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| 19:30 Uhr

Fantastische Impressionen zum Elbenwald-Festival
Cindy Stephan ist die Frau mit den 1000 Gesichtern

Cosplayerin Cindy Stephan zeigt die schönsten Kostüme FOTO: Heiner Stephan
Cottbus. Auf ComicCons, Buchmessen und dem Elbenwald-Festival bestimmen sie längst das Bild: Cosplayer. Die Cottbuserin Cindy Stephan erklärt, warum es so viel Spaß macht, einfach mal jemand anderes zu sein. Von Josephine Japke

Eine Wohnung und ein Keller voll mit Perücken, Kostümen, Accessoires und Büchern – so muss das Paradies aussehen für jeden Serien-Junkie und jede Leseratte. Cindy Stephan ist verrückt nach der Fantasy-Welt von Game of Thrones, Animes und Computerspielen. „Es gibt einfach Charaktere, mit denen kann ich mich gut identifizieren. Wenn ich mich verkleide, dann schlüpfe ich in eine andere Rolle. Ich sehe nicht mehr wie ich selbst aus und bin es für einen Moment auch nicht mehr“, erklärt die 31-Jährige.

Sie ist Cosplayerin mit Leib und Seele. Der Begriff, zusammengesetzt aus den englischen Wörtern „costume“ und „play“, kann mit „Kostümspiel“ übersetzt werden. Dabei klingt „Spiel“ nach etwas Leichtem, das nebenher funktioniert. Doch Cosplay ist harte Arbeit. Mehrere Wochen, manchmal Monate arbeitet Cindy Stephan an ihren Verkleidungen. Steht dann der große Tag im Jahr an, an dem sie in eine neue Rolle schlüpft, warten mehrere Stunden Make-Up, Kostümierung und Fotoshooting auf sie.

Cosplay-Fotoshooting bedarf viel Vorbereitung

Wenn sie nicht gerade eine nordische Gottheit oder Anime-Prinzessin mimt, steht sie hinter der Kamera und fotografiert befreundete Cosplayer. Etwa ein Shooting pro Monat ist neben Beruf und Familie mit den zwei kleinen Kindern realisierbar. „In dem ganzen Prozess rund ums Cosplay macht mir das Fotografieren am meisten Spaß“, sagt Cindy Stephan und erklärt: „Ich bereite mich auf die Charaktere vor, schaue mir Videos an oder spiele die Spiele dazu. Dann wird recherchiert, wo wir die Bilder am besten machen können.“

Einige der Motive entstehen im heimischen Garten oder Fotostudio, andere in den Wäldern rund um Cottbus. Manchmal fährt sie in die Sächsische Schweiz oder noch weiter weg. Mit professionellem Equipment wird dann bei Wind und Wetter, manchmal sogar im Regen, fotografiert. „Manche meiner Freunde beschweren sich, weil meine Shootings so anstrengend sind und sie Ewigkeiten in einer Pose aushalten müssen“, sagt sie lachend. Die Resultate können sich allerdings sehen lassen.

 Zusammen mit Jennifer Witthuhn stellt Cindy Stephan (r.) Nymphen dar. Solche Fotoshootings nehmen Stunden in Anspruch.
Zusammen mit Jennifer Witthuhn stellt Cindy Stephan (r.) Nymphen dar. Solche Fotoshootings nehmen Stunden in Anspruch. FOTO: Heiner Stephan

„Das Nerdtum hat uns verbunden“: Wie die Leidenschaft anfing

Rückblick ins Jahr 2007: Cindy und ihre Freunde treffen sich mehrmals in der Woche zum reden, lachen und zeichnen. „Das Nerdtum hat uns verbunden“, sagt Cindy Stephan heute dazu schmunzelnd. Als eine Freundin vorschlug, zur Leipziger Buchmesse zu gehen und sich zu verkleiden, nahm das Hobby rund um die aufwendigen Kostümierungen Fahrt auf. „Aber damals hatten wir ja noch nichts. Da musste das herhalten, was wir im Schrank hatten“, erklärt sie.

Elbenwald macht 38 Millionen Euro Umsatz mit Nerd- und Fanartikeln

Mittlerweile ist eine ganze Industrie rund um Cosplay und „Nerdtum“ entstanden. Bücher und Youtube-Videos zeigen, wie man sich verkleiden und schminken kann, auf Conventions werden die fertigen Kostüme später präsentiert. „Manche sind regelrechte Cosplay-Influencer und leben mittlerweile davon“, sagt Cindy. Internetseiten, wie Elbenwald, EMP und Co bieten Kostüme, Accessoires und Fanartikel an. Allein 2018 machte Elbenwald laut eigener Angabe 38 Millionen Euro Umsatz.

Auch auf der Leipziger Buchmesse tummeln sich jedes Jahr hunderte Cosplayer, während sich eine ganze Halle mittlerweile den Anime, Manga und Fantasy-Welten widmet. Korean-Pop-Bands, wie Monsta X und BTS füllen riesige Hallen und verkaufen Konzertkarten zum Stückpreis von 150 Euro. Die Connichi, eine dreitägige Anime-Veranstaltung, lockte zuletzt 27 000 Fans nach Kassel. „Da kann man nicht mehr von Nische sprechen“, meint auch Cindy Stephan.

Nur positive Reaktionen auf das spezielle Hobby

Sie hat aus ihrer Leidenschaft nie ein Geheimnis gemacht, von Anfang an wussten Freunde und Familie Bescheid. Dass viele sich nicht trauen würden, mit so einem speziellen Hobby rauszurücken, liege oft an einer konservativen Einstellung, wie es die Cottbuserin nennt. „Ich habe nie negative Reaktionen auf mein Hobby bekommen. Ganz im Gegenteil: Mein Mann und meine Kinder machen mit und selbst meinen Vater habe ich schon angesteckt.“ Der macht zum Beispiel Bilder für das Steampunk-Festival in Forst im September.

Lediglich auf Arbeit wird Cindy als „bunter Vogel“ wahrgenommen. Vielleicht kein Wunder, arbeitet die 31-Jährige doch eigentlich als medizinische Laborantin. „Wenn ich im Laborkittel vor ihnen stehe, sieht man mir nicht an, dass ich auch als nordische Göttin auftreten kann“, sagt sie. Und wer weiß, wer insgeheim ebenso gerne eines der aufwendigen Kostüme überschmeißt? Cindy ist sich nämlich sicher: „Die meisten Cosplayer haben keine kreativen Berufe. Viele von ihnen sind Ärzte, Biologen und Juristen.“ Einfach mal die Kollegen fragen und neue Seiten kennenlernen!

 Jonas Witthuhn und Paula Schlegel posieren für ein Witcher-Fotoshooting im Garten der Familie Stephan. Cindy Stephan steht als Cosplayerin nicht nur gern vor, sondern auch leidenschaftlich gern hinter der Kamera.
Jonas Witthuhn und Paula Schlegel posieren für ein Witcher-Fotoshooting im Garten der Familie Stephan. Cindy Stephan steht als Cosplayerin nicht nur gern vor, sondern auch leidenschaftlich gern hinter der Kamera. FOTO: Cindy Stephan