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| 17:35 Uhr

Abschied
„Die Jugend darf provokant sein“

 Als Schulleiter des Max-Steenbeck-Gymnasiums ist Andreas Käßner täglich zwischen Doberlug-Kirchhain und Cottbus gependelt.
Als Schulleiter des Max-Steenbeck-Gymnasiums ist Andreas Käßner täglich zwischen Doberlug-Kirchhain und Cottbus gependelt. FOTO: LR / Silke Halpick
Cottbus. Der Leiter des Max-Steenbeck-Gymnasiums Andreas Käßner verabschiedet sich in den Vorruhestand. Von Silke Halpick

Seinen Abgang hat Andreas Käßner von langer Hand vorbereitet: Zum Schuljahresende hängt der 61-Jährige nach 13 Jahren seinen Job als Schulleiter des Max-Steenbeck-Gymnasiums in Cottbus an den Nagel und verabschiedet sich in den Vorruhestand. Lediglich vier Stunden Physik pro Woche will er im nächsten Schuljahr noch unterrichten. Aus Spaß am Fach, wie er sagt.

Physik und Mathematik sind auch seine Fächer, die hat er Ende der 90er-Jahre in Potsdam studiert. Frisch von der Uni übernahm er als Klassenlehrer gleich eine 10. Klasse in Buchhain (Elbe-Elster). Nach der Wende baute er das Gerberstadt-Gymnasium in Doberlug-Kirchhain mit auf, das 2006 den Schulbetrieb aufgrund fehlender Schüler einstellte. Heute ist in dem Haus das Evangelische Gymnasium untergebracht.

„Wir sind überrannt“

Noch im gleichen Jahr übernahm Andreas Käßner die Schulleitung am Max-Steenbeck-Gymnasium in Cottbus. Für viele gilt sie als Eliteschule mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Wer hier lernen will, muss einen Eignungstest bestehen. „Wir sind überrannt“, sagt Käßner. Auf 25 Plätze ab der 5. Klasse kamen in diesem Jahr 74 Bewerber, für 48 Plätze ab der 7. Klasse bewarben sich 119 Schüler. „Unsere Schüler sind schon etwas Besonderes“, sagt Käßner. Von den diesjährigen Absolventen schaffen elf ein 1,0er-Abitur. „46 von 71 haben eine Eins vor dem Komma zu stehen“, sagt er. Auch bei internationalen Wettbewerben in Physik, Chemie oder Biologie spielen die Steenbecker, wie sie sich selbst nennen, in der ersten Liga mit. „Wir haben uns einen guten Ruf erarbeitet“, betont der Schulleiter.

Unterrichtet werden die 490 Schüler von 48 Lehrern, darunter sind vier Referendare. Als erstklassig kann auch das Schulgebäude auf dem BTU-Campus-Gelände bezeichnet werden. 2012 ist der Platten-Schulbau nach dem Passivhausstandard saniert worden. 13,8 Millionen Euro investierten Bund, Land und Stadt gemeinsam, das war damals eine der größten Investitionen in die Bildungsinfrastruktur in Brandenburg.

Schule auf Zukunft ausgerichtet

Alle Klassenräume sind mit Whiteboards, digitalen Tafeln mit Internetzugang, ausgestattet. „Hätten wir damals die Lehrer gefragt, ob sie das wollen, hätte der Großteil abgelehnt“, erinnert sich Käßner. Für ihn stand jedoch von Anfang an fest, dass er eine Schule will, die auf die Zukunft ausgerichtet ist.

Mittlerweile sind viele der Schul-Computer aber schon wieder in die Jahre gekommen. Auch die Schul-Cloud, eine Datenwolke, mit der Schülern im Internet Speicherplatz und Anwendungssoftware zur Verfügung gestellt wird, ist nur bedingt einsetzbar. Vor allem Schülern im ländlichen Raum, die kein schnelles Internet haben, bleibt der Zugang versperrt. Hier sieht Käßner Handlungsbedarf. Doch ein anderer als der Lehrerberuf kam für den Doberlug-Kirchhainer nie infrage. „Ich gehe gern auf Menschen zu“, sagt er. Sein Verhältnis zu den Schülern bezeichnet er als „offen und transparent“.

Kommisarische neue Leitung

 Selbst den Unangepassten stehe er aufgeschlossen gegenüber. „Die Jugend darf provokant sein“, betont er. Das gelte  auch für die Aktivisten der Schüler-Klima-Demos „Fridays for future“, die ebenfalls an seinem Haus zu finden sind.  „Sie zeigen, dass sie das Denken bei uns gelernt haben“, sagt Käßner. Klimapolitik und Erderwärmung seien Inhalte des Unterrichts. Mit dem Vorruhestand verabschiedet sich Andreas Käßner auch vom Berufspendlerleben. Die vergangenen 13 Jahre war er täglich drei Stunden auf den Straßen zwischen seiner Heimatstadt Doberlug-Kirchhain und Cottbus unterwegs. Wie viel Lebenszeit das ist, hat er nie ausgerechnet. „Ich hatte das so gewollt“, sagt er. Nun beginnt für ihn die Freizeitphase einer siebenjährigen Sabbatical-Vereinbarung, die er mit seinem Arbeitgeber geschlossen hat.

Sein Stellvertreter Frank Ristau führt kommissarisch das Gymnasium, bis über die Neubesetzung des Schulleiterpostens entschieden ist.