeditionen.

Mit seiner ersten Expedition von 1844 bis 1845 durchquert er als erster Queensland bis nach Port Essington im Northern Territory. In seinen Tagebüchern beschreibt er das neu entdeckte Land, sein Klima, die Tier- und Pflanzenwelt sowie die Aborigines. Damit ermöglicht er nachfolgende Erkundungen und Besiedlungen.

Seine zweite Expedition von 1846 bis 1847 sollte ursprünglich vom Osten Australiens bis an den Swan River in Western Australia führen. Diese Tour scheitert aber nach fünf Monaten. Im Jahr 1848 will Leichhardt das Vorhaben wiederholen. Er und seine Expeditionsmannschaft sind seither im Outback verschollen.