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| 15:50 Uhr

Cottbus
Der letzte Tanzabend im „Gasthof Sielow“

 Der letzte Abend im Gasthof Sielow: Abschied von einem legendären Party-Ort.  Foto: Zielonkowski
Der letzte Abend im Gasthof Sielow: Abschied von einem legendären Party-Ort. Foto: Zielonkowski FOTO: Georg Zielonkowski
Cottbus. Wehmut und Partylaune mischen sich im rappelvollen Saal beim Abschied von einem fast legendären Veranstaltungsort im Cottbuser Norden. Konzerte, Fasching und Familienfeste wurden hier gefeiert, nicht selten bis zum Morgengrauen. Von Georg Zielonkowski

Für viele Cottbuser bedeute der Tanzabend am Ostersonntag im Gasthof Sielow eine kleine Zeitenwende. Zum einen konnten sie einen stimmungsvollen Höhepunkt des Osterfestes genießen, dank der überragenden Performance der „nAund Liveband“ und deren Gastsänger Stefan Krähe im bestens gefüllten Saal des Gasthofes. Neben dem sonst üblichen „nAund“-Publikum war allerdings auch die reifere Generation deutlich präsenter als an anderen Abenden. Was wohl daran lag, dass letztmalig zu einer Veranstaltung in dieses Haus geladen wurde, bevor es vom Inhaber Olaf Schöpe zu einem Mietshaus umgewandelt wird. Gerade deshalb gab es beim Abgesang viele Gespräche unter den Gästen, in denen man sich an die Geschichte dieses Hauses erinnerte.

Wie Rudi Becker, für den nun ein Stück Heimat verloren geht, wie er sagt: „Es war unser Haus, in dem nicht nur gefeiert wurde. Es muss Anfang der 1970er Jahre gewesen sein, als wir fünf, sechs Männer nach der Arbeit per Hand unter der Bühne ein Loch ausgeschaufelt haben, um hier die später so beliebte Bar zu errichten. Mit Stolz auf das Geschaffene sind wie nach der Fertigstellung die Stufen herab zur Bar gegangen, in der Dieter Pumpa die Drinks gemischt hat. Schade, dass dieses Stück Geschichte nun verschwindet.“

Manch andere, aus heutiger Sicht amüsante Geschichte machte am Ostersonntagabend die Runde. So erinnerte man sich an den fast wöchentlichen Jugendtanz am Sonntag. Der in der heute unvorstellbaren Zeit von 16 bis 21 Uhr stattfand. Auch dass damals ein Bier für 40 Pfennige ausgeschenkt wurde, mag die heutige Jugend nur schwerlich glauben. „Bei Buckwar, wie die spätere Konsumgaststätte hieß, kehrten die betuchteren Sielower ein, die anderen trafen sich in Schmidts Kneipe gegenüber der Kirche. Aber zum Tanz haben wir uns abends im großen Saal getroffen, dessen Geschichte nun leider zu Ende ist“, erinnert sich am Tage der Schließung Helmut Pruskil.

Lustig auch zu hören, dass eine frühere Wirtin häufig einige Fahrräder aus dem Schuppen holte und vor den Eingang stellte. Eine Werbung der einfachen Art war dies, denn so wurde den Vorbeifahrenden vermittelt, dass drin in der Kneipe schon etwas los war und man selbst doch unbedingt auch dabei sein sollte. Auch was Dieter Schaschewa erzählt, gehört zur Geschichte des Hauses: „Mein Vater ist nicht selten zusammen mit einigen Nachbarn in aller Angst hinüber in den Keller des Gasthauses gerannt, um Schutz zu suchen.“

Auch ohne Erinnerungen an die ganz frühen Jahre wird nun der jungen Generation, genau wie der Gruppe Ü40 der Gasthof fehlen. So stimmungsvolle Abende in friedlich-fröhlicher Atmosphäre, wie am Sonntag  beim Veranstaltungsfinale im proppenvollen Saal erlebt, wird es hier nicht mehr geben. Wenngleich am Ostersonntag doch einige Tanzfreunde den Inhaber Olaf Schöpe geradezu bettelnd ansprachen, ob er sich die Sache mit dem Umbau zu Wohnungen sich nicht doch noch mal überlegen will.

 Der letzte Abend im Gasthof Sielow: Im vollen Saal gab es einen stimmungsvollen Abschied von einem legendären Party-Ort.
Der letzte Abend im Gasthof Sielow: Im vollen Saal gab es einen stimmungsvollen Abschied von einem legendären Party-Ort. FOTO: Georg Zielonkowski