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Cottbus stellt sich mutig dem Test

In der Cottbuser Sprem wurde im August ein Notfall inszeniert, um Sensationslust zu testen. Der Stern-TV-Bericht dazu kam Mittwochabend.
In der Cottbuser Sprem wurde im August ein Notfall inszeniert, um Sensationslust zu testen. Der Stern-TV-Bericht dazu kam Mittwochabend. FOTO: Theiler
Cottbus. Neugier ist ein natürliches Bedürfnis, heißt es schon in der Philosophie. Was passiert, wenn aus einem Bedürfnis ausgewachsene Sensationsgier wird, die jegliches Empfinden für Diskretion vernichtet? Ein gewagtes Experiment vom Fernsehmagazin Stern TV zeigt die Auswirkungen des Medienzeitalters auf menschliche Verhaltensweisen wie Courage, Taktgefühl und Hilfsbereitschaft. Jenny Theiler

Als eine junge Frau am 3. August auf einer ausgefahrenen Hebebühne in der Cottbuser Sprem plötzlich einen anaphylaktischen Schock erleidet, weiß keiner der umstehenden Passanten, dass es sich hierbei um einen inszenierten Notfall handelt. Es soll geprüft werden, wie sich unbeteiligte Passanten in Notfallsituationen verhalten. Die Rettungskräfte sind in das Experiment eingeweiht. Als Ersthelfer ist der Cottbuser Marc Winkler zur Stelle und versucht, die defekte Hebebühne wieder in Gang zu bringen. Seinem Beispiel folgen nur wenige Passanten, wie sich im Stern-TV -Beitrag vom 13. September zeigte. Zahlreiche Handys ragen in die Höhe, um das dramatische Treiben, das sich in 14 Meter Höhe abspielt, festzuhalten. Nach Eintreffen der Rettungskräfte dauert es keine zehn Minuten, bis die ersten Schockmeldungen in den sozialen Netzwerken auftauchen.

Unterlassene Hilfeleistung sei kein Verbrechen, gelte aber als Vergehen, das mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden kann, erklärt Mike Kettlitz von der Pressestelle der Polizei Cottbus. Entscheidend sei aber, ob der außenstehende Passant tatsächlich helfen kann. "Wenn dem Unfallopfer bereits geholfen wird und ein Gaffer das Ganze filmt, dann ist das zwar moralisch verwerflich, aber keine unterlassene Hilfeleistung", erklärt der Polizeipressesprecher. Auf der Autobahn sieht das anders aus. Wer aus reiner Sensationslust am Unfallort anhält, provoziert Auffahrunfälle und behindert die Arbeit der Rettungskräfte. Gaffen ist eine Ordnungswidrigkeit und kann mit einem Bußgeld von bis zu 1000 Euro bestraft werden. Wer einen Unfallort filmt oder fotografiert, begeht eine Straftat und muss, laut Bußgeldkatalog, sogar mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe rechnen.

An der stark verbreiteten Gafferkultur der heutigen Zeit haben die sozialen Medien einen starken Anteil, weiß auch Michael Barufka vom Lagedienst der Cottbuser Feuerwehr. "Schaulustige hat es immer schon gegeben, aber nicht in dem Maße, wie es heute der Fall ist", bestätigt der Feuerwehrmann. Oftmals könne man Gaffer gar nicht belangen, weil sich die Rettungshelfer zuerst um die Unfallopfer kümmern müssen. Außerdem seien Zeugen eines Unfalls laut Gesetzgeber nur verpflichtet, die 112 zu rufen. "Wir werden trotzdem nicht aufhören, auch weiterhin an die Leute zu appellieren", erklärt Michael Barufka, denn oftmals seien es auch Überforderung oder Berührungsängste, die einige Passanten vom aktiven Helfen abhalten würden. Nach Ausstrahlung des Beitrages haben sich bereits zahlreiche Zuschauer auf Facebook zu Wort gemeldet. Es herrscht allgemeine Empörung über die Gaffer aus der Sprem. Dennoch sind sich viele Schaulustige auch nach Ausstrahlung des Beitrages keiner Schuld bewusst. Es hätten ja schließlich alle gefilmt, rechtfertigt sich eine Facebook-Nutzerin. Andere behaupten sogar von der Inszenierung gewusst zu haben und weisen jegliche Gaffervorwürfe von sich. Die Sensationsgier einiger Leute sei kein typisches Cottbuser Problem, wie auch Stern TV einräumt. Von insgesamt 35 Städten hat Cottbus als einzige Großstadt der Anfrage des TV-Magazins zugesagt. Stern TV bedankt sich für dieses Engagement, bei der Stadt Cottbus sowie bei Polizei und der Feuerwehr. "Uns ist es auch noch ganz wichtig zu sagen, dass es uns nicht darum ging, die Cottbusser Bevölkerung zu testen. Vielmehr war unser Test repräsentativ für ganz Deutschland angelegt", betont Nadja Schmidt im Auftrag der Stern TV Redaktion.