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| 18:06 Uhr

Abschied
Vollblut-Pädagoge geht in Vorruhestand

 Wir sitzen alle in einem Boot: Mit einer Drachenbootfahrt auf der Spree hat sich Edgar Weinreich (Mitte) von seinem Lehrerkollegium verabschiedet.
Wir sitzen alle in einem Boot: Mit einer Drachenbootfahrt auf der Spree hat sich Edgar Weinreich (Mitte) von seinem Lehrerkollegium verabschiedet. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Edgar Weinreich hat die Sportbetonte Grundschule in Cottbus 18 Jahre lang geleitet. Von Silke Halpick

Auf dem Schreibtisch liegen schon die Stundenpläne für das kommende Schuljahr. „62 Stunden muss ich unterbringen“, sagt Edgar Weinreich. Dafür hat sich der Leiter der Sportbetonten Grundschule in Cottbus ein Zeitlimit von drei bis vier Stunden gesetzt. Er ist routiniert. Seit 18 Jahren gehört das zu seinen Arbeitsaufgaben. Doch diesmal plant er das letzte Mal. Mit Schuljahresende verabschiedet sich der 64-Jährige in den Vorruhestand.

Der gebürtige Sachsen-Anhalter ist ein Vollblut-Pädagoge, bei Schülern, Kollegen und Eltern beliebt. „Lehrer zu werden, war immer mein Wunsch“, erzählt er. Schon als Jugendlicher trainierte er jüngere Fußballer und erkannte, dass er dafür mehr Talent hat als selbst auf dem Rasen zu stürmen. An der Hochschule in Magdeburg studierte er Sport und Deutsch. Später wurde er – wie in der DDR üblich – dorthin „delegiert“, wo man ihn brauchte: nach Cottbus.

Die Sportbetonte Grundschule leitet er seit dem Jahr 2001. Die Einrichtung ist eine Schule für sportlich talentierte Kinder. Hier lernten Turnergrößen wie Philipp Boy oder Robert Juckel. Auch der Fußballer Clemens Fandrich oder die Trampolin-Weltmeisterin Silvia Müller gingen auf die Schule. Sie alle sind auf der schulinternen „Ehrentafel“ zu finden.

„Hier gehören eigentlich noch viel mehr Namen rauf“, räumt Weinreich ein. Viele seiner ehemaligen Schützlinge erkennt der Schulleiter auch nach Jahren wieder, wenn er sie trifft. „Es hat auch noch nie einer die Straßenseite gewechselt“, sagt er schmunzelnd.

Die jungen Sporttalente kommen aus der gesamten Region, aus Spree-Neiße, Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz und selbst aus Bayern. „Die Namen, die die Trainer vorschlagen, sind für uns gesetzt“, sagt Weinreich. In jedem Jahrgang gibt es eine Leistungsklasse Sport. Rund 70 Prozent dieser Absolventen wechseln nach der Grundschule an eine Sportschule wie Cottbus, Frankfurt (Oder) oder Potsdam.

In Weinreichs 18-jährige Amtszeit fiel der Abriss des alten Schulgebäudes in der Drebkauer Straße und der Umbau des ehemaligen Oberstufenzentrums, in dem die Schule jetzt untergebracht ist. Viele der von ihm eingebrachten Ideen wurden umgesetzt. Darauf ist er stolz. So verfügt die Schule beispielsweise über zwei Turnhallen. Das hat den Vorteil, dass schwere Sportgeräte nach der Sportstunde nicht mehr aufwändig weggeräumt werden müssen.

„Wir haben eine schöne, moderne Schule“, sagt Weinreich. Allerdings stößt das Haus mittlerweile bereits an seine Aufnahmekapazität. Im kommenden Schuljahr werden nur zwei 1. Klassen eröffnet. Für die dritte fehlt der Platz. „Wir mussten vielen Familien absagen, selbst denen, die im Einzugsgebiet wohnen“, bedauert Weinreich.

„Hier muss die Stadt handeln“, fordert der Schulleiter. Das Wohngebiet rund um die Schule wächst, immer mehr Wohnungen werden gebaut, in die junge Familien einziehen. Weinreich selbst würde sich einen Anbau direkt auf dem Schulgelände wünschen. Wahrscheinlicher ist ein zweiter Standort in der Gartenstraße, an dem künftig die Erst- und Zweitklässler lernen. Auch das führt zu einer Entspannung der Platzsituation, sei für das Lehrerteam aber eine zusätzliche Belastung.

Insgesamt 24 Lehrer unterrichten 430 Schüler, darunter sind auch zwei Männer. „Jahrelang war ich der einzige Mann“, erzählt Weinreich. Damals war er oft „der Joker“, wie er sagt. Den Einzug männlicher Pädagogen in Kitas und Grundschulen begrüßt er. „Männer machen klare Ansagen“, betont er.

Wenn Edgar Weinreich nun seinen Schulleiter-Posten an den Nagel hängt, will er sich zunächst ein halbes Jahr Pause gönnen – nur für sich und seine Familie da sein. Den Zeitpunkt sieht er als gekommen an. „Und mein Bauchgefühl hat mich noch nie betrogen“, sagt er. Möglicherweise kehrt er als Organisator zurück, auch weil er sich als Teil der Cottbuser Sportfamilie sieht und ihm das Vorbereiten von Veranstaltungen ohnehin viel Spaß macht. Doch versprechen will er nichts.

Seine Stellvertreterin Heike Steinbach wird die Sportbetonte Grundschule kommissarisch leiten, bis über die Neubesetzung entschieden ist. Das Verfahren läuft, auch Steinbach hat sich für den Posten beworben.

 Edgar Weinreich plant schon die Stunden für das kommende Schuljahr.
Edgar Weinreich plant schon die Stunden für das kommende Schuljahr. FOTO: LR / Silke Halpick
 Wir sitzen alle in einem Boot: Mit einer Drachenbootfahrt auf der Spree hat sich Edgar Weinreich (Mitte) von seinem Lehrerkollegium verabschiedet.
Wir sitzen alle in einem Boot: Mit einer Drachenbootfahrt auf der Spree hat sich Edgar Weinreich (Mitte) von seinem Lehrerkollegium verabschiedet. FOTO: Michael Helbig
 Edgar Weinreich plant schon die Stunden für das kommende Schuljahr.
Edgar Weinreich plant schon die Stunden für das kommende Schuljahr. FOTO: LR / Silke Halpick