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| 18:51 Uhr

Der Oberkirchplatz ist fertig
Ludwig Leichhardt kehrt zurück

 Zweimal Ludwig Leichhardt: Der Ururgroßneffe stand für das Vorbild des Denkmals seines berühmten, namensgleichen Verwandten Modell.
Zweimal Ludwig Leichhardt: Der Ururgroßneffe stand für das Vorbild des Denkmals seines berühmten, namensgleichen Verwandten Modell. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Cottbus. Nach einem Jahr Bauzeit wurde am Mittwoch der Cottbuser Oberkirchplatz eingeweiht. Neu vor Ort: Eine Statue des Forschers, der nicht nur für die Wissenschaft wichtig war. Von Liesa Hellmann

Statt Glockengeläut tönen am Mittwoch die dunklen Klänge eines Didgeridoo über den Oberkirchplatz. Der Berliner Musiker Marc Miethe spielt das Instrument der australischen Aborigines zur Einweihung des Platzes. Ein Jahr wurde rund um die Oberkirche gebaut. Aufenthaltsort statt Transitraum – das war das Ziel der Planer und dafür wurden 892 000 Euro von Bund, Land und der Stadt investiert.

Die Geschichte des Ortes soll spürbar sein, deshalb ist in das helle Pflaster mit dunkleren Steinen der Umriss der ehemaligen Cottbuser Lateinschule eingelassen, die bis 1945 bei der Oberkirche stand. Sie wurde bereits im 15. Jahrhundert erwähnt und trug den Beinamen „Universität der Sorben“, erklärt Steffen Krestin, Leiter der Stadtgeschichtlichen Sammlungen. Einer ihrer bekanntesten Schüler: Naturforscher Ludwig Leichhardt.

Ludwig Leichhardt: Mehr als ein Abenteurer

Er besuchte das spätere Friedrich-Wilhelm-Gymnasium ab 1824 und wird in Zukunft auf dem Oberkirchplatz in besonderer Weise präsent sein. Zur Neugestaltung gehören mehrere Bänke, die zwischen einigen jungen Bäumen stehen. Davor, mit Blick auf die Oberkirche, steht nun eine Statue des Naturforschers. Mit Landkarte in der Hand, markantem Kinn und leicht verwegener Frisur erinnert er an einen unerschrockenen Abenteurer – ein Bild, das in mehr als einer Hinsicht zu kurz greift.

„Er hat das Abenteuer nicht gesucht, sondern er hat es ertragen, um seine Forschungen vorantreiben zu können“, sagt Rolf Striegler. Er hat sich, wie auch seine Frau Ursula Striegler, intensiv mit Leichhardts Reisen auseinandergesetzt.  Die beiden gehören zum Arbeitskreis Ludwig Leichhardt des Naturwissenschaftlichen Vereins der Niederlausitz, der maßgeblich dafür mitverantwortlich ist, dass nun eine Leichhardt-Statue auf dem Oberkirchplatz steht. Werner Pfeil, Gründungsmitglied des Vereins, konnte sich im Zuge der Einweihung von Platz und Denkmal in die Ehrenchronik der Stadt eingetragen.

Gemeinsam ist das Ehepaar Striegler auf den Spuren des Forschers durch Europa gereist. In Australien haben die beiden Geologen Orte besucht, die Leichhardt in Tagebüchern und Briefen beschrieb. Von dort haben sie beispielsweise Steine mitgebracht, die Teil der Leichhardt-Ausstellung 2013 in Branitz waren. „Als Naturwissenschaftler können wir seinen Entdeckerdrang nachempfinden“, sagt Ursula Striegler. „Er war ein Allround-Wissenschaftler“, sagt Rolf Striegler, der die Forschung vor das Abenteuer stellte.

Zwischen Wissenschaft und Kolonialismus

Dass Leichhardt sich in einem kolonialen Kontext bewegte, wurde bei der Veranstaltung am Mittwoch nicht erwähnt. Leichhardt selbst muss es bewusst gewesen sein, schließlich waren seine Schriften für ein Publikum in Europa bestimmt, das für Profitgier und Machtbestreben indigene Völker ausbeutete und unterdrückte. Zwar stand bei seinen Reisen die naturwissenschaftliche Forschung im Vordergrund. Durchquerungen des Kontinents – wie sie Leichhardt dreimal mit unterschiedlichen Erfolg unternahm – ermöglichten aber auch, das Land für die Kolonialisierung weiter zu erschließen. Darauf weist die Kulturwissenschaftlerin Heike Hartmann hin, die zu Leichhardts Zeit in Australien geforscht hat, allerdings nicht beim Festakt dabei war.

„Leichhardt war in seiner Forschung auf indigene Helfer angewiesen“, erklärt sie. Heute seien seine Schriften deshalb auf eine andere Art relevant als im 19. Jahrhundert: Zum einen sind sie eine Quelle indigenen Wissens. So hat Leichhardt in seinen Beschreibungen Pflanzennamen der Aborigines verzeichnet. Andererseits hat der Forscher sehr genau vermerkt, in welchen Gebieten die indigene Bevölkerung Australiens siedelte. „Auf Grundlage dieser Schriften können die Nachfahren heute ihr Land zurückfordern“, sagt Heike Hartmann.

Ludwig Leichhardt im Doppelpack

Die Bronzestatue auf dem Oberkirchplatz ist indes keine aktuelle Auseinandersetzung mit dem Forscher, sondern nach dem Vorbild einer Steinskulptur gestaltet, die in Sydney steht. Diese Sandsteinstatue wurde Australien 1988 von der DDR geschenkt. Modell saß dafür Ludwig Leichhardt – der Ururgroßneffe des Forschers, der denselben Namen wie sein berühmter Verwandter trägt und die Statue mit enthüllt. Es bleibt also die Frage: Sieht der lebendige Ludwig Leichardt wie sein Ururgroonkel aus – oder der bronzene Leichhardt wie sein Ururgroßneffe?