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| 07:37 Uhr

Neue Aspekte der Integrationsdebatte
Cottbuser Ehepaar: Im Ruhestand nach Damaskus

 Die Cottbuser Flüchtlingshelfer Peter Sedlick & Nour Alquitaifani mit einem Getränkeverkäufer in der Altstadt von Damaskus.
Die Cottbuser Flüchtlingshelfer Peter Sedlick & Nour Alquitaifani mit einem Getränkeverkäufer in der Altstadt von Damaskus. FOTO: Privat
Cottbus. Flüchtlingshelfer Peter Sedlick hat seine Frau Nour Alquitaifani durch seine Arbeit kennengelernt. Jetzt haben sie zusammen Urlaub bei Verwandten in Damaskus gemacht. Die Reise hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Von Andrea Hilscher

Mit vorgefassten Meinungen und schnellen Urteilen kommt man bei diesem Paar nicht weit. Peter Sedlick (59) ist seit vielen Jahren im sozialen Bereich beschäftigt, kümmert sich aktuell um die berufliche Integration von Flüchtlingen. Durch seine Arbeit hat er auch die Syrerin Nour Alquitaifani (33) kennen- und lieben gelernt. Was die beiden über ihre Arbeit, über die Perspektiven syrischer Geflüchteter und über das Leben in der Krisenregion zu sagen haben, überrascht.

„Wir wollten schon vor zwei Jahren gemeinsam nach Damaskus reisen“, erzählt Peter Sedlick. Eigentlich hatte er schon vor der geplanten Hochzeit die Eltern seiner Frau kennenlernen wollen. Damals aber sagten diese: Bleibt in Deutschland, in Damaskus ist es zu gefährlich.

   Die Cottbuser Peter Sedlick & Nour Alquitaifani an der Omayed Moschee in Damaskus.
Die Cottbuser Peter Sedlick & Nour Alquitaifani an der Omayed Moschee in Damaskus. FOTO: Privat

Als die Eltern von Nour Alquitaifani zur Hochzeit nach Deutschland ausreisen wollten, machte ihnen die Botschaft einen Strich durch die Rechnung. Um so glücklicher war das Paar, als es im Juni nach Damaskus reisen konnte – allen Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes zum Trotz. „Ich hatte meine Eltern vier Jahre nicht gesehen“, erzählt Nour Alquitaifani.

Cottbuser Ehepaar wohnte bei Verwandten in Damaskus

Die junge Frau ist damals nach Deutschland gekommen, hat innerhalb weniger Jahre die Sprache erlernt und hilft anderen Flüchtlingen beim Einstieg in das deutsche Bildungs- und Arbeitssystem. Sie ist glücklich über jeden Integrationserfolg. Dennoch sagt sie heute: Perspektivisch können viele dieser jungen Menschen wieder zurück nach Syrien ziehen.

Peter Sedlick ist bis heute völlig überwältig von den Eindrücken seiner Reise in das arabische Land. „Die Visa zu bekommen, war nicht schwierig.“ Dann ging es mit dem Flugzeug nach Beirut, von dort aus hatte die Airline einen Shuttleservice nach Damaskus eingerichtet. „Mit einem Mietauto wären wir auf der Strecke an jedem Checkpoint kontrolliert worden, so ging es schneller“, sagt Sedlick.

Das Cottbuser Ehepaar ist bei Verwandten in Damaskus untergekommen. Nour Alquitaifani legt Wert darauf, dass ihre Reise komplett aus eigener Tasche finanziert wurde. „Nicht, das jemand sagt, ich würde aus Hartz IV meinen Urlaub bezahlen.“ Als Ehefrau eines Deutschen hat sie eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, verdient ihr eigenes Geld, zahlt Steuern.

Im Rentenalter will das Paar nach Syrien ziehen

In Damaskus ist sie schnell wieder in den arabischen Alltag eingetaucht. „Früher hatte Damaskus eine Million Einwohner, heute sind es vier bis fünf Millionen.“ Entsprechend quirlig geht es auf den Straßen der Metropole zu. Autoverkehr, Einkaufstrubel, offene Restaurants und Märkte. „Die Menschen beginnen hier wieder zu leben“, sagt er.

Mit Erstaunen hat er beobachtet, wie selbstverständlich die Religion in den Alltag der Menschen integriert ist. „Sie beten in Restaurants, in Geschäften, auf der Straße. Und hundert Meter neben der Moschee steht ganz selbstverständlich eine christliche Kirche.“

Der Respekt vor Älteren, die große Bedeutung der Familie, all das hat der Cottbuser genossen. So sehr, dass er beschlossen hat: „Wenn ich Rentner bin, ziehen meine Frau und ich nach Damaskus.“ Und: „Ich hoffe, dass auch viele der jungen Syrer, die jetzt noch in Deutschland leben, zurück in ihre Heimat ziehen. Dort haben sie eine tolle Perspektive und viele Herausforderungen, gerade wenn sie aus Deutschland Kenntnisse über effektive Arbeitsorganisation mitbringen.“

Allerdings, soweit schränken die Cottbuser ihre optimistische Prognose ein: „Das gilt bisher nur für Damaskus und einige wenige andere Regionen.“ Es gebe noch zahlreiche Gebiete, in denen das Leben unsicher ist. Und auch in Damaskus ist es während ihres Aufenthalts zu einem Selbstmordattentat gekommen, in der Nähe gab es Schießereien. Peter Sedlick: „Es ist erstaunlich, wie gelassen die Menschen mit solchen Situationen umgehen.“

Mit Alkohol und Prostitution kommen junge Syrer kaum in Berührung

Aus seiner Arbeit weiß er allerdings auch, welche Traumata der jahrelange Krieg auslöst. „Sie müssen aufgearbeitet werden, da gibt es großen Handlungsbedarf, in Syrien ebenso wie in Deutschland.“ Er hofft, dass die Geflüchteten in Cottbus künftig intensiver als bisher psychologisch betreut werden. Er schätzt, dass sich dann auch zahlreiche Probleme vermeiden lassen.

Was bleibt, ist das Konftliktpotenzial durch die großen kulturellen Unterschiede. Das weiß auch Nour Alquitaifani. „Bei uns ist die Familie der Dreh- und Angelpunkt. Bei uns gibt es keine Pflegeheime, wir kümmern uns zu Hause um unsere Angehörigen. Frauen werden von jungen Männern respektiert – sie sind im Zweifel ja Mütter oder Schwestern.“

Alkohol, Prostitution, all das seien Phänomene, mit denen Jugendliche in Syrien kaum in Berührung kommen. „In Cottbus leben sie dann plötzlich ohne Autoritäten, haben eigenes Geld und eine eigene Wohnung, das überfordert viele junge Menschen.“

 Auch das ist Damaskus: Die vom syrischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellte Aufnahme zeigt syrische Luftabwehrraketen am Himmel über der Stadt. Das Foto stammt aus dem Mai.
Auch das ist Damaskus: Die vom syrischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellte Aufnahme zeigt syrische Luftabwehrraketen am Himmel über der Stadt. Das Foto stammt aus dem Mai. FOTO: dpa / Uncredited