Von Andrea Hilscher

Ein wenig Nervosität ist zu spüren. Marianne Materna, Kinder- und Jugendbeauftragte der Stadt, zählt am Dienstagabend immer wieder die Stuhlreihen im Glad-House durch. „20,30 . . . 40 Leute sollten schon kommen“, sagt sie, kann sich dann aber erleichtert zurücklehnen: Das Angebot eines Dialogs zwischen jungen Menschen, Oberbürgerbürgermeister Holger Kelch (CDU) und Stadtverordnetenchef Reinhard Drogla (SPD) ist auf offene Ohren gestoßen, der Saal wird voll.

Das Prinzip des Bürgerdialogs, mittlerweile in der 14. Auflage erfolgreich, scheint auch bei den jungen Menschen in der Stadt zu funktionieren: Zunächst etwas reserviert, später immer mutiger, stellen sie den Politikern ihre Fragen zum Alltag in Cottbus. Diese Fragen stehen zum Teil in deutlichem Kontrast zu den Bildern, die der neue Image-Film von Cottbus liefert.

„In dem Film sind ausschließlich junge Leute zu sehen“, sagt ein junger Mann, der gleich darauf fragt: „Was bietet die Stadt den Jugendlichen, wie will sie junge Menschen anlocken?“ Ein wichtiges Element von Jugendkultur sei das Feiern und eine bunte Club-Szene. „Aber in den letzten zehn, 20 Jahren ist da unheimlich viel kaputt gegangen, heute gibt es fast nichts mehr für uns“, so die Klage.

OB Holger Kelch: „Die Menschen sind tatsächlich sensibler geworden, was zum Beispiel Lärmbelästigungen angeht.“ Auch seien die Sicherheitsauflagen in den letzten Jahren ständig verschärft worden, die Stadt müsse auf die Einhaltung immer neuer Gesetzesvorgaben achten. „Wer einen neuen Laden aufmachen will, der sollte sich mit der Verwaltung in Verbindung setzen und schauen, wo so etwas überhaupt möglich ist“, rät der OB.

Anderes wichtiges Thema: Die Möglichkeiten für Skater und BMX-Fahrer. Georg Pohl, Abiturient aus Teichland: „Ich nutze seit fünf Jahren die Anlagen in Cottbus und staune immer, was andere Städte in dieser Hinsicht auf die Beine stellen.“ Er und seine Sport-Kollegen würden sich schon über kleine Verbesserungen freuen: Beleuchtung in den Abendstunden, Sitzmöglichkeiten, Unterstellplätze als Schutz bei Regen. Bürgermeisterin Marietta Tzschoppe (SPD) will sich mit den Jugendlichen treffen, um konkrete Maßnahmen abzusprechen. Reinhard Drogla sagt: „Wir müssen akzeptieren, dass sich die Freizeitbedürfnisse geändert haben und darauf reagieren.“

Reagieren will die Stadt auch auf das Bedürfnis nach mehr Kommunikation: Viele Schüler beklagen, dass für den Jugenddialog zu wenig Werbung gemacht wurde. Außerdem gebe es kaum Informationen über Mitwirkungsmöglichkeiten und Termine von Sitzungen der Stadtverordneten. Hier sind Lösungsvorschläge gefragt.

Klima- und Umweltschutz wird von den Jugendlichen ebenfalls angesprochen. Reinhard Drogla unterstützt ihr Interesse: „Wenn Ihr dafür kämpft, dass Ihr künftig klares Wasser und saubere Luft habt, dann macht Ihr alles richtig.“ OB Kelch sieht das ähnlich, trotz der hohen Bedeutung, die er der Schulpflicht einräumt. „Aber wir sollten auch darüber nachdenken, wie wir leben. Brauchen wir grüne Bohnen, die aus Kenia eingeflogen werden? Können wir weiter auf Kosten der ärmeren Länder unseren Wohlstand mehren?“

Das Stichwort grüne Bohnen fiel wenig später noch einmal beim Thema Schulspeisung, die Reinhard Drogla „steinzeitlich“ findet. Die Schüler offenbar auch – von ihnen nutzt kaum einer die Angebote der Caterer. „Eigene Schulküchen wären eine Alternative“, sagt Drogla. „Das wäre frisch, lecker und regional – aber sicher auch etwas teurer.“

Der Kreisschülerrat brachte das Gespräch auf Fragen von Sicherheit, Gewalt und Aggression. Rat der Politiker: „Im Ernstfall lieber einen Schritt zurück, sonst wacht man plötzlich im Krankenhaus auf.“  Um das Problem an Grundschulen anzupacken, wollen ältere Jugendliche jetzt mit den Kleineren ins Gespräch kommen.

Im Gespräch bleiben: Künftig soll es auf Wunsch der Schüler regelmäßig themenorientierte Gespräche geben. Anregungen dazu werden bis zu den Sommerferien unter dialog@cottbus.de aufgenommen.