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| 11:41 Uhr

Aktion der Initiative „Cottbus macht’s“
Picknick mit Visionen

 Stefan Restemeier, Anne-Kathrin Selka und Christian Schömberg leben gern in Cottbus.
Stefan Restemeier, Anne-Kathrin Selka und Christian Schömberg leben gern in Cottbus. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Cottbus. Mehr als 250 Gäste reden und speisen gemeinsam bei „Cottbus is(s)t“ im Puschkinpark Von Liesa Hellmann

Auf den Tischen stehen Schüsseln und Teller, gefüllt mit Salaten, Kuchen, belegten Broten, Aufstrichen, Obst und Dips. Es wird Tee und Wasser ausgeschenkt, Sonnenschirme sind aufgestellt. Die Initiative „Cottbus macht‘s“ hat am Samstag in den Puschkinpark in Cottbus geladen: zum gemeinsamen Austausch, Essen, Beisammensein. Rund 250 Menschen haben bis Mittag vorbeigeschaut, wie Jörg Ackermann, der „Cottbus is(s)t“ mitorganisiert hat, einschätzt.

Gekommen sind Menschen, die  schon ihr ganzes Leben in Cottbus leben, die erst vor Kurzem hierher gezogen sind, und Rückkehrer. Ihnen gemeinsam: Sie wollen ins Gespräch kommen. Manche mit ihren Nachbarn, andere mit gänzlich unbekannten Menschen. An den Tischen herrscht ein Kommen und Gehen.

Die Zugezogenen

Dawlat Kanadri hat syrische Teigtaschen mit Spinat und Käse mitgebracht. Das Rezept hat sie von ihrer Mutter, auch den Käse hat sie selbst gemacht. Jeden Freitag kann man ihr Gebäck im Nachbarschaftsladen Sandow probieren. Seit drei Jahren lebt Dawlat Kanadri in Sandow. Im Vergleich zu ihrer ehemaligen Heimatstadt Homs in Syrien sei Cottbus viel kleiner, erzählt sie. „Cottbus gefällt mir gut, die Wege sind kurz und alles ist leicht zu erreichen.“

 Rund 250 Menschen kamen zur Aktion. An den Tischen herrschte ein Kommen und Gehen.
Rund 250 Menschen kamen zur Aktion. An den Tischen herrschte ein Kommen und Gehen. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Neben ihr sitzt Mahfoud Mankour. Für ihn ist Cottbus zu einer zweiten Heimat geworden. „Hier habe ich meine Familie, mein Netzwerk, meine Freunde“, sagt er. 1999 ist er wegen der angespannten politischen und wirtschaftlichen Lage aus Algerien nach Cottbus gekommen. „In Sandow fühle ich mich sicher. Auch wenn es am Anfang nicht leicht war“, sagt er.

Mittlerweile ist er gemeinsam mit Anna Diadik als Quartiersläufer in Sandow unterwegs. Mit Projekten wie Festen, Spieletagen und Beratungsangeboten setzen sie sich „für ein gelungenes Miteinander in Sandow ein“, wie Anna Diadik sagt. „Die Stadt ist wunderschön, es gibt Parks, Museen, Kultur, mehrere Theater. Hier kann man das Leben leben mit Genuss.“

Anna Diadik ist vor sieben Jahren nach Cottbus gekommen. Gespräche zwischen Fremden, an der Ampel, der Supermarktkasse oder der Bushaltestelle, wie sie es aus der Ukraine kenne, erlebe sie in Deutschland kaum, erzählt sie. „Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr miteinander sprechen.“ Zum einen, weil man im Gespräch am besten eine neue Sprache lerne. Zum anderen, weil das Reden mit anderen Menschen gut tue, einem selbst und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 Viele nutzten die Gelegenheit, um mit dem Nachbarn oder gänzlich Unbekannten ins Gespräch zu kommen.
Viele nutzten die Gelegenheit, um mit dem Nachbarn oder gänzlich Unbekannten ins Gespräch zu kommen. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Der Alteingesessene

Einer, der fast sein ganzes Leben in Cottbus verbracht hat, ist Hans-Georg Wagner. Als Kind hat er viel Zeit im Puschkinpark verbracht, wurde dort, wie er sagt, für die Kunst geprägt. Seit 33 Jahren ist er als bildender Künstler tätig, seine Werke werden öffentlich ausgestellt. „Cottbus ist eine Stadt, der ein bürgerliches Selbstverständnis fehlt“, stellt er kritisch fest. Den Cottbusern fehle das Selbstbewusstsein, der Stolz auf das Eigene.

„So etwas muss wachsen, das lässt sich nicht erzwingen“, sagt Wagner. Stärken erkennen, eine eigene, positive Identität aufbauen, das ist es, was Cottbus aus seiner Sicht braucht. „Cottbus is(s)t“ sei dazu ein Ansatz. Nun müsse man dran bleiben. „Eine spannende, in sich stimmige Arbeit, die ausstrahlt, bringt mehr als ein Projekt nach dem anderen“, betont er.

Die Rückkehrer

Die Ausstrahlung, die Cottbus vor allem überregional hat, bewegt auch Teilnehmer an den Tischen. „Für mich war Cottbus lange Zeit mit Rechten verbunden“, erzählt Christian Schömberg. In Cottbus geboren, ging er für eine Ausbildung ins Saarland, wollte dann zum Architekturstudium nach Berlin. Nur weil die Studienplatzzusage von der BTU kam, kehrte er nach Cottbus zurück. Nun lebt er mit seiner Familie hier und hat ein Unternehmen gegründet. Sein Blick auf die Stadt hat sich geändert: „Viele Menschen, die Cottbus besuchen, verstehen die negative Darstellung in den Medien nicht. Es gibt hier so viel Potenzial“, sagt er.

Das sieht Anne-Kathrin Selka ähnlich. Auch sie ist eine Rückkehrerin, hat in Hessen gelebt. „Cottbus ist eine grüne Stadt und hat eine gute Größe. Kulturell hat sich einiges entwickelt“, betont sie. Die Stadt habe aber noch Potenzial. Visionen brauche es und eine Möglichkeit, sich auszutauschen. Darin sind sich Schömberg und Selka einig. „Wichtig ist, dass alle an eine positive Veränderung glauben“, sagt Selka. Und natürlich müsse auch jeder selbst etwas dazu beitragen.

Christian Schömberg wäre gern auch mit Menschen ins Gespräch gekommen, die möglicherweise eine ganz andere Sichtweise auf Cottbus haben. Doch die scheinen den Weg in den Puschkinpark nicht gefunden zu haben.