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| 16:50 Uhr

Diskussion im Stadthaus
Cottbus plant Altstadt der Zukunft

 Die Rathaus-Fachleute Ilka Schupp, Ute Effnert und Sven Koritkowski (von links) freuen sich über die Resonanz auf die Einladung ins Stadthaus.
Die Rathaus-Fachleute Ilka Schupp, Ute Effnert und Sven Koritkowski (von links) freuen sich über die Resonanz auf die Einladung ins Stadthaus. FOTO: LR / René Wappler
Cottbus. Einwohner diskutierten am Montagabend im Stadthaus über Ideen für das Zentrum.

Montag, kurz vor 17 Uhr. Das Elektroauto legt eine Pause ein. Ein Tesla parkt an der Cottbuser Bahnhofstraße. Der Fahrer hat ihn an die Tanksäule angeschlossen. Fast könnte das Auto als Werbung für das Gespräch dienen, zu dem sich Dutzende Einwohner im benachbarten Stadthaus treffen. Sie diskutieren über die Frage, wie die Mobilität in der Cottbuser Altstadt in Zukunft aussehen soll.

Um fünf Tische gruppieren sich die Gäste. Zu ihnen zählt das SPD-Mitglied Peter Sohst vom Bürgerverein Stadtmitte. „Ich hätte es auf dem Altmarkt ja gern noch ruhiger“, sagt er. „Meinetwegen könnte dort bis auf den Lieferverkehr ein völliges Fahrverbot für Autos herrschen.“

Andere Besucher wenden ein, dass Mieter der Klosterstraße unter dem Lärm leiden werden, sobald der Verkehr wegen eines Altmarktverbots auf ihr Viertel ausweicht. Schnell zeigt sich, dass in nahezu jeder Idee ein Potenzial für neue Konflikte lauert. Egbert Thiele vom Fachbereich für Stadtentwicklung stellt fest: „Die einen möchten in Ruhe durch die Altstadt schlendern, während die anderen gut versorgt werden wollen.“ Er berichtet von Menschen, die sich über das alte Straßenpflaster beschweren, und von Leuten, denen das Zentrum von Cottbus wiederum viel zu modern erscheint.

Trotzdem hoffen die Mitarbeiter des Rathauses, dass ihnen die öffentlichen Gespräche dabei helfen, ein Konzept für die Altstadt zu entwerfen. Die Einwohner sollen mitreden: So haben es sich Egbert Thiele und weitere Fachleute gedacht.

Tatsächlich diskutieren die Gäste miteinander. Sie äußern ihren Ärger über den Krach der Autos und Motorräder beim illegalen Wettrennen vom Technischen Rathaus zum Uni-Gelände. Sie stellen fest, dass eine komfortable Strecke für Radfahrer fehlt, die sie direkt durch das Stadtzentrum geleitet, von Norden nach Süden oder in umgekehrter Richtung.

Halb privat, halb dienstlich klinkt sich der Geschäftsstellenleiter der Industrie- und Handelskammer für Cottbus und den Spree-Neiße-Kreis in das Gespräch ein. Dan Hoffmann sagt: „In jeder anderen Stadt dieser Größe führt die Straßenbahn direkt zur Messe, zur Uni und zur Schwimmhalle.“ Das wünscht er sich auch für Cottbus. „Sobald die äußeren Gebiete besser mit dem öffentlichen Nahverkehr verbunden werden, profitiert auch die Innenstadt.“

514 Einwohner haben einen Fragebogen zu ihren Wünschen für die Cottbuser Altstadt beantwortet. Das berichtet Markus Liebig von der Ingenieurgesellschaft Hoffmann-Leichter. Den Besuchern des Stadthauses stellt er das Ergebnis der Umfrage vor. Demnach finden fast 80 Prozent, dass die Innenstadt zu Fuß gut oder gar sehr gut zu erreichen ist. Allerdings wünschen sich viele Befragte mehr Grün im Zentrum, mehr Radwege und bessere Wegweiser.

Die Mitarbeiter der Ingenieurgesellschaft schauten sich ebenfalls in der Altstadt um. „Zu dritt waren wir im Dezember in Cottbus“, sagt Markus Liebig. „Schließlich wollten wir auch selbst wissen, wie die Situation vor Ort aussieht.“ In der Annenstraße fielen den Fachleuten die löchrige Fahrbahndecke und der schlechte Zustand des Gehweges auf. In der Zimmerstraße war das Parkleitsystem bei ihrem Rundgang nicht in Betrieb. An der Haltestelle vor der Stadthalle fehlte ihnen die nötige Barrierefreiheit.

Auch an die Einzelhändler in der Altstadt richtete sich der Fragebogen, den die Mitarbeiter der Ingenieurgesellschaft in Cottbus verteilten. Allerdings beteiligten sich nur elf Unternehmer, wie Markus Liebig feststellt. „Ihre Resonanz lag deutlich unter unseren Erwartungen.“

Vielleicht lässt sich die geringe Zahl der Antworten von Händlern darauf zurückführen, dass sie erst an einer ähnlichen Umfrage der Industrie- und Handelskammer teilgenommen haben. Das vermutet der Pressesprecher des Rathauses, Jan Gloßmann. Er sagt: „Die Ergebnisse dieser Umfrage werden auch in das Thema einfließen.“

Eine Stunde lang unterhalten sich die Besucher des Stadthauses miteinander. Schließlich fassen sie die Vorschläge zusammen. Die Aufsteller der Händler dürften nicht mehr so weit in die Straße hineinragen, damit die Fußgänger mehr Platz haben. Tempo 20 für Autofahrer in der gesamten Altstadt würde nach Ansicht vieler Gäste genügen. Der Altmarkt könnte völlig autofrei werden, zumindest in den Sommermonaten.

Sven Koritkowski vom Fachbereich für Stadtentwicklung im Rathaus sagt: „Ich freue mich, dass hier so friedlich diskutiert wurde.“ Probleme wie der blockierende Verkehr, zu enge Räume, unpraktische Wege für Menschen mit Rollatoren beträfen nicht nur die Altstadt, stellt er fest. Vielmehr zeichne sich damit eine grundsätzliche Tendenz ab. „Neue Bedürfnisse entstehen, weil sich die Einwohnerstruktur ändert“, erklärt Sven Koritkowski.

Die Vorschläge der Besucher sollen sich nun im Konzept für die Altstadt niederschlagen. Als sie nach zwei Stunden das Stadthaus wieder verlassen, hat der Tesla seine Reise bereits fortgesetzt. Vollgetankt fährt er weiter in die Zukunft der Mobilität.

 Die Besucher des Stadthauses diskutierten miteinander darüber, wie die Altstadt in Zukunft mit dem Verkehr zurechtkommen soll.
Die Besucher des Stadthauses diskutierten miteinander darüber, wie die Altstadt in Zukunft mit dem Verkehr zurechtkommen soll. FOTO: LR / René Wappler