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| 17:47 Uhr

Telefonseelsorge
Wenn Menschen keinen Ausweg mehr sehen

 Wer in scheinbar auswegloser Situation einen Rettungsanker sucht, findet bei der Telefonseelsorge Trost und Zuwendung.
Wer in scheinbar auswegloser Situation einen Rettungsanker sucht, findet bei der Telefonseelsorge Trost und Zuwendung. FOTO: fotolia
Cottbus. In jedem 20. Gespräch der Telefonseelsorge geht es um Selbstmord: Jugendliche leiden unter Liebeskummer, Alte unter Einsamkeit. Von Silke Halpick

Jedes Jahr nehmen sich rund 10 000 Menschen in Deutschland das Leben. Das sind fast dreimal so viele, wie bei Verkehrsunfällen sterben. Auch bei der Telefonseelsorge in Cottbus geht es häufig um das Thema. In jedem 20. Gespräch werden Suizidgedanken geäußert, wie Leiterin Corinna Preuß betont. Betroffen sind häufig Menschen mit psychischen Erkrankungen, aber zunehmend auch Jugendliche und Senioren.

„Bei den jungen Menschen sind die Auslöser Liebeskummer, Leistungsdruck oder Mobbing in der Schule“, erklärt Preuß. Senioren würden hingegen oft unter ihrer Einsamkeit leiden. „Manche rufen bei uns an, damit sie wenigstens einmal am Tag mit einem anderen Menschen reden können“, sagt sie.

 Markus Adam ist Regionalleiter der Caritas in Cottbus.   Fotos: S. Halpick
Markus Adam ist Regionalleiter der Caritas in Cottbus. Fotos: S. Halpick FOTO: LR / Silke Halpick

Die Cottbuser Telefonseelsorge in ökumenischer Trägerschaft gibt es bereits seit 26 Jahren. 40 ehrenamtliche Mitarbeiter sind hier rund um die Uhr erreichbar. 6749 Anrufe wurden im vergangenen Jahr entgegengenommen. Das sei ein leichter Rückgang im Vergleich zu 2017, wie Preuß einräumt. Allerdings liege das teils auch daran, dass nicht jedes Telefonat angenommen werden kann, weil die Seelsorger bereits mit anderen Anrufern reden. Jedes dritte Gespräch dauert mehr als 30 Minuten.

Bewährt hat sich die Anonymität. „Das macht es für die Betroffenen leichter“, sagt Preuß. In den Gesprächen gehe es um familiäre Beziehungen, körperliche Beeinträchtigungen, Ängste, aber auch Trauer, Gewalt und Sexualität. Die geschulten Fachkräfte hören zu und versuchen, Hilfestellung zu geben, eine eigene  Gedankenstruktur zu entwickeln. „Wenn man über ein Problem spricht, wird es oft viel klarer“, so Preuß.

 Corinna Preuß leitet die Telefonseelsorge in Cottbus.
Corinna Preuß leitet die Telefonseelsorge in Cottbus. FOTO: LR / Silke Halpick

Unter dem Thema Suizid-Prävention steht auch die diesjährige „Woche für das Leben“, eine Gemeinschaftsaktion der katholischen und evangelischen Kirche. Selbstmorde möglichst zu verhindern, sei auch die Grundidee der Telefonseelsorge, wie Preuß erklärt. Sie erzählt von einem Pfarrer aus London, der aufgrund der hohen Suizidrate in der Großstadt im Jahr 1953 eine Anzeige im „Daily Herald“ inserierte mit den Worten: „Bevor Sie Suizid begehen, rufen Sie mich an!“

Aus der Tabu-Zone herausholen will Preuß das schwierige Thema. Ihren Erfahrungen zufolge haben Angehörige oft Angst, darüber zu reden. Viele befürchten, ihr Gegenüber allein durch die Frage auf den Selbstmord-Gedanken zu bringen. „Doch das ist nicht so“, betont Preuß.

Als suizidgefährdet gelten vor allem Menschen mit seelischen Erkrankungen wie Depressionen und Sucht. Aber auch der Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes, Untersuchungshaft sowie frühere Suizidversuche gehören Experten zufolge zu den weiteren Risikofaktoren. Alarmzeichen sind beispielsweise, wenn soziale Beziehungen oder gewohnte Aktivitäten vernachlässigt werden beziehungsweise die Menschen davon reden, nur eine Last für andere zu sein.

„Statistiken zufolge liegt die Bedenkzeit von der Suizid-Idee bis zum Versuch bei zwei Dritteln der Betroffenen unter 24 Stunden“, sagt Preuß. „Das ist wirklich nicht viel Zeit“, schiebt sie hinterher. Experten empfehlen, Kontakt herzustellen und zuzuhören. Fast 80 Prozent aller Suizidopfer sind Männer. Bei den unter 25-Jährigen ist jeder zweite Todesfall ein Selbstmord.

Um auch diesen Personenkreis zu erreichen, gibt es jetzt die U25-Online-Suizidprävention des  Caritasverbandes. „Jugendliche machen alles Mögliche mit ihren Handys, nur nicht telefonieren“, sagt Markus Adam, Caritas-Regionalleiter in Cottbus. Deshalb gibt es für sie einen Online-Chat, bei dem am anderen Ende der Internetleitung sogar gleichaltrige Berater sitzen.

200 Ehrenamtler zwischen 16 und 25 Jahren gibt es mittlerweile in ganz Deutschland. „Diese sitzen allerdings nicht in Cottbus, sondern in Großstädten wie Berlin“, räumt Adam ein. Doch der regionale Aspekt spiele bei dieser Kommunikationsart ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Das erleben übrigens auch die Cottbuser Telefonseelsorger. „Mitunter melden sich bei uns Menschen, die ganz woanders in Deutschland leben“, sagt Preuß.