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| 18:25 Uhr

Wahlkampf in Cottbus
Talkrunde wird zum Balanceakt auf politischem Parkett

 Wolfgang Rupieper (v.l.) , Ralf Christoffers (Linke), Martina Münch (SPD), Jens-Uwe Hoffmann, Stefan Krähe, Wolfgang Bialas (CDU) und Andreas Kalbitz (AfD) reden über die anstehenden Wahlen in Brandenburg.
Wolfgang Rupieper (v.l.) , Ralf Christoffers (Linke), Martina Münch (SPD), Jens-Uwe Hoffmann, Stefan Krähe, Wolfgang Bialas (CDU) und Andreas Kalbitz (AfD) reden über die anstehenden Wahlen in Brandenburg. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Beim „Hoffmanns Talk“ sorgen provokante Parolen und falsche Fakten für Stimmung vor den Landtagswahlen. Ein Gast sticht dabei besonders heraus. Von Andrea Hilscher

Talkmaster Jens-Uwe Hoffmann hat schon viele schwierige Gesprächsrunden moderiert. Auf dem politischen Parkett aber, das gibt es offen zu, fühlt er sich unwohl und freut sich, wenn alle anstehenden Wahlen vorüber sind. Vielleicht auch deshalb fehlten an diesem Donnerstag die Flyer seiner umstrittenen Wählerinitiative „Wir für Brandenburg“ auf den Tischen des Veranstaltungssaals.

Nach einem RUNDSCHAU-Bericht hatte Hoffmann tendenziöse Formulierungen und manipulative Fragen von der Webseite entfernen lassen. Stattdessen können Wähler dort ankreuzen, welche Probleme ihnen auf der Seele liegen. Mit deh Ergebnissen dieser Umfragen, sagt Hoffmann, will er seine Talkgäste konfrontieren. Doch an diesem Abend verzichtet er. Es gibt auch so genug zu bereden – eine überraschende Absage muss auch noch erklärt werden.

Ingo Senftleben, Landesvorsitzender der CDU, ließ im Vorfeld mitteilen, dass er der Talkrunde fernbleiben würde: Er wolle nur auf Augenhöhe – sprich: mit dem Ministerpräsidenten – diskutieren. Als Ersatz schickte die CDU den Cottbuser Landtagskandidaten Wolfgang Bialas auf das Podium der Talkrunde.

Dem gelingt es gleich in der ersten Minuten, dem AfD-Spitzenkandidaten Andreas Kalbitz das Wasser abzugraben. Den nämlich stellt Bialas in eine Reihe mit den etablierten Landespolitikern Martina Münch (SPD) und Ralf Christoffers (Die Linke). Etabliert ist aber so ungefähr das Letzte, was Kalbitz nach eigener Aussage sein möchte. Doch Bialas setzt nach. „Sie und ihresgleichen tun immer so, als wären sie vom Himmel gefallen. Dabei sind sie schon lange in der Politik unterwegs, in den unterschiedlichsten Parteien.“

Talkmaster Hoffmann war in den letzten Wochen in den Verdacht geraten, der AfD Schützenhilfe zu leisten. Immer wieder betont er am Donnerstag, dass er auf demokratischen Spielregeln bestehe, auf Respekt und gegenseitiger Toleranz. Als Nachweis seiner Einstellung hatte er auch den Sänger Stefan Krähe (früher Six) eingeladen – und gießt damit Öl ins Feuer der populistischen Debatte. Krähe nämlich stellt an diesem Abend die Parteien unter Generalverdacht und zweifelt an der Demokratie. Als er Verteidigungsministerin von der Leyen als „Flinten-Uschi“ bezeichnet, schreitet der frühere Amtsgerichtsdirektor Wolfgang Rupieper ein: „Wir sollten hier auf abwertende Bezeichnungen verzichten.“ Krähe zuckt die Achseln. „Es ist ja auch abwertend gemeint, ich bleibe dabei.“ Das Publikum verfolgt das Spektakel mit gemischten Gefühlen, manche johlen und applaudieren. Als der Musiker die deutsche Haltung zu Russland kritisiert und behauptet, Deutschland habe höhere Militärausgaben als Russland, bekommt er lauten Beifall. Erst auf Intervention eines anwesenden Journalisten der Bild-Zeitung wird klargestellt: Krähes Zahlen sind falsch. Der Moderator Jens-Uwe Hoffmann zeigt dem Sänger mehrmals symbolisch die Gelbe Karte. Krähe ist dennoch kaum zu bremsen. Europa, so sagt er, sei auch mit Grenzen friedlich gewesen. Es tue ihm leid, mit den Rechten habe er nichts am Hut, dennoch müsse er den Thesen von Andreas Kalbitz immer wieder zustimmen. Wissenschaftsministerin Münch verteidigt die Idee Europas leidenschaftlich, sprich auch von den finanziellen Vorteilen, die die EU Brandenburg gebracht hat. „Ein dreistelliger Milliardenbeitrag ist aus EU-Fördermitteln in unser Land geflossen“, sagt sie. „Ohne dieses Geld sähe es hier anders aus.“

Martina Münch und Ralf Christoffers versuchen, das Gespräch zurück auf Brandenburg zu lenken. Sie betonen die Leistungen der rot-roten Koalition, sprechen von wirtschaftlichen Erfolgen und niedrigen Arbeitslosenzahlen. Allerdings: „Die Lebensleistung der Ostdeutschen wird im Westen zu wenig wahrgenommen“, sagt Wissenschaftsministerin Münch. Ralf Christoffers spricht von der angedachten Grundrente, fordert Modifizierungen, die den Lebensläufen im Osten angepasst werden.

Jens-Uwe Hoffmann kommt zum Thema Rechtsextremismus. Er will von seinen Gästen wissen, was Stadt und Land tun können, um die Situation in Cottbus  zu verbessern. Andreas Kalbitz schweigt. Stefan Krähe zweifelt an den Zahlen der Polizeistatistik. „Ich glaube gar nichts mehr.“ Martina Münch erzählt von ausländischen Ärzten, die nach ihrer Schicht im Cottbuser Klinikum von Passanten bespuckt und angepöbelt werden. Ralf Christoffers sagt, Polizei und Justiz allein könnten das Problem nicht lösen, dazu bräuchte es eine aktive Zivilgesellschaft.Zwei Männer im Publikum trinken ratlos ihr Bier. „Wer hierher gekommen ist, um sich auf die Wahlen vorzubereiten, ist nicht wirklich schlauer geworden“, sagen sie. Aber amüsant sei es gewesen. Das schon.

 Wolfgang Rupieper (v.l.) , Ralf Christoffers (Linke), Martina Münch (SPD), Jens-Uwe Hoffmann, Stefan Krähe, Wolfgang Bialas (CDU) und Andreas Kalbitz (AfD) reden über die anstehenden Wahlen in Brandenburg.
Wolfgang Rupieper (v.l.) , Ralf Christoffers (Linke), Martina Münch (SPD), Jens-Uwe Hoffmann, Stefan Krähe, Wolfgang Bialas (CDU) und Andreas Kalbitz (AfD) reden über die anstehenden Wahlen in Brandenburg. FOTO: LR / Hilscher Andrea