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| 18:32 Uhr

Insektensterben
Kein Summen unterm Apfelbaum

18.04.2018, Baden-Württemberg, Ebringen: Imkerin Eva steht unter blühenden Kirschbäumen und kontrolliert eine Bienenwabe. Foto: Patrick Seeger/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
18.04.2018, Baden-Württemberg, Ebringen: Imkerin Eva steht unter blühenden Kirschbäumen und kontrolliert eine Bienenwabe. Foto: Patrick Seeger/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: Patrick Seeger / dpa
Cottbus. Die Obstbäume stehen in voller Blüte. Bienen aber hört und sieht man kaum in den Gärten. Von Andrea Hilscher

Ein riesiger Garten im Cottbuser Norden, eine Streuobstwiese voller Bäume. Süß- und Süßkirschen, Pflaume, Quitte und Birne stehen in voller Blüte. Die Knospen der Apfelbäume brechen gerade erst zartrosa auf. Ein prachtvoller Anblick, der eigentlich auf eine gute Ernte hoffen lassen könnte. Aber: Unter den Bäumen hört man derzeit – nichts. Erschreckende Stille. Dabei müssten sich Tausende von Bienen in den Baumkronen tummeln und pollenbeladen von Blüte zu Blüte fliegen.

Zahlreiche Gartenbesitzer haben sich bereits an die Imker der Region gewandt und sorgenvoll um Rat gefragt. Die Erklärung für das beängstigende Phänomen ist vielschichtig. Wilfried Jank, langjähriger Vorsitzender und heutiger Obmann  für Zucht im Cottbuser Imkerverein sagt: „Natürlich gibt es verschiedene Ursachen dafür, dass die Bienen vielleicht noch nicht überall so präsent sind wie gewohnt.“

Die Kälte: Noch zu Ostern hatten wie Schnee und sehr kalte Nächte. Die Biene hat quasi noch auf Sparflamme gelebt, die Königin hat erst spät mit dem Legen von Eiern begonnen. Die neuen Arbeitsbienen brauchen 21 Tage um zu schlüpfen. Ihr Aktionsradius beträgt anfangs nur 500 bis 600 Meter. Später bewältigen sie ohne Probleme drei bis fünf Kilometer.

Die Hitze: Nach der Kälte wurde es sofort ungewöhnlich warm, mit bis zu 29 Grad fast hochsommerlich. Wilfried Jank: „Normalerweise kommt die Biene, wenn die Salweide blüht. In diesem Jahr ist die Natur nach der Kälteperiode förmlich explodiert.“ Jetzt liegt die Blüte vor der Schlüpfzeit der Jungbienen. Die Bienen, die schon fliegen, meiden die Mittagshitze und sind am frühen Morgen und späten Abend unterwegs.

Das Insektensterben: Seit Jahren vermindert sich die Bienenpopulation. Das Nahrungsangebot ist zu gering, die geschwächten Völker sind anfällig für Krankheiten und Schädlinge (Varroamilbe). Viele Landwirte rund um Cottbus spritzen zwar häufig Mittel, die den Bienen offiziell nicht schaden. „Aber wenn sie die Felder genau dann besprühen, wenn die Bienen fliegen, werden die Tiere so irritiert, dass sie den Heimweg nicht mehr finden“, erklärt Wilfried Jank.

In den stadtnahe Bereichen stellen die Imker nach Einschätzung des Experten ausreichend Völker bereit, um die Bestäubung der Obstbäume abzusichern. „Aber auf dem flachen Land gibt es große Probleme, weil die Insekten einfach fehlen.“

In China ist es längst Realität, auch in Deutschland gibt es inzwischen Lehrgänge zum Bestäuben von Obstbäumen per Hand. Sinnvoller ist es, den eigenen Garten insektenfreundlich zu gestalten. Immerhin sind die Bestände der heimischen Insekten in den letzten 15 Jahren um über 80 Prozent zurückgegangen. Ohne die Bestäubungsleistung von Honig- oder Wildbienen würde die Erntemenge in der Region um bis zu 90 Prozent einbrechen

Der Naturschutzbund Nabu rät daher zur Pflanzung einer breiten Palette von einheimischen, möglichst ungefüllten Blumen und Kräutern. Überwinternde mehrjährige Stauden sollten bestenfalls erst Anfang Mai geschnitten werden. So können in den Stängeln und an den Blättern in Ruhe auch Insekten überwintern. Trockenmauern, Laubhaufen und Totholz bieten zahlreichen Insekten  Lebensraum. Wichtig: Auch Bienen haben Durst. Eine flache, mit Wasser gefüllte Schale und kleinen Kieselsteinen als Landehilfe schafft Abhilfe. Insektenhotels werden inzwischen von vielen Baumärkten angeboten. Beim Kauf sollten Interessenten auf Naturschutz-Siegel achten: Billigprodukte führen oft zu schimmliger Brut oder verletzten Tieren.