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| 09:36 Uhr

Cottbus ist für sie Mittelpunkt der Welt

"Mein hervorstechendes Merkmal ist Mut", sagt Herta Venter. Wer der 64-jährigen Wahl-Cottbuserin zuhört, wenn sie aus ihrem Leben erzählt, wird dieser Selbsteinschätzung kaum widersprechen. Mit 20 Jahren ist sie allein mit dem Fahrrad zur Olympiade nach Rom gefahren. Mit 23 war sie eine von zwei Frauen in der Frachtschifffahrt der BRD. Mit 49 hat sie ein Hochschulstudium begonnen und mit 55 die Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Reinbek bei Hamburg aufgenommen. Ulrike Elsner

Im Sommer 2000 sind Herta Venter und ihr Ehemann Werner Greiner nach Cottbus gezogen. Das günstigere Klima und ein ererbtes Grundstück in Burg waren Beweggründe für den Alterswohnsitz. Den Sommer verbringt das Paar in Burg, wo sie sich in dem einfachen Sommerhäuschen im Grünen wohl fühlen. Den Winter verbringen sie in ihrer Cottbuser Wohnung.

Dann ist Herta Venter auch öfter im Frauenzentrum "Lila Villa" anzutreffen. Dort engagiert sich das langjährige SPD-Mitglied für Frauenrechte. Mit einer repräsentativen Stichprobe zur Arbeitsmarktreform hat die diplomierte Sozialwirtin unlängst nachgewiesen, "dass die ostdeutschen Besonderheiten des Arbeitsmarktes bei der Reform nicht berücksichtigt wurden" (die RUNDSCHAU berichtete).

"Ich habe immer ein auf Gleichstellung ausgerichtetes Leben geführt", sagt Herta Venter. So hat sie vielleicht gerade deshalb 1963 als Kochsmaat auf einem Küstenmotorschiff angeheuert, weil die Seefahrt eine absolute Männerdomäne war. "Eine Frau als Traktoristin, in der DDR nicht ungewöhnlich, bei uns gab es das nicht", sagt die Frauenrechtlerin. In der Wendezeit habe sie "mit großen Augen nach Osten geguckt und gehofft, dass wir von den DDR-Frauen profitieren". Eine Hoffnung, die Herta Venter später aufgeben musste.

In der BRD habe es nicht nur viel zu wenig Kindergartenplätze gegeben. "Die Mittelstands-Männer haben sich geschämt, wenn ihre Frauen berufstätig waren."

Auch Herta Venter hat nach Geburt ihrer beiden Kinder die Arbeit aufgegeben. Später hat sie Zeitungen ausgetragen, Heimarbeit gemacht oder alte Leute betreut. Für ihren Lebensunterhalt wirklich selbst zu sorgen, das hat sie aber erst in den 90er-Jahren erreicht, als sie sechs Jahre lang Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Reinbek war.

Wenn zur Begründung der Hartz-IV-Gesetze gesagt wird, dass Frauen durch die Ehe finanziell abgesichert wären, geht Herta Venter auf die Barrikaden. Ein von ihr unterstützter Antrag auf eigenständige soziale Sicherung von Männern und Frauen habe es allerdings nur bis zum Landesparteitag geschafft. "Dabei weiß jede Hausfrau, dass man vor allem die Einnahmen erhöhen muss, um einen Haushalt in Ordnung zu bringen."

Die gebürtige Rheinländerin ist in die Welt schon herumgekommen. Nach der Lehre als Hotel- und Gaststättengehilfin hat sie unter anderem in der Schweiz und in Spanien und sogar unterwegs, nämlich in einem Speisewagen der Deutschen Bundesbahn gearbeitet.

Gerade 20 Jahre war sie alt, als sie sich im Sommer 1960 mit dem Fahrrad zur Olympiade nach Rom aufmachte. Angst kannte die junge Frau nicht. Und als sie beim Klassentreffen nach 50 Jahren von den anderen hörte: "Du warst immer die, die offen ihre Meinung gesagt hat", hat sie das ein bisschen Stolz gemacht.

"Immer vorwärts schauen und das Schicksal meistern", war stets Grundsatz für die älteste von fünf Geschwistern. Als Tochter Jeannette mit fünfeinhalb Jahren schwer verunglückte und dabei das Gehör verlor, wurde die sprichwörtliche Tatkraft der jungen Mutter auf eine harte Probe gestellt. "Ich muss es schaffen, dass das Kind eine Lebens-perspektive hat", sagte sie sich. Tochter Jeannette hat als erste Gehörlose in Hamburg an einer normalen Schule das Abitur gemacht und studiert. Heute hat sie selbst eine Tochter.

Jeannette war es auch, die später der Mutter Mut gemacht hat, sich mit 48 der Zulassungsprüfung an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik zu stellen. "Was Björn Engholm geschafft hat, schaffst du auch", habe sie ihr damals gesagt.

52 war Herta Venter, als sie ihr Diplom in den Händen hielt. "Ich habe meine Diplomarbeit über DDR-Frauen in der Wende geschrieben", sagt sie, "und damals gar nicht geahnt, dass ich einmal selbst hier sein werde".

Wie groß der Schritt zur Hochschulbildung war, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Herta Venter mit 14 Jahren die Volksschule verlassen hat. Der Vater habe damals für sie entschieden: "Du lernst jetzt kochen."

Heute ist Neu-Lausitzerin glücklich, wenn sie mit ihrem Mann, der viele Jahre als Schiffsoffizier auf der Nord- und Ostsee unterwegs war, ihre kleine ökologische Landwirtschaft in Burg betreiben kann. Vor dem Grundstück steht in der Erntezeit ein Tisch, auf dem sie ihre Produkte anbietet. "Paprika geht am besten", sagt sie.

An Cottbus liebt das Paar vor allem, dass die Stadt "ein bisschen wie Mannheim aussieht", wo Ehemann Werner Greiner geboren ist. Die Parks und die Kultur haben es beiden angetan. Herta Venter sagt: "Ich hab kein Heimweh. Wo ich bin, dort ist für mich der Mittelpunkt der Welt."