| 15:58 Uhr

Wirtschaft
Nachfolger dringend gesucht

Der Fortbestand des SSC-Lebensmittel Fachgroßhandels in Kolkwitz konnte dank einer rechtzeitigen Übernahmeplanung gesichert werden.
Der Fortbestand des SSC-Lebensmittel Fachgroßhandels in Kolkwitz konnte dank einer rechtzeitigen Übernahmeplanung gesichert werden. FOTO: Hilscher Andrea / LR
Cottbus. 4500 Unternehmen in der Region brauchen in den kommenden Jahren einen neuen Chef.

Der Lebensweg von Matthias Claus (heute 43) schien vorgezeichnet: Der Mann aus Forst absolvierte eine Banklehre, nahm an firmeneigenen Weiterbildungen teil und setzte alles daran, seine Bankkunden als Finanzierungsberater optimal zu unterstützen. „Irgendwann wurde uns klar, dass die Unternehmer, die nach der Wende einen eigenen Betrieb gegründet hatten, langsam in die Jahre kamen, in denen sie sich auf den Ruhestand vorbereiten und über die Zukunft ihrer Firmen nachdenken müssen“, erinnert sich Claus.

Einer seiner Kunden befand sich in einer ähnlichen Lage. Der Kolkwitzer Rolf Köckritz hatte nach der Wende einen kleinen Milchhandel eröffnet, nach und nach sein Sortiment erweitert und sich mit seinem SSC-Lebensmittel Fachgroßhandel schließlich zu einem Vollsortimenter entwickelt. Zwischen Berlin und Dresden belieferte Köckritz Großküchen mit Milchprodukten, Gewürzen, Tiefkühlkost, Trockenwaren, Obst und Gemüse.

Köckritz hatte sich zum Ziel gesetzt, mit 60 in den Ruhestand zu gehen. In Matthias Claus suchte und fand er frühzeitig einen Finanzberater, der ihn in dieser Phase des Übergangs begleiten wollte. „Als wir gemeinsam überlegt haben, wie eine solche Übergabe ablaufen kann und was ein neuer Geschäftsführer an Fähigkeiten mitbringen sollte, habe ich mich angesprochen gefühlt“, sagt Matthias Claus.

In Gedanken spielte er für sich durch, wie sich so ein beruflicher Wechsel anfühlt. „Dann habe ich meinen Job aufgegeben. Bin zu Herrn Köckritz in den Betrieb und habe mich genau an die Empfehlungen gehalten, die ich früher meinen Kunden gegeben habe.“

Der „Neue“ hat sich behutsam in die Firma eingebracht, einen Draht zu den Mitarbeitern entwickelt, Kundenkontakte geknüpft, das firmenspezifische Knowhow erworben.“ Für diese Phase des Übergangs sollte man in jedem Fall fünf Jahre rechnen“, sagt Claus. Am Ende dieser Phase wurde er Geschäftsführer des SSC, im ersten halben Jahr noch gemeinsam mit Rolf Köckritz. Der verabschiedete sich pünktlich zu seinem 60. in den Ruhestand. „Wir haben noch immer regelmäßig Kontakt“, sagt Matthias Claus. „Ins operative Geschäft redet er mir nicht hinein.“

Ein vorbildlicher Ablauf – der immerhin 37 Arbeitsplätze gesichert hat. Jana Frost von der Industrie- und Handelskammer IHK würde sich mehr solcher Beispiele wünschen. Denn die Zahl der Geschäftsführer und Firmeninhaber, die bereits die 60 überschritten haben, ist groß. Im Kammerbezirk sind derzeit 35 000 Unternehmen registriert, 9500 von ihnen stehen vor der Aufgabe, sich in den nächsten Jahren einen Nachfolger zu suchen. Im Bereich der Handwerkskammer Cottbus sind 9871 Mitgliedsbetriebe angemeldet, von ihnen brauchen knapp 2000 Firmen demnächst eine Nachfolgeregelung.

Jana Frost: „Die Bereitschaft, über eine Übergabe nachzudenken, ist in größeren Betrieben höher als in kleinen.“ Die Kammern bemühen sich um jedes Unternehmen, unabhängig von der Größe. „Wenn in den nächsten Jahren hundert Betriebe mit je fünf Mitarbeitern schließen, fehlen letztlich auch 500 Arbeitsplätze.“ Mit speziellen Beratungsangeboten und Übernahmebörsen greifen die Kammern ihren Betrieben unter die Arme. Auch Matthias Claus weiß schon heute, wann es für ihn Zeit wird, über das Thema nachzudenken. „2030 bin ich MItte 50. Dann fange ich an, mir einen Nachfolger zu suchen.“

Matthias Claus, Geschäftsführer.
Matthias Claus, Geschäftsführer. FOTO: ssc / LR
(hil)
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE