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| 15:30 Uhr

Cottbus International
Ein deutscher Meister aus Afghanistan

 Walid Ahmad Tarakhil aus Afghanistan in der Turnhalle von Sandow.
Walid Ahmad Tarakhil aus Afghanistan in der Turnhalle von Sandow. FOTO: LR / Nils Ohl
Cottbus. In Cottbus leben und arbeiten Menschen aus rund 110 Nationen. Wie sie sich hier zurechtfinden, was sie an ihrer neuen Heimat schätzen und auch, was ihnen vielleicht fehlt, darüber reden sie in unserer Serie „Cottbus international“. Heute: Walid Ahmad Tarakhil Von Nils Ohl

Er ist zweifacher deutscher Meister – in Sambo, einer russischen Kampfsportart. „Schon als Kind in Afghanistan habe ich Kampfsport gemacht“, erklärt Walid Ahmad Tarakhil. Damals in Kabul hat er Wushu betrieben, ein Kampfsport mit chinesischen Wurzeln.

Wer mit Walid Ahmad durch die Turnhalle in Sandow geht, ihn beim Aufschließen der Geräteräume oder beim Gespräch mit anderen Sportlern beobachtet, merkt schnell, dass er hier zu Hause ist wie ein Fisch im Wasser.

2015 kam Walid Ahmad noch als Minderjähriger nach Deutschland. Sein Betreuer entdeckte das sportliche Talent und vermittelte ihn zum Ringen. Bald kam Sambo dazu. Diese Kunst der Selbstverteidigung ist vom Judo abgeleitet und wurde von der sowjetischen Armee für die Nahkampfausbildung entwickelt.

Obwohl er inzwischen im Sambo seine größten Erfolge feierte, hat Walid Ahmad das Ringen nicht aufgegeben. Hier hatte er es bei einer deutschen Meisterschaft schon zum 5. Platz in der 70-Kilogramm-Klasse gebracht. Neben seinen Kampfsportarten betreibt Walid Ahmad noch Volleyball und Fußball. „Nur zum Ausgleich. Sport liegt mir im Blut. Ich könnte nicht den ganzen Tag rumsitzen“, erklärt er lächelnd.

Inzwischen hat er eine Trainerlizenz erworben und trainiert Kinder und Jugendliche von zehn bis 18 Jahren – dreimal pro Woche im Ringen, zweimal pro Woche in Sambo.

„Für die Trainerlizenzen habe ich vor allem am Wochenende gelernt“, berichtet Walid Ahmad. Das war nicht leicht, denn an den Wochenenden ging und geht es häufig zu Wettkämpfen. Und in der Woche absolviert er – neben der Schule – selbst ein straffes Trainingsprogramm. Wobei er bedauert, trotz seiner deutschen Meistertitel nicht bei internationalen Wettkämpfen starten zu dürfen.

Auch beruflich möchte er gern beim Sport bleiben. Er könnte sich zum Beispiel gut vorstellen, zeitweise als Fitnesstrainer zu arbeiten. Aber davon allein will er nicht leben. „Ich würde gern studieren. Etwas in Richtung IT oder Ingenieur“, erklärt er. Aber dafür hat er nicht den richtigen Aufenthaltstitel. „Ich muss endlich eine richtige Ausbildung haben“, sagt der junge Afghane. Deshalb will er sich jetzt als Zimmermann bewerben.

Als Schüler hat Walid Ahmad Tarakhil in Kabul mehrere Selbstmordattentate aus unmittelbarer Nähe erlebt. Einmal traf ein Splitter seine Lippe. „Gut, dass es nicht das Auge getroffen hat“, meint er dazu. Dass er damals schon sehr intensiv Sport trieb, hat seiner Familie auch auf Grund der Sicherheitslage nicht gefallen.

„In Deutschland bin ich zuerst in Eisenhüttenstadt angekommen und wurde dann nach Cottbus geschickt“, sagt Walid Ahmad. Von der Stadt habe er vorher nichts gewusst und erst später gemerkt, welche Diskussion und Probleme es beim Thema Integration hier gibt.

„In Deutschland war es am Anfang schwierig. Mir hat die Familie gefehlt. Die Jugendkultur, das Essen – so vieles war anders, auch dass  Jungen und Mädchen zusammen in ein Klasse gehen. In Kabul gibt es für Jungen und Mädchen getrennte Schulen. Ich kann es gar nicht alles auf einen Punkt bringen“, erinnert er sich. „Aber ich komme gut klar“.

Vor seiner Ankunft beherrschte Walid Ahmad – neben den afghanischen Sprachen Paschtunisch und Dari – Englisch und etwas Russisch. Per Youtube hat er sich dann über den Vergleich mit Englisch die Anfänge der deutschen Sprache selbst beigebracht. Im normalen Unterricht an der Walddorfschule hat er diese Kenntnisse dann ausgeweitet.

Der Sport habe ihm sehr geholfen, so Walid Ahmad, schnell neue Kontakte zu knüpfen: Zu russischen und deutschen Trainern, zu den Kindern der Sportgruppen bis hin zum chilenischen Augenarzt, der in seiner Freizeit ebenfalls dem Kampfsport frönt.

„Cottbus finde ich gut. Mir gefällt zum Beispiel der Altmarkt“, sagt Walid Ahmad. Was ihm nicht so gefällt, seien die „Bierecken“. Da wäre er beim Vorbeigehen schon oft angepöbelt worden. „Aber darauf reagiere ich nicht“, so Walid Ahmad. Er hebt hervor, wie viele gute und höfliche Menschen er in Cottbus getroffen habe. „Schlechte Menschen gibt es überall, ob hier oder in Afghanistan.“ Und wenn er von seiner alten Heimat erzählt, merkt man, wie sehr er es schätzt, in Deutschland einfach einen normalen Alltag zu leben, ohne Bomben, Armut und Kriegsgefahr.

„Ich wünsche mir sehr, dass ich bald den Pass kriege und etwas von meinem Leben haben kann“, sagt Walid Ahmad. „Alle Menschen sollten in Ruhe und Frieden leben können.“