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Cottbus sammelt Rollstühle und Geld

Khali Al-Rasho (2. v. l.) im Gespräch mit Sylvia Wähling, Michael Schierack und Pfarrer Christoph Polster (r.).
Khali Al-Rasho (2. v. l.) im Gespräch mit Sylvia Wähling, Michael Schierack und Pfarrer Christoph Polster (r.). FOTO: Annett Igel
Cottbus. Für die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hat Khali Al-Rasho in den vergangenen Monaten vier Hilfstransporte in den Irak organisiert, sie selbst gefahren und sich vor Ort um die Verteilung der Hilfsgüter gekümmert. Die Fotos, die er jetzt im Menschenrechtszentrum Cottbus zeigte, erschüttern. Annett Igel /

120 000 Christen und 550 000 Jesiden sind zurzeit auf der Flucht vor der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). 20 große Lager gibt es im Norden des Irak, mindestens vier weitere Lager liegen in Syrien und in der Türkei. Kleine wilde Lager - sogar in Kapellen auf Friedhöfen - zählt niemand mehr. Ein Vater hält ein kleines Mädchen in die Kamera. Lebt es noch? Zwei Jungen fällt es schwer, ihrer Flüchtlingsgruppe zu folgen, sie sind todmüde. Dazwischen ein IS-Propaganda-Bild: Fünf, sechs Menschen liegen mit dem Gesicht auf dem Boden, eine Pistole zielt auf ihre Köpfe. Ein mehrstöckiges Haus - noch nackt und fensterlos auf der Baustelle - ist voller Flüchtlinge.

Der Cottbuser Pfarrer Christoph Polster bringt ein Foto nach dem anderen auf die Leinwand des Menschenrechtszentrums, Khali Al-Rasho erzählt von den entführten Frauen, Männern und Kindern, von den Unfällen auf den Baustellen, von der Verteilung der Schuhe und Handcremes, von behinderten Menschen, verschimmelten Zelten, von den Schulen mit Flüchtlingskindern und Flüchtlingslehrern, denen Jugendliche aus Frankfurt am Main helfen.

Auch das Cottbuser Menschenrechtszentrum will etwas tun und startete im Frühjahr das Projekt "Kinder helfen Kindern - Krieg und Flucht gestern und heute". Seit zehn Jahren wohnt Khali Al-Rasho in Rüsselsheim. Mehrmals am Tag telefoniert er mit Menschen in seinem Heimatland. Er fragt, was sie brauchen, weint mit vor Freude, wenn ein vermisster Familienvater wieder auftaucht, lässt sich die aktuelle Lage schildern. Er hat ihnen Vitamine und Mückenspray gebracht, Waschmaschinen, Nähmaschinen, Kinderwagen, Rollstühle, Schuhe.

Besonders beschäftigt Khali Al-Rashu das Schicksal einer 19-Jährigen. Sie war verschleppt und achtmal wie eine Sklavin billig unter IS-Männern verkauft worden - bis sie beim neunten Mal von der kurdischen Regierung freigekauft wurde. "Bei einer der Vergewaltigungen war sie schwanger geworden - und tat dann alles, um das Kind in ihrem Bauch zu verlieren. Es gelang ihr, inzwischen hat sie drei Selbstmordversuche hinter sich", schildert Al-Rasho. Jetzt arbeitet sie wie immer mehr dieser Mädchen und Frauen in der IGFM mit. Das gibt ihnen eine Aufgabe. Ihre Familien kommen oft schwer mit den Verschleppungen und Vergewaltigungen zurecht - es bleibt eine Schande. Khali Al-Rasho will, dass sie zu einer Therapie nach Deutschland kommen. "Das Land Baden-Württemberg nimmt 600 Frauen für zwei Jahre auf, weitere 400 könnten bundesweit verteilt werden", so Al-Rasho. Problem sei nur, dass die kurdische Regierung die Verschleppten zwar für mehrere Tausend Dollar freikauft, ihnen aber keinen Pass gibt, wenn nicht Vater oder Bruder ihre Daten bestätigen. Das erschwert die Therapie im Ausland.

Noch bis in den Herbst hinein werden im Menschenrechtszentrum Cottbus Rollstühle, Orthesen und Gehhilfen vom Spazierstock bis zum Rollator gesammelt. Geldspenden sind über das Konto des Menschenrechtszentrums bei der Sparkasse Spree-Neiße möglich. Zudem hilft die T-Shirt-Aktion der Cottbuser Jugendlichen, Geld für die IGMF zu sammeln. Gemeinsam mit dem CDU-Landtagsabgeordneten und Orthopäden Michael Schierack will Sylvia Wähling, Geschäftsführerin des Menschenrechtszentrums, auch an Ärzte der Cottbuser Region herantreten. Sylvia Wähling kann sich sogar gut vorstellen, mit Lausitzer Ärzten und Khali Al-Rasho in den Irak zu fahren.

Zum Thema:
Cottbuser Jugendliche haben mit Künstlern in der Sachsendorfer Oberschule und im Menschenrechtszentrum ihre Erlebnisse auf der Flucht in Bildern erzählt. Drei Wochen lang konnte im Menschenrechtszentrum und online über die RUNDSCHAU abgestimmt werden, welche Motive auf T-Shirts gedruckt werden und Erlöse fürs Projekt "Kinder helfen Kindern - Krieg und Flucht gestern und heute" bringen: Geschafft haben es Mashi Raufi und Bratislaw Kambrovic mit "Gebrochenes Herz", Anna Lena Kluge mit "Der Weg durch die Mauer", Leeann Schöter mit "Angst und Trauer" sowie Anisa Zhauthkanova mit "Weggehen".