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| 15:16 Uhr

Cottbus
Wann ist es Zeit loszulassen?

 Wann ist der Moment gekommen, um einen Patienten gehen zu lassen? Das Ethikkomitee berät dabei.
Wann ist der Moment gekommen, um einen Patienten gehen zu lassen? Das Ethikkomitee berät dabei. FOTO: dpa / Patrick Seeger
Cottbus. Wenn Patienten und Angehörige, Ärzte und Pfleger unsicher sind, wann das Sterben beginnen muss und darf, dann können sie sich an das Ethikkomitee des Carl-Thiem-Klinikums wenden. Von Andrea Hilscher

Zehn Männer und Frauen, ein Thema: Das Ethikkomitee des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums (CTK) kommt immer dann zusammen, wenn es nicht mehr um das Heilen geht und der Tod sich ankündigt.

„Im Klinikalltag werden wir jeden Tag vor ethische Probleme gestellt“, sagt Dorothée Repschläger, Sozialarbeiterin am CTK und Mitglied im Ethikkomitee. Meist, so ihre Einschätzung, sind Ärzte und Pfleger sicher, welche Entscheidungen getroffen werden müssen. Manchmal aber gibt es auch in den erfahrensten Teams unterschiedliche Meinungen. Da wollen die Ärzte auch noch ein allerletztes Mal versuchen, gefährliche Infektionen einzudämmen, während die Krankenschwestern längst schon fragen: „Sollten wir es nicht besser gut sein lassen?“ Angehörige bitten darum, jede Therapieoption auszuschöpfen, obwohl die Patienten selbst bereits aufgegeben haben.

„In solchen Fällen, und leider viel zu selten, wird das Ethikkomitee eingeschaltet“, sagt PD Dr. med. Jens Soukup, Leiter der Klinik für Anästhesiologie, Intensivtherapie und Palliativmedizin. Auch Jens Soukup ist Mitglied im Ethikkomitee, das neben medizinischem Fachpersonal auch juristischen und geistlichen Sachverstand bündelt. Unsicherheiten am Lebensende gilt es zu bewerten, aus psychischer und physischer, aus sozialer und aus spiritueller Sicht.

„Früher wurden in der Medizin derartige Fragen oft gar nicht erst gestellt“, sagt Jens Soukup. Da wurde behandelt nach allen Regeln der ärztlichen Kunst. Der Patientenwille sei erst nach und nach in den Vordergrund getreten – gerade auch durch die häufige Nutzung von Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten.

„Es ist gut, wenn sich Menschen mit ihrem Sterben auseinandersetzen und darüber auch mit ihren Angehörigen sprechen“, sagt Dorothée Repschläger. Oft aber überholt das Leben alle Vorbereitungen. Ein Autounfall, ein Schlaganfall, plötzlich steht ein Mensch an der Schwelle zwischen Leben und Tod.

„Oft sind es die Angehörigen, die dann nicht loslassen wollen“, sagt die Sozialarbeiterin. Sie drängen auf Beatmung, künstliche Ernährung und Wiederbelebung, auch wenn all diese Maßnahmen nur noch einen kleinen Zeitaufschub bringen, vielleicht sogar Leiden verlängern.

„Wir sind hier am CTK schon auf einem sehr guten Weg“, schätzt Jens Soukup, „wir machen keine Medizin um jeden Preis.“ Schwierige Entscheidungen müssen im Alltag der Klinik dennoch immer wieder getroffen werden. Da ist vielleicht eine Seniorin, die nicht mehr essen mag und bei jedem Versuch, sie zu füttern, nur noch den Mund zukneift. Soll man sie zwingen? Künstlich ernähren?

Das Ethikkomitee kann in solchen Fällen beraten. Entscheiden muss in jedem Fall der behandelnde Arzt. „Aber wir haben Juristen, die die rechtliche Situation einschätzen können“, sagt Soukup. Es gibt das Pflegepersonal, das oft dichter am Patienten arbeitet als die Ärzte und sehr genau spürt, wann Grenzen erreicht sind. Und auch die spirituelle Seite des Lebens und Sterbens wird im Komitee beleuchtet.

Benjamin Kaschula ist Koordinator des ambulanten Hospizdienstes der Malteser. Er kennt die Ängste und Unsicherheiten, die Angehörige und Kranke quälen, wenn es um den nahen Tod geht. „Wenn wir mit den Menschen ins Gespräch kommen, dann können wir sehr viele dieser Ängste nehmen“, weiß er. Schmerz sei immer wieder ein großes Thema.

„Dabei hat die Medizin inzwischen sehr gute Möglichkeiten, hier zu helfen“, sagt Kaschula. „Wir wollen den Menschen Mut machen, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen.“ Dabei öffnen sich oft Wege, die zunächst niemand gesehen hat. Eine gute Schmerztherapie bringt neue Lebensqualität. Die Zusage, nicht einsam sterben zu müssen, bietet Trost. Und auch gefürchtete medizinische Maßnahmen verlieren ihren Schrecken, wenn der Arzt zusichern kann: Das ist nicht endgültig, Sie bleiben nicht dauerhaft an der Dialyse.

„All das kann man nicht am grünen Tisch und nicht nach Schema F entscheiden“, erklärt Intensivmediziner Soukup. Immer wieder entwickeln sich Krankheiten neu und anders, jeder Patient hat seine eigenen Grenzen, auch das familiäre Umfeld reagiert individuell. Trotzdem: „Aus dem Bauch heraus entscheiden wir nicht, wann wir eine Therapie abbrechen, wann wir auf Reanimation oder künstliche Beatmung verzichten.“ Genaue Festlegungen, die Tag für Tag aktualisiert werden, sorgen dafür, dass jeder auf Station weiß, wie im Einzelfall bei jedem Patienten gehandelt werden soll. Soukup: „In dieser Phase ist das Gespräch mit den autorisierten Angehörigen besonders wichtig, um das Medizinische mit dem Patientenwillen in Einklang zu bringen.“

Mut braucht es bei der Beschäftigung mit dem Tod, das wissen die Mitglieder des Ethikkomitees. Mut, den auch die Angehörigen aufbringen sollten. Benjamin Kaschula: „Einen Angehörigen oder einen Freund auf seinem letzten Weg zu begleiten, wird zu einer heilsamen Erfahrung. Dazu wollen wir Mut machen und helfend zur Seite stehen.“

 Wann ist der Moment gekommen, um einen Patienten gehen zu lassen? Das Ethikkomitee berät dabei.
Wann ist der Moment gekommen, um einen Patienten gehen zu lassen? Das Ethikkomitee berät dabei. FOTO: dpa / Patrick Seeger