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| 06:45 Uhr

Interview mit dem Cottbuser Intensivmedizner Dr. Jens Soukup
„Die tödliche Gefahr der Sepsis wird unterschätzt“

 Schon eine winzige Wunde kann Auslöser für eine Blutvergiftung sein.
Schon eine winzige Wunde kann Auslöser für eine Blutvergiftung sein. FOTO: dpa / Franziska Gabbert
Cottbus. Sepsis ist seit Jahren die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Damit rangiert sie nur knapp hinter Herzerkrankungen und Krebsleiden. Über Ursachen dafür und Prophylaxe sprach die RUNDSCHAU mit PD med. Dr. Jens Soukup, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Palliativmedizin am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. Von Verena Ufer

Herr Dr. Soukup, die medizinische Forschung kommt bei der Bekämpfung vieler Krankheiten voran, wieso ist die Todesrate bei Sepsis noch so hoch?

Jens Soukup Die Krankheit wird leider häufig gar nicht oder zu spät erkannt. Auch, weil die tödliche Gefahr, die von Infektionen ausgeht, von Patienten oft unterschätzt wird. Wenn ich die vergangenen Jahre Revue passieren lasse, habe ich schon einiges an unterschiedlichen Therapieoptionen kennengelernt. Manche kamen auf den Markt, wurden dann aber wieder zurückgezogen. Andere erreichten die Marktzulassung gar nicht. Und Fakt ist, dass es leider bis heute nicht die eine Therapie gibt, bei der man sagen könnte: Ich nehme jetzt dieses Medikament und dann wird alles gut. Das Krankheitsbild bei der Sepsis ist so komplex, dass immer auf den jeweiligen Patienten zugeschnittene Entscheidungen getroffen werden müssen.

 „Wird eine Sepsis rechtzeitig erkannt, kann sie gut behandelt werden“, sagt der Cottbuser Intensivmediziner Dr. Jens Soukup.
„Wird eine Sepsis rechtzeitig erkannt, kann sie gut behandelt werden“, sagt der Cottbuser Intensivmediziner Dr. Jens Soukup. FOTO: LR / LR/Verena Ufer

Was genau passiert im Körper bei einer, wie man auf Deutsch sagt, Blutvergiftung?

Soukup Von Sepsis wird gesprochen, wenn der Körper nicht mehr imstande ist, eine Infektion abzuwehren – und diese quasi den ganzen Körper überschwemmt. Das deutsche Wort Vergiftung ist eigentlich nicht korrekt. Denn bei dem Prozess geht es tatsächlich um eine Immun-Abwehrreaktion, die einen Befall des Blutes durch Erreger – Bakterien, manchmal auch Viren oder Pilze – nicht beseitigen kann. Was im schlimmsten Fall zu einem septischen Schock, das heißt zum Tod führen kann. Von rund 200 000 Menschen, die im Jahr an Sepsis erkranken, sterben immer noch etwa 40 000.

 Am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum ist in diesem Jahr eine neue Vorlesungsreihe gestartet, bei der Mediziner unterschiedlicher Stationen darüber berichten, was speziell in ihren Bereichen im Zusammenhang mit Sepsis zu beachten ist.
Am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum ist in diesem Jahr eine neue Vorlesungsreihe gestartet, bei der Mediziner unterschiedlicher Stationen darüber berichten, was speziell in ihren Bereichen im Zusammenhang mit Sepsis zu beachten ist. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau / Angelika Brinkop

Wie man liest oder hört, kann schon eine winzige Wunde, ein Schnitt im Finger, eine entzündete Blase am Fuß, Auslöser eines dramatischen Verlaufs sein ...

Soukup Im Prinzip kann jede Infektion eine Sepsis zur Folge haben. Auch eine kleine äußerliche Wunde. Meistens hat die Krankheit aber ihren Ausgangspunkt in der Lunge, im Bauchraum oder in den Harnwegen. Sepsis macht vor keinem halt. Sie kann jeden treffen. Es gibt auch viele Prominente, die daran erkrankt oder gestorben sind.

Wer fällt Ihnen da ein?

Soukup Der Diskus-Olympiasiegerin Ilke Wyludda aus Halle musste im gleichen Krankenhaus, in dem sie als Ärztin arbeitet, wegen einer Sepsis ein Unterschenkel amputiert werden. Die ehemalige Fernsehmoderatorin Ilona Christen starb an einer Blutvergiftung, ebenso Superman-Darsteller Christopher Reeve oder auch Papst Johannes Paul II., der nach langem Leiden im Alter von 84 Jahren verstarb.

Sind alte Menschen besonders gefährdet?

Soukup Ja, weil die meisten bereits mehrere Vorerkrankungen haben, oft viele Medikamente nehmen und ihre Immunabwehr oft schon schwer eingeschränkt ist. Es kann aber genauso ganz junge Menschen treffen.

 Die Sepsis-Therapie ist ein Kampf gegen die Uhr: Je früher die Betroffenen mit entsprechenden Antibiotika behandelt werden, desto größer sind die Überlebenschancen, denn eine Blutvergiftung kann extrem schnell verlaufen.  Grafik: obs/BPI Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie
Die Sepsis-Therapie ist ein Kampf gegen die Uhr: Je früher die Betroffenen mit entsprechenden Antibiotika behandelt werden, desto größer sind die Überlebenschancen, denn eine Blutvergiftung kann extrem schnell verlaufen. Grafik: obs/BPI Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie FOTO: pa/obs/BPI Bundesverband der Pha / BPI Bundesverband der Pharmazeut

Gibt es Prinzipien, die bei der Behandlung einer Sepsis immer gelten?

Soukup Ein Grundsatz hat seit vielen Jahren Bestand: Der Herd, die Ursache muss entfernt werden, um die Krankheit erfolgreich zu behandeln. Wenn eine Pneumonie vorliegt, kann die Lunge behandelt werden, ein Harnstein, der Auslöser einer Entzündung ist, kann entfernt werden. Aber nicht immer ist die Ursache sofort eindeutig zu erkennen oder zu beseitigen. Zum Beispiel wenn Knochen von einer Infektion befallen sind. Oder wenn der Patient mehrere Begleiterkrankungen hat, ist die Behandlung einer Sepsis oft schwierig, weil sein Körper bereits geschwächt ist.

Welche Rolle spielt die Zeit?

Soukup Je schneller man mit der Behandlung des Patienten beginnen kann, umso effektiver ist sie, wenn der Fokus, also die Ursache der Erkrankung, beseitigt werden kann. Gelingt das nicht, dreht man sich mitunter im Kreis. Aber grundsätzlich gilt immer: schnellstmögliche Diagnostik, Herdsanierung und Therapie. Das ist so seit Jahren in für alle Kliniken gültigen Krankenhausleitlinien der Fachgesellschaften festgelegt und hat nichts an Aktualität eingebüßt.

Welche Hinweise deuten auf eine Blutvergiftung hin?

Soukup Es gibt Leitsymptome für eine Sepsis. Wenn ein Patient mit Unwohlsein, Fieber und Anzeichen für Verwirrtheit in die Notaufnahme kommt, werden dort bei Ärzten und Schwestern sofort die Alarmglocken läuten. Schnelle Atmung, niedriger Blutdruck und veränderter Bewusstseinszustand weisen auf eine Blutvergiftung hin, auch wenn noch keine Labor-, MRT- oder Röntgenuntersuchungsergebnisse vorliegen.

Fieber und Unwohlsein, niedriger Blutdruck – deswegen gehen viele Leute nicht gleich zum Arzt. Wann sollte man das unbedingt?

Soukup Ich halte nichts von dem Satz: Was von alleine kommt, geht auch von alleine wieder. Wer hohes Fieber hat und seinen Mitmenschen wesensverändert erscheint, gehört zum Arzt. Auch chronisch Kranke mit gestörter Immunabwehr, die länger Fieber haben, sollten ihren Hausarzt konsultieren. Ich rate, lieber einmal mehr zum Arzt zu gehen, als am Ende wegen zu später Behandlung vielleicht das Leben zu riskie­ren. Das passiert leider nicht selten. Mit jeder Stunde Zeitverlust, so wird gesagt, verschlechtert sich die Überlebensprognose etwa um sieben Prozent.

Was raten Sie bei Hunde- und Katzenbissen? Oder wenn gar Menschen zugebissen haben, was ja leider auch vorkommt.

Soukup Auf jeden Fall zum Arzt. Die Tiere haben eine solche Vielzahl an Keimen an den Zähnen, und Menschen ebenso. Es kann böse ausgehen, wenn jemand so eine Verletzung verschleppt. Es ist ratsam, bei allen Wunden, die längere Zeit nicht heilen und stark anschwellen, einen Doktor draufschauen zu lassen.

Mal ganz praktisch gefragt: Wenn jemand zum Beispiel mit einer eiternden Wunde in die Notaufnahme kommt, weiß doch der Mediziner noch nicht, welcher Keim der Auslöser ist. Wie geht er vor?

Soukup In so einem Fall zählt jede Minute. Der Arzt wird sofort mit einer antibiotischen Therapie beginnen. Sie basiert auf Erfahrungswerten. Denn auch wenn parallel sofort eine Blutuntersuchung eingeleitet wird – bis genaue Ergebnisse zum Keimbefall vorliegen, kann es zwei Tage dauern, da erst Kulturen gezüchtet werden müssen. Es gilt außerdem, den Kreislauf des Patienten zu stabilisieren. Ist die Entzündung schon weit fortgeschritten, muss mitunter durch einen chirurgischen Eingriff die Infektionsquelle beseitigt werden.

Gibt es besonders heimtückische Entzündungen?

Soukup Zahn- und Hautvereiterungen sollten rasch und vollständig beseitigt werden. Auch wenn damit Zahnverluste einhergehen.

Warum?

Soukup Wenn die Entzündung länger anhält, besteht die Gefahr, dass die Erreger in die Blutbahn gelangen und sich am Herz oder an den Knochen ansiedeln. Besonders bei chronisch kranken und geschwächten Menschen können Organe befallen werden und versagen. Das kann bis zum Tod führen.

Wenn die Notaufnahme übervoll ist – sollte man sich als Hilfesuchender besonders bemerkbar machen, wenn man befürchtet, an einer Sepsis zu leiden?

Soukup Die Mitarbeiter dort sind sehr gut geschult und erfahren und werden die Situation richtig einschätzen, wenn Patienten genau schildern, wie es ihnen geht. Nur bagatellisieren wäre in diesem Fall keine gute Idee. Wunden sollten gezeigt werden. Und Patienten mit Vorerkrankungen sollten auf diese bei der Aufnahme hinweisen.

Müssen an Sepsis Erkrankte isoliert werden?

Soukup Nein, nur wenn sie mit multiresistenten Keimen infiziert sind. Wir haben im Carl-Thiem-Klinikum eine sehr niedrige Rate an diesen Keimen, die extrem schwer in den Griff zu bekommen sind. Das liegt daran, dass wir über einen großen Mikrobiologie-Bereich im Haus verfügen, der uns intensiv bei Diagnostik und Therapie unterstützt. Das ist für das CTK Gold wert. Zudem arbeiten wir daran, die Hygiene immer weiter zu verbessern. Hände waschen und desinfizieren ist überall wichtig, aber in einem Krankenhaus von überragender Bedeutung. Überall gibt es im CTK Vorrichtungen zur Handdesinfektion. Und auch Besucher sollten diese lieber einmal mehr als einmal zu wenig nutzen, um Keime weder herein- noch hinauszutransportieren.

In den Patientenzimmern fallen Filter an den Wasserhähnen auf...

Soukup Die sollen vor allem Legionellen fernhalten, die ja in geringer Konzentration im Trinkwasser vorkommen und für gesunde Menschen harmlos sind – nicht aber für schwer erkrankte und immungeschwächte. Das ist eine zusätzliche Prophylaxe, die das CTK eingeführt hat.

In einem großen Krankenhaus wie dem Thiem-Klinikum in Cottbus konzentrieren sich viele Menschen mit schweren Krankheitsbildern. Darunter sind wegen der demografischen Entwicklung überdurchschnittlich viele Ältere. Etliche Schwerstkranke werden aus kleineren Einrichtungen der Region in Ihr Haus überwiesen – das einzige große Klinikum in Südbrandenburg mit Maximalversorgung. Macht das den Kampf gegen Sepsis nicht ungleich schwerer?

Soukup Das ist richtig. Aber es hat sich auch allerhand getan bei der Bekämpfung der Blutvergiftung. Das Thiem-Klinikum schult Ärzte und Pfleger dazu bereits seit Jahren sehr gründlich. Diese Form der Prophylaxe wird seit diesem Jahr mit Unterstützung der Krankenhausführung weiter intensiviert, denn natürlich wollen wir bei der Betreuung unserer Patienten immer besser werden.

Was haben Sie vor?

Soukup Nachdem wir bereits die Abläufe bei der Sepsis-Behandlung unter die Lupe genommen haben, um Zeitverluste bei der Behandlung maximal zu minimieren, haben Intensivmediziner zusammen mit dem Qualitätsmanagement des Hauses in diesem Jahr eine neue Fortbildungsreihe für Ärzte und Pflegepersonal zum Thema Sepsis ins Leben gerufen. Ein Beweggrund ist dabei auch, dass wir seit jüngster Vergangenheit sehr viele junge Ärzte in unseren Reihen haben.

Was genau ist das Neue an der Vorlesungsreihe?

Soukup Einmal im Monat halten Chefärzte und Oberärzte von unterschiedlichen Stationen Vorlesungen und beleuchten, was in ihrem Bereich im Zusammenhang mit Sepsis zu beachten ist. So berichten Urologen etwa über Harnwegsinfekte, Onkologen über Infekte bei an Krebs erkrankten Menschen mit geschwächtem Immunsystem, Pneumologen über die Gefahren bei Lungenentzündung und so weiter. Diese Fortbildungen, denen die Krankenhausleitung große Bedeutung beimisst, sind sehr gut besucht. Auf diese Weise erweitern die Mitarbeiter ihr Wissen über ihr tägliches Arbeitsumfeld hinaus, was im Ernstfall dazu beiträgt, schneller die richtige Versorgung eines Patienten einzuleiten.

Wenn es darum geht, in Kliniken die Keimbelastung zu minimieren, werden oft die Niederlande als Beispiel genannt.

Soukup Dort werden im Krankenhaus alle Risiko-Patienten isoliert und einem Schnelltest auf multiresistente Keime unterzogen. Im Carl-Thiem-Klinikum führen wir den auch durch – allerdings nur bei kranken Menschen, die besonders gefährdet sind. Auf jeden Fall wird bei jedem Patienten, der auf die Intensivstation (ITS) kommt, dieser Test durchgeführt. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. Wie gesagt, wir haben eine sehr niedrige Rate bei multiresistenten Keimen. Auf der ITS gibt es derzeit nicht ein wegen multiresistenter Keime gesperrtes Patientenzimmer.

 Bei diesen Krankheitsanzeichen sollte rasch ein Arzt aufgesucht werden.
Bei diesen Krankheitsanzeichen sollte rasch ein Arzt aufgesucht werden. FOTO: LR / Robert Koch-Institut