Vier Wochen Corona-Ausnahmezustand, das hinterlässt Spuren. „Das Wichtigste ist, jetzt nicht nachzulassen. Die Familien brauchen uns. Mehr denn je“, sagt Anke Neumann, Leiterin des SOS-Kinderdorfes Lausitz, einem der größten freien Träger der Kinder-und Jugendhilfe in der Region Cottbus und Spree-Neiße.

„Bei uns gibt es keine Kurzarbeit. Wir haben alle gut zu tun. Unsere Einrichtungen sind zwar geschlossen für Besucher, aber unsere Mitarbeiter sind weiterhin telefonisch und online erreichbar zu den gewohnten Zeiten und intensiv gefragt.“ Die Experten bieten jetzt jeden Montag zwischen 9 und 12 Uhr eine zusätzliche Telefonsprechstunde an. Sie ist erreichbar unter 0355 525700.

Eine Ausnahmesituation für die Familien und die Berater

Auch die online-Beratung über die bundesweite,  anonyme und datensichere Plattform der  Bundeskonferenz für Erziehungsberatung wird von den Cottbusern jetzt noch häufiger unterstützt mit fachlich fundierter sozialpädagogischer und psychologischer Beratung.

Das Team des SOS-Kinderdorfes Lausitz hat schnell reagiert und sich auf die Ausnahmesituation eingestellt. „Derzeit erfinden wir uns beinahe jeden Tag neu“, sagt Anke Neumann. Die Herausforderungen für alle Beteiligten sind größer geworden. Das bestätigt auch Jana Rakel. Die Sozialpädagogin ist seit zehn Jahren in der Erziehungs- und Familienberatung im SOS-Kinderdorf Lausitz tätig und sagt: „Es gibt einiges, das wegen der Kontaktsperre wegbricht. Aber das, was neu an uns herankommt, ist besonders, wegen Corona.“

Die Umgangsregeln mit Trennungskindern werden neu geschrieben

Jana Rakel beschreibt die Herausforderung am Beispiel Trennungskinder. „Wir können derzeit nicht beide Parteien einladen zum Gespräch über Umgangsregeln und Kontakte. Das heißt, langfristige Regelungen lassen sich derzeit gar nicht abstecken. Deshalb empfehlen wir den Eltern, sich vorerst nur kurzfristige Lösungen zu überlegen, zum Beispiel für die nächsten fünf Tage“, schildert sie.

Bei bestehenden Umgangsregeln sei die rechtliche Lage klar. „Sie gelten weiterhin. Allerdings liegt es in der Verantwortung der Eltern, wie sie den Kontakt in Zeiten der Kontaktsperre ermöglichen. Da kann zum Beispiel auch per Video-Chat sein.“

Für psychisch beeinträchtigte Kinder ist die Zeit besonders schwer

Eine andere Herausforderung, die Jana Rakel erlebt, betrifft Jugendliche, die psychisch beeinträchtigt sind. „Sie sind in großer Not. Sie werden zurückgeworfen auf sich selbst, weil sie Therapietermine nicht mehr wahrnehmen können und andere vertraute Kontakte. Weil sie sich nicht mehr so mit Freunden treffen und bewegen können draußen wie gewohnt“, schildert die Erziehungsberaterin und sagt: „Sie sind doppelt belastet und brauchen gerade jetzt unsere Hilfe.“ Für die Zeit danach sieht sie den Beratungsbedarf steigen, „über die Möglichkeiten der freien Kinder- und Jugendhilfe hinaus“.

Berater geben auch Tipps für den Alltag in der Familie

Das Team der Erziehungs- und Familienberatung im SOS-Kinderdorf Lausitz steuert dieser Tage regelmäßig nach bei seinen aktuellen regulären und zusätzlichen Angeboten. „Wir sind zu siebt und wechseln uns ab. Wir nutzen die flexiblen Arbeitszeiten, damit jeder von uns Arbeit und Familie unter einen Hut bekommt und selbst mal Luft holen und Energie tanken kann für den nächsten Tag“, schildert Jana Rakel. Zusätzlich arbeiten die Kollegen an Konzepten für die Zeit danach, wenn die Einschränkungen wieder gelockert werden.

Wie sie die Ideen dafür finden? „Oft im eigenen Alltag, in der Familie“, sagt Jana Rakel, die selbst zwei schulpflichtige Kinder hat, und mit ihnen nach Feierabend und den Schularbeiten auf einmal alte Kinderspiele wiederentdeckt. Das Wörterraten zum Beispiel, draußen im Garten beim Ball spielen. Das genießt sie sogar bewusster und intensiver als vorher. „Das sind Momente des Innehaltens, wo sich eine neue Dankbarkeit entwickelt, dass man gesund ist und für die Kinder da sein kann.“