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| 10:21 Uhr

Schwierige Wortwahl bei Suche nach „unbekanntem Ausländer“
Kontroverse Debatte über Cottbus

 Stadtbrunnen.
Stadtbrunnen. FOTO: Daniel Schauff
Cottbus. Eine Erklärung der Stadt zur Silvester-Attacke sorgt bundesweit für Kritik und Zuspruch. Von Andrea Hilscher

Von Andrea Hilscher

Die Stadt ist bundesweit wenige Stunden nach Beginn des neuen Jahres in die Schlagzeilen geraten: Zum einen mit dem Angriff eines bisher unbekannten Täters auf einen jungen Deutschen am Stadtbrunnen, zum anderen mit einer Erklärung der Stadt, deren Wortwahl kontroverse Debatten auslöst.

Zu Punkt 1: Die Polizei hofft weiterhin auf Zeugenhinweise, die den Vorfall aus der Silvesternacht am Stadtbrunnen aufklären können. Nach Aussage von Polizeisprecher Torsten Wendt haben sich auf einen öffentlichen Aufruf bisher keine Zeugen gemeldet. Bisher gibt es also nur einen einzigen Zeugen, der die Tat beobachtet hat und einen Täter mit „südländischem Aussehen“ gesehen haben will. Den Tathergang beschreibt die Polizei wie folgt: Nachdem ein 28-jähriger Deutscher einen Streit schlichten wollte, kamen mehrere Personen hinzu, welche zunächst ebenfalls zur Streitschlichtung beitrugen.“ Plötzlich sei die Stimmung gekippt, der Täter stach mehrfach mit einer Stichwaffe auf den 28-Jährigen ein und verletzte ihn. Noch ist das Opfer nicht vernehmungsfähig.

Zu Punkt 2: Nachdem die Polizei sich über Twitter von ihrer anfänglichen Suche nach einem „unbekannten Ausländer“ distanziert hatte, hat auch die Stadtverwaltung klargestellt, „dass wir gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in unserer Stadt sind.“

Dennoch blieb die Stadt bei ihren umstrittenen Formulierungen: „Sollte der oder die Täter hier noch ein Gastrecht genießen und kein unbeschriebenes Blatt sein, werden wir nicht zögern, ihm oder ihnen klarzumachen, dass er oder sie ein Ticket in die Heimat zu lösen haben.“ Und weiter: „Wir lassen unsere Stadt nicht durch Typen beschädigen, die sich nicht benehmen können und denken, Konflikte auf diese Art lösen zu können.“

Diese Formulierungen hatten binnen weniger Stunden bundesweit für Kontroversen gesorgt. Die Nachrichtenmagazine Spiegel Online und Focus Online sowie zahlreiche Tageszeitungen wie etwa „Die Welt“ oder die „Frankfurter Rundschau“ berichteten über die Empörung, ebenso aber auch über Zustimmung, die die städtische Presserklärung ausgelöst hat.

Auf Twitter meldeten sich Nutzer, die schrieben: „Schäm Dich, Cottbus“ oder „Und dann wundern sich einige, dass sie in die rechte Ecke gestellt werden.“ Auf Facebook gab es Kommentare, die das gesamte Meinungsspektrum abdeckten: „Eine Schande, dass eine Stadt in Deutschland sich so etwas trauen darf“ war ebenso zu lesen wie „Man kann sich auch ausgewogen und sachlich zu solchen Ereignissen äußern. Teile der Stadtverwaltung offenbar nicht mehr.“

Auch Zustimmung war im Netz zu finden: „Die Stadtverwaltung Cottbus ist nicht dafür da, bundesweit Lob in sozialen Netzwerken zu bekommen. Sondern sie ist für die Bürger der Stadt Cottbus da. Und ich denke, dass sie mit diesen Worten der großen Mehrheit der Cottbusser aus der Seele spricht.“ Stadtsprecher Jan Gloßmann wird von einigen Einwohnern ausdrücklich gelobt. Ein Nutzer schreibt: „Sie haben mit ihrer Art der Berichterstattung den meisten Cottbusern – und da bin ich mir in der Angabe der Anzahl sehr sicher – auch aus dem Herzen gesprochen. Danke. Bitte stehen sie jetzt den vielen Anfeindungen mit Kraft und Mut entgegen. Wir stehen zu ihnen.“

Auch das politische Cottbus debattiert über die Mitteilung des Stadtsprechers. Einig sind sich dabei alle Beteiligten in ihrem Mitgefühl mit dem Opfer.

Hagen Strese (CDU): „Wir stehen hinter der Aussage der Stadt. Es ist wichtig, hier klare Worte zu finden und aufzuzeigen, welche Konsequenzen es hat, wenn man sich nicht an die Regeln hält. Aber natürlich muss zunächst ermittelt werden, ob es sich bei dem Täter tatsächlich um einen Asylbewerber handelt.“ Im übrigen, so Strese, habe auch der Oberbürgermeister von Frankfurt/Oder klare Worte gegenüber straffällig gewordenen Flüchtlingen gefunden. „Aber weil der in einer anderen Partei war, hielt sich die Kritik an ihm in Grenzen.“

Gunnar Kurth (SPD): „Der Stadtsprecher hat den Stein zu weit geworfen, der Oberbürgermeister sollte seinen engsten Mitarbeiter zur Räson rufen. Stammtischparolen haben in einer öffentlichen Verlautbarung nichts zu suchen.“ Unabhängig davon verurteile er jede Form der Gewalt.

André Kaun (Die Linke): „Ich schäme mich für das, was an Hetze in der öffentlichen Debatte in dieser Stadt möglich ist. Wir sollten uns vor Halbwahrheiten hüten und den Rechtsstaat schützen.“ Der Sprecher des Oberbürgermeisters habe im Falle der Pressemitteilung seine Kompetenzen überschritten. Gewalt, so stellt Kaun klar, sei nicht akzeptabel, egal aus welcher Richtung.

Marianne Spring-Räumschüssel (AfD): „Der Worte sind genug gewechselt, wir müssen endlich Taten sehen. Ich habe kein Verständnis dafür, dass wir uns hier demütigen lassen müssen. Deshalb muss im Aufenthaltsrecht endlich klar geregelt werden, dass rausfliegt, wer kriminell auffällig ist. Und einreisen sollte nur der dürfen, der auch Papiere vorlegen kann.“

Petra Weißflog (Bündnis 90/Grüne): „Wir sehen es sehr kritisch, wenn die Stadt mit einer Art Vorverurteilung an die Öffentlichkeit geht. Die Stadt sollte die Debatte versachlichen – am rechten Rand zu fischen hat noch nie etwas gebracht.“ Polizei und Justiz sollten ihre Arbeit tun, „dafür gibt es geordnete rechtsstaatliche Verfahren, die ohne Ansehen der Person angewendet werden.“

Jürgen Maresch (Unser Cottbus): „Unglücklich formuliert. Man sollte abwarten, was die Ermittlungen der Polizei ergeben. Dann ist es Zeit, über mögliche Konsequenzen zu reden.“ Eine Nähe zum Rechtsextremismus sehe er in den Formulierungen allerdings nicht.

Der Oberbürgermeister, so erwarten Beobachter, wird sich nach seiner Rückkehr in den Dienst mit der Angelegenheit befassen.