ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 09:10 Uhr

Cottbus – größte zweisprachige Stadt Deutschlands

Fühlen sich wohl in ihrer Schule: Charlott Lehmann und Konstantin Scholz.
Fühlen sich wohl in ihrer Schule: Charlott Lehmann und Konstantin Scholz. FOTO: U.Elsner
Cottbus. Das Jubiläum "850 Jahre Cottbus" hat dem dieser Tage erschienenen sorbischen/wendischen Buchkalender "Serbska pratyja 2006" das Motto gegeben. "Wir identifizieren uns mit dieser Stadt. Es ist unsere Stadt", sagte Redakteur Erwin Hanusch bei der Buchvorstellung im Wendischen Haus. Von Ulrike Elsner

Was am "Pratyja" auf den ersten Blick auffällt, ist die Mischung zwischen Historischem und Aktuellem, zwischen Abhandlungen zur Geschichte und Literarischem. "Ohne das sorbische (wendische) ,Chosebuz’ gäbe es kein latinisiertes ,Chotibuz’ in der ersten urkundlichen Erwähnung unserer Stadt im Jahre 1156 und schließlich auch nicht das heutige moderne ,Cottbus’", heißt es im Beitrag, den Oberbürgermeisterin Karin Rätzel beigesteuert hat. Cottbus sei immerhin die größte zweisprachige Stadt Deutschlands. Als "besonders zukunftsweisend "bezeichnet die Oberbürgermeisterin dies: "Wir haben in Cottbus/Chosebuz gezeigt, wie aus Mehrheit und Minderheit, aus einem großen und einem kleinen Volk, eine stabile Gemeinschaft entstehen kann. Wir haben gezeigt, dass dafür der in der EU oft diskutierte Abbau von Vorurteilen und Stereotypen zwar eine Voraussetzung ist, aber allein noch nicht ausreicht." Vielmehr bedürfe es "gegenseitiger Rücksichtnahme, insbesondere gegenüber dem kleineren Partner". Schmunzeln und sogar schallendes Gelächter erntet Jurij Koch für die Beantwortung der Frage, ob er ein Stadtmensch sei. "Ich habe nämlich zwei Heimaten", so das Fazit seiner Geschichte. Die eine sei das Dorf Horka im Kamenzer Kreis, die andere Cottbus, wo er als 17-Jähriger beim Radio angefangen hat. Auch der Pole Janusz Sloka hat in Cottbus eine neue Heimat gefunden. "Ich habe mich fast wie zu Hause gefühlt, als ich das erste Mal mit Sorben in Kontakt getreten bin", schreibt er in seinen Erinnerungen. Besonders wichtig sei der Kinder- und Jugendteil des Kalenders, betont Erwin Hanusch. Der richtet sich nicht nur an Kinder, sondern ist auch von Kindern mitgestaltet worden. So bekennen Charlott Lehmann (10) und Konstantin Scholz (11), dass sie sich in ihrer Schule, der Evangelischen Grundschule in Ströbitz, wohl fühlen. Allerdings haben sie auch einen sehnlichen Wunsch, den sie in Sorbisch vorbringen: "Wir möchten, dass unsere schöne alte Turnhalle repariert wird, damit wir dort wieder Sport treiben können." Auch ältere Schüler haben sich am Buchprojekt beteiligt. So hat Chris Hanusch aufgeschrieben, was es für ihn bedeutet, Schüler des Niedersorbischen Gymnasiums zu sein. Und Anna Daßler berichtet über ein Austauschjahr in Texas, wo sie ihren Mitschülern die sorbische Kultur nahe gebracht hat. Dr. Peter Kunze hat nachgeforscht und aufgeschrieben, wie sich 1856 mit der Einführung des fakultativen Sorbischunterrichts am Cottbuser Friedrich-Wilhelm-Gymnasium ein lang ersehnter Wunsch sorbischer Intellektueller erfüllte. Und wie dieser Unterricht am 1. April 1888 wieder eingestellt wurde. Trotz energischen Protests sei die preußische Administration bei ihrer ablehnenden Haltung geblieben. Manfred Starosta analysiert einen Text von Mato Kosyk und Ingrid Hustädt schreibt über die Begegnung von Marjana Domaskojc und Mina Witkojc. Marjana Domaskojc’ Verdienst sei es gewesen, "die vom dörflichen Volk gesprochene Sprache ins Schrifttum erhoben zu haben". Service Buchkalender "Pratyja" Der sorbische Buchkalender "Pratyja" ist 1880 erstmals erschienen. Seit 1993 liegt die Redaktion in den Händen des Slawisten und Sorbischlehrers Erwin Hanusch. Zum Preis von vier Euro ist der Kalender unter anderem in der "Lodka" im Wendischen Haus und in den Heron-Buchhandlungen erhältlich.