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| 19:36 Uhr

Cottbus
Der Ostsee bringt die Stadt in Schwung

 Moderator Denis Kettlitz (v.l.), Parkleiter Claudius Wecke, Heinz-Wilhelm Müller (Arbeitsagentur) und Jörg Waniek (Leag) stoßen auf den Ostsee an.  Foto: Hilscher
Moderator Denis Kettlitz (v.l.), Parkleiter Claudius Wecke, Heinz-Wilhelm Müller (Arbeitsagentur) und Jörg Waniek (Leag) stoßen auf den Ostsee an. Foto: Hilscher FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Mit dem Wasserstand steigen auch die Hoffnungen auf neue Jobs. Doch der Strukturwandel braucht viele Bausteine. Von Andrea Hilscher

Ingolf Arnold, Chefgeotechniker der Leag, ist Tage nach dem Flutungsbeginn für den Ostsee noch immer sichtlich bewegt. „Für mich war es ein großer Moment“, gesteht er. Den entscheidenden Druck aufs Knöpfchen habe nämlich er tätigen dürfen, nahezu unbeobachtet im Hintergrund des Geschehens. Seitdem strömt das Wasser in den See.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels werden es bereits rund 200 000 Kubikmeter sein, was einer Menge von rund einer Million Badewannen entspricht. Klingt viel. „Wir brauchen jeden Tropfen, den wir kriegen können“, sagt Arnold. Die derzeitige Trockenheit könne bereits im Mai dazu führen, dass die Wasserzufuhr zum See gedrosselt werden muss. Das allerdings würde die Leag-Pläne nicht beeinträchtigen, sagt der Geotechniker.

Im Rahmen des siebten und vorerst letzten Ostseetalks in der Cottbuser Spreegalerie versprach er denn auch, das angepeilte Flutungsende im Sommer 2025 möglichst einzuhalten – auf besonderen Wunsch von Heinz-Wilhelm Müller, dem Chef der Arbeitsagentur Südbrandenburg. Müller, der nur einen Kilometer Luftlinie vom Ostsee entfernt wohnt, geht 2025 in den Ruhestand. „Und ich freue mich schon jetzt auf morgendliche Schwimmrunden dort“, erzählt er schmunzelnd. Überhaupt sieht der Leiter der Arbeitsagentur den Ostsee und seine Anziehungskräfte positiv. „Die Lausitzer sollten ohnehin lernen, sich selbst positiver darzustellen. Der See kann bundesweit für ein tolles Image sorgen“, sagt Müller.

Als Jobmotor taugt das Rekultivierungsprojekt in zweierlei Hinsicht: Neben den zu erwartenden Tourismusjobs kann er eine wichtige Rolle im Kampf um Ansiedlungen spielen. „Gerade in den letzten Monaten gab es erfolgversprechende Gespräche mit mittelgroßen Unternehmen, die mehrere hundert Arbeitsplätze für die Region bedeuten könnten“, sagt Müller.

Mit weichen Standortfaktoren ließen sich Fachkräfte anlocken. „Allerdings funktioniert das nur, wenn auch die Löhne und Gehälter stimmen“, erklärt Müller und attestiert vielen Arbeitgebern in diesem Punkt Nachholbedarf. „Mit Mindestlohn lockt man heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor.“

Über zu niedrige Löhne können sich die Beschäftigten des Energieversorgers Leag bisher nicht beklagen. Jörg Waniek, Leiter des Personalmanagements der Leag, rechnet vor, dass Tagebau- und Kraftwerkssparte jährlich 530 Millionen Euro an Lohnkosten zahlen. Dazu fließen weitere 500 Millionen an Aufträgen in die Region. „Wir brauchen das Standbein Kohle, wenn wir hier gemeinsam neue Wege gehen wollen“, sagt Jörg Waniek.

Die Leag wolle auch künftig ein attraktiver Arbeitgeber bleiben. Doch wo sich früher mehrere Tausend junger Menschen um eine Lehrstelle beworben haben, sind es heute nur noch eintausend. „Die meisten wollen in kaufmännische Berufe, dabei finden unsere Mechatroniker auch in jedem anderen Industriebetrieb eine Anstellung“, so der Personalchef. „Und ohnehin brauchen wir jeden Mann bei uns“, sagt er. In der Belegschaft gäbe es einige Kollegen, die wegen der Energiewende auf einen vorzeitigen Ruhestand hoffen. „Aber das ist derzeit absolut kein Thema“, sagt Waniek.

Den See fest im Blick hat auch Claudius Wecke, Parkleiter in Branitz. Er gibt zu, dass er bei den ersten Gesprächen über den Ostsee Bedenken gehabt habe, ob die Flutung die Wasserversorgung des Branitzer Parks beeinträchtigen könnte. „Aber die Experten haben uns überzeugt, dass wir nichts zu befürchten haben.“ Jetzt gehe es darum, die alte und die neue Kulturlandschaft harmonisch miteinander zu verbinden und kreative Ideen zu entwickeln.

„Wir brauchen nicht zwingend eine Pyramide im oder am Ostsee“, sagt Wecke. Dass Pückler auch dort ordentlich repräsentiert ist, dafür sorgt der Park mit einer Schenkung: Für besonders markante Uferpunkte stiftet Branitz dem Ostseeförderverein genetisch identische Nachzüchtungen der pücklerschen Graupappeln.

Die könnten dann auch die Bundesgartenschau 2033 bereichern, um die sich Cottbus beworben hat. Mit guten Chancen, wie Claudius Wecke meint. Sein Tipp: Bei der Gestaltung der neuen Kulturlandschaft könnten Pücklers Gestaltungsprinzipien angewendet werden, um ein harmonisches zeitgemäßes Gesamtbild zu erzeugen.

Das Fazit des Abends zog Agenturchef Heinz-Wilhelm Müller: Mit zehntausenden Arbeitsplätzen am Flughafen, mit einer weiterhin starken Ausrichtung auf das Thema Energie, mit neuen Bundesaufträgen für das Cottbuser Bahnwerk und mit einer Rückkehrerprämie das Landes könne der Strukturwandel eine große Chance für die Lausitz werden.