ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:19 Uhr

Cottbus International
Ankommen in der neuen Heimat

 Patricia Fuentealba lebt seit vielen Jahrzehnten in Cottbus. Trotzdem wird sie manchmal als Fremde behandelt.
Patricia Fuentealba lebt seit vielen Jahrzehnten in Cottbus. Trotzdem wird sie manchmal als Fremde behandelt. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. In Cottbus leben und arbeiten Menschen aus rund 110 Nationen. Einige von ihnen sind schon seit Jahrzehnten in der Stadt ansässig, andere beginnen gerade erst damit, in der Region heimisch zu werden. Wie diese Menschen sich in Cottbus zurechtfinden, was sie an ihrer neuen Heimat besonders schätzen und was ihnen vielleicht auch fehlt, darüber reden sie in unserer Serie „Cottbus international“. Heute: Patricia Fuentealba aus Chile Von Andrea Hilscher

Eine kleine zierliche Frau mit schwarzen Locken und lebhaftem Blick: Die gebürtige Chilenin Patricia Fuentealba fällt auf, wenn sie einen Raum betritt. Sie ist schon als Kind mit ihren Eltern nach Cottbus gekommen, lebt seit den 1970er Jahren in der Stadt. „Mein Vater war Politiker in Chile, er musste damals das Land verlassen.“ Doch das, was für die Eltern ein schwer zu meisterndes Schicksal war, sahen Patricia und ihre fünf Geschwister ganz anders. „Es war ein spannendes Abenteuer, plötzlich in Cottbus zu sein“, erinnert sie sich. „Die Farben, die Häuser, alles war anders und hat mich begeistert.“

Das Lernen fiel ihr nicht schwer, in der Schule gab es extra einen Intensiv-Kurs für Kinder aus Chile und Uruguay. „Wir sind mit sehr viel Liebe hier empfangen worden“, erzählt Patricia Fuentealba. An unangenehme Situationen könne sie sich kaum erinnern. „Wir haben uns sehr schnell mit den Kindern hier angefreundet und unkompliziert gespielt.“

Für ihre Eltern sei es sehr viel schwerer gewesen, sich mit dem Leben in Cottbus zu arrangieren. Sie kehrten daher nach Chile zurück, als sich die politischen Verhältnisse dort Ende der 1980er Jahre änderten. „Aber wir Kinder hatten in der Zwischenzeit hier Wurzeln geschlagen. Hatten uns verliebt, zum Teil deutsche Partner geheiratet.“

Die Kinder der einstigen Auswanderer waren zerrissen, schwankten zwischen den unterschiedlichen Welten und mussten sich letztlich entscheiden, wo sie auf Dauer bleiben wollten. Patricia Fuentealba ist in Cottbus geblieben, lebt hier mit ihrem chilenischen Mann und zwei fast erwachsenen Kindern. Sie selbst hat inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Wahrgenommen wird sie dennoch häufig als Fremde, als Ausländerin.

„Man kann das Leben früher und heute nicht mehr miteinander vergleichen“, sagt sie. Zu viel habe sich verändert in der Stadt und bei den Menschen. Sie selbst stößt im Alltag immer wieder auf befremdliche Situationen. „Ich habe Akzent, ich sehe etwas anders aus als typische Deutsche. Prompt werde ich auf Ämtern oder beim Einkaufen anders behandelt.“ Ihren Kindern bleiben derartige Erlebnisse zum Glück erspart. „Sie sind völlig integriert und fühlen sich hier absolut Zuhause.“

Patricia Fuentealba selbst versucht, ihre Erfahrungen zu nutzen und denen zu helfen, die jetzt als Neuankömmlinge in die Stadt kommen. Sie arbeitet als Gruppenhelferin in der Schmellwitzer Oberschule. Wenn Kinder Probleme mit dem Unterricht haben, sich unwohl oder überfordert fühlen, finden sie bei der warmherzigen Frau Unterstützung. „Bei den Flüchtlingskindern wissen wir leider oft nicht, wie sie in ihrer Heimat gelebt haben. Sind sie zur Schule gegangen? Kennen sie geregelte Tagesabläufe? Was haben sie auf der Flucht nach Deutschland erlebt?

Die Gruppenhelferin versucht, den  Kindern mit Liebe und Respekt zu begegnen. „Das Zusammenleben ist für alle Beteiligten eine Herausforderung.“ Aber mit Ruhe und Geduld lässt sich gemeinsam sehr viel schaffen, davon ist sie überzeugt. Aus diesem Grund engagiert sie sich ehrenamtlich in vielen Bereichen, ist jetzt auch Mitglied im Integrationsbeirat von Cottbus.  Weil es ihr Spaß mache, und weil es wichtig sei, sagt sie. „Wenn man die Nachrichten sieht und sich anschaut, wie die rechten Bewegungen um sich greifen, dann blickt man mit Sorge auf  die Zukunft der Stadt“, sagt die Deutsch-Chilenin.

Wenn chilenische Freunde oder Verwandte in Cottbus zu Besuch sind, sind sie jedes Mal begeistert von der Stadt. Von dem vielen Grün, den schönen Häusern, der reizvollen Landschaft. „Aber mir tut es weh, dass sich das Leben hier so verändert hat. Selbst enge Freunde vertreten plötzlich Meinungen, die ich nie für möglich gehalten hätte.“

Ob sie selbst ihren Lebensabend lieber in Chile oder in Deutschland verbringen möchte? Sie zuckt die Achseln. Sie sei sich nicht sicher. Aber irgendwann müsse die Familie doch ankommen an einem Ort. Nicht mehr zerrissen sein. „Das“, so sagt sie, „muss ein Ende haben.“