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Cottbus ist umzingelt

Was ist hier Ernst, was ist Spiel? Diese Frage stellen sich manche nicht nur beim Umgang der Wölfe untereinander.
Was ist hier Ernst, was ist Spiel? Diese Frage stellen sich manche nicht nur beim Umgang der Wölfe untereinander. FOTO: dpa
Cottbus. Rund um Cottbus leben derzeit vier Wolfsrudel (siehe Grafik). Darüber informiert André Pfeiffer. Peggy Kompalla

Der Wolfsbeauftragte von Spree-Neiße wurde vom Umweltausschuss eingeladen, um über seine Arbeit zu berichten. Doch genaue Zahlen kann der Fachmann nicht liefern. "Es ist gerade Wurfzeit", sagt er. Damit wachsen die Familien derzeit. Pfeiffer beruhigt im nächsten Atemzug: "Die Anzahl der Wölfe in einem Territorium ist nicht ausschlaggebend für die Anzahl der Übergriffe auf Nutztiere." Was für den Laien zunächst paradox klingt, erklärt der Wolfsbeauftragte genauer: "Ein einzelner Wolf kann genauso Schaden anrichten, wie ein Rudel. Haupternährer in einem Rudel sind die beiden Elterntiere, die ihre Jungen mit Futter versorgen müssen." Es seien in der Regel die Eltern für Übergriffe auf Nutztiere verantwortlich. Deshalb kritisiert der Wolfsbeauftragte den Deutschen Jagdverband Brandenburg. Der führt seiner Ansicht nach die Sorgen der Weidetierhalter als Argument für die Bejagung der Wölfe ins Feld. Dabei suggerierten die Jäger, dass die Bejagung der Wölfe die vorhandenen Probleme lösen wird. André Pfeiffer warnt jedoch: "Von Jägern zerschossene Rudelstrukturen werden die Weidetierrisse eher verstärken als eindämmen." Das hätten Forschungen in den USA gezeigt. "Da eine erneute Ausrottung der Wölfe rechtlich ausgeschlossen ist, können die Jäger das Problem gar nicht lösen."

Deshalb sei präventiver Schutz für die Nutztiere unabdingbar. Bewährt habe sich der Vierlitzenzaun mit Flatterband. Hobbytierhaltern mit wenig Vieh rät er: "Wenn die Tiere nachts in den Stall kommen, gibt es schon einen großen Anreiz weniger." Trotz aller Bemühungen werde es aber keinen hundertprozentigen Schutz der Herden geben. Da ist er sich mit allen Umwelt- und Tierschützern einig. Der Wolfsexperte versteht aber auch die Sorgen der Tierhalter. "Durch die zusätzlichen Schutzmaßnahmen entstehenden Kosten, die den Landwirten von den Schultern genommen werden müssen", erklärt er. "Das sollte die Aufgabe der Politik sein."

Auf die sogenannten Problemwölfe angesprochen, erklärt André Pfeiffer: "Das sind meist Tiere in den ersten beiden Lebensjahren." Die in diesem Jahr geborenen Jungtiere seien bereits Ende Oktober ausgewachsen und nicht mehr von ihren Eltern zu unterscheiden. "Sie benehmen sich aber wie alle jungen Lebewesen. Sie sind neugierig und entdecken die Welt für sich", sagt Pfeiffer. Die Jungtiere zeigten deshalb weniger Scheu. "Dann heißt es, der Wolf hat ja gar keine Angst." Ein anderes Phänomen beschreibt der Fachmann aus Gosda. "In der Gipsdeponie fahren ständig riesige Geräte. Die Wölfe dort kennen nichts anderes und lassen sich von den Fahrzeugen nicht stören. Aber sobald die Tür aufgeht, sind sie weg. Denn erst dann können sie die Witterung aufnehmen." Ähnliches wird von Landwirten berichtet, die mit ihren Traktoren auf dem Feld unterwegs sind.

Das Revier eines Rudels ist bis zu 250 Quadratkilometer groß. Im Norden von Cottbus lebt das Lieberoser Rudel, das teils bis an die Stadtgrenze kommt. Im Osten ist das Teichland-Rudel beheimatet, dessen Territorium bis nach Klinge reicht. Im Westen lebt das Großräschener oder Seeser Rudel, im Süden das Hornower Rudel. "Wenn sich in Welzow wieder etwas tut, dann ist die gesamte Fläche besetzt", sagt der Wolfsexperte.