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| 20:36 Uhr

Chancen der Lausitz auf eine Batteriezellen-Giga-Fabrik
Das nächste ganz große Ding

Batteriezellen.
So unspektakulär sehen Lithium-Ionen-Batteriezellen aus. Es sind flache, silbern schimmernde Platten.
Batteriezellen. So unspektakulär sehen Lithium-Ionen-Batteriezellen aus. Es sind flache, silbern schimmernde Platten. FOTO: BTU Cottbus-Senftenberg / BTU Cottbus Senftenberg
Cottbus. Batteriezellenfabriken gelten  als „das nächste ganz große Ding“, wenn es um Industrieansiedlungen geht – nicht nur in Deutschland. Wie viele Regionen hoffen auch die Lausitzer auf eine solche Giga-Fabrik. Eine Analyse des Marktes und seiner Perspektiven zeigt, wie die Chancen stehen. Von Jan Siegel

Oft herrschen noch immer vor allem Verwirrung und Ratlosigkeit, wenn es um die Suche nach wirtschaftlichen Alternativen für die Lausitz nach einem Ende des Braunkohleabbaus geht. Zahlreiche Initiativen, Zusammenschlüsse und Interessengruppen versuchen, Ideen zu entwickeln, Fördergeld an Land zu ziehen und geniale Visionen in den Ring zu werfen.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ist einer, der sie schon einmal zu spüren bekam, die Verunsicherung und die Furcht der Lausitzer. Nach einem Besuch in Spremberg Ende Juli sagte Altmaier über die Beschäftigten der Energiewirtschaft: „Sie haben Angst, dass sie keine Arbeit haben.“ Er will daher zuerst über die neuen Arbeitsplätze reden und dann darüber, „wie wir den Strukturwandel zu einem Erfolg führen“. Und weil Peter Altmaier ein politischer Vollprofi ist, nutzt er Hintergrundrunden mit Journalisten in Berlin schon auch ganz gern einmal, um seine Ideen in diesem Zusammenhang zu testen.

Professor Dr. Hans Joachim Krautz
Professor Dr. Hans Joachim Krautz FOTO: BTU Cottbus-Senftenberg

Nach einem Treffen Altmaiers mit seiner polnischen Amtskollegin  Jadwiga Emilewicz  titelte beispielsweise der in Berlin erscheinende Tagesspiegel Anfang September dann auch „Altmaier plant Großinvestition in der Lausitz“. In Südbrandenburg wolle die Regierung eine großindustrielle Fertigung von Batteriezellen ansiedeln und dazu eine Milliarde Euro bereitstellen.

Einer Nachfrage der RUNDSCHAU beim Bundeswirtschaftsministerium hält die vermeintliche „Großinvestition in der Lausitz“ aber nicht stand. Das Ministerium wollte den Bericht nicht kommentieren. Allerdings lote man derzeit Möglichkeiten der Ansiedlung einer Batteriezellfertigung in Deutschland aus. Entscheidungen über einen Standort seien dabei aber noch nicht getroffen worden, heißt es aus Berlin.

Ein Rack. In ihm sind Module eingebaut, in denen zahlreiche Batteriezellen verbaut sind.
Ein Rack. In ihm sind Module eingebaut, in denen zahlreiche Batteriezellen verbaut sind. FOTO: BTU Cottbus-Senftenberg / BTU Cottbus Senftenberg

Dabei  ist die Lausitz-Idee nicht so ganz aus der Luft gegriffen. Auch Polens Wirtschaftsministerin Jadwiga Emilewicz wünscht sich eine Batteriezellen-Initiative nach dem Vorbild des erfolgreichen europäischen Airbus-Konsortiums. „Wir möchten, dass ein großes Batterieunternehmen entsteht, wie es das im Flugzeugbau mit Airbus schon gibt“, sagte Polens Technologieministerin. Die Zeit sei reif. Polen ist in Sachen „Batteriezellen“-Produktion deutlich weiter als Deutschland. Die südkoreanische LG Chem hat dort 1,3 Milliarden Euro in Europas größte Batteriezellenfabrik investiert. Weitere Projekte sollen bis ins Jahr 2020 an der polnisch-tschechischen Grenze in der Stadt Nysa umgesetzt werden. Wenn Polen, Deutschland und vielleicht auch Tschechien in dieser Frage zusammenarbeiten wollen - was liegt dabei aus deutscher Sicht näher als Investitionen in der Lausitz, deren wirtschaftliches Rückgrat gerade zu brechen droht.

Inzwischen hat der Batteriezellen-Hype die Lausitz und ihre Initiativen auch unmittelbar erreicht. In der vorigen Woche ging eine Initiative an die Öffentlichkeit, die eine Batteriezellen-Giga-Fabrik des umtriebigen E-Auto-Pioniers Elon Musk (Tesla) nach Südbrandenburg holen will. Und tatsächlich gilt die Produktion von Batteriezellen als „das nächste ganz große Ding“, spätestens nachdem die EU-Kommission in diesem Jahr den Aufbau einer eigenen Produktion noch einmal zum strategischen Ziel erklärt hatte. Damit solle verhindert werden, dass die Zukunft der hiesigen Automobilindustrie komplett abhängig ist von Zulieferern aus Asien. Den Markt taxiert die EU-Kommission auf 250 Milliarden Euro schon im Jahr 2025. Eine grenzübergreifende „Europäische Batterie-Allianz“  solle bis 2023 versuchen, diesen Markt zu erobern.

„Die Kommission wird 2018 und 2019 für einen zusätzlichen Betrag von insgesamt 110 Millionen Euro für batteriebezogene Forschungs- und Innovationsvorhaben zur Einreichung von Vorschlägen auffordern“, heißt es im „Strategischen Aktionsplan für Batterien“ der EU-Kommission in Brüssel. Dabei ist der Einsatz von Batteriezellen zum Bewegen von E-Autos tatsächlich nur ein Teilaspekt des riesigen Marktes. Mit dem langfristigen Wegfall von fossilen Brennstoffen gehen enorme Speicherkapazitäten verloren. Kohle, Erdöl und Erdgas sind streng genommen nichts anderes als Speichermedien, die die Energie aus Jahrmillionen „festgehalten“ haben. Ihr absehbarer Wegfall stellt die Energiewirtschaft vor enorme Probleme. Nur mit leistungsstarken Speichern können volatile Netze, die von Sonne, Wind und Erneuerbaren gespeist sind, auch dauerhaft stabil gehalten werden.

Batteriezellen auf der Basis der Lithium-Ionen-Technologie sind bei der Lösung des Speicherproblems nach Ansicht von Fachleuten im Moment die einzige verfügbare und bezahlbare Alternative. Andere Visionen sind bisher über Versuchsstadien und Pilotprojekte nicht hinausgekommen. Zu Tausenden zusammengepackt in Modulen, gestapelt in sogenannten Racks und diese wieder eingebaut in Standard-Container, können mit intelligenter Steuerung aus Tausenden Zellen riesige  Speicher gebaut werden. „Aktuell gibt es in ganz Deutschland Batteriespeicher mit einer Leistung von zusammengenommen insgesamt rund 700 Megawatt“, sagt Professor Hans-Joachim Krautz, Leiter des Lehrstuhls Kraftwerkstechnik an der BTU Cottbus-Senftenberg.

Einen beachtlichen Großversuch in Bezug auf Großspeicher hatte die Lausitzer Energie AG (Leag) bereits vor einigen Monaten angekündigt. Das Unternehmen plant am Kraftwerk Schwarze Pumpe einen Großspeicher mit einer Leistung von allein 60 Megawatt. Das wäre dann vorläufig Europas größter Batteriespeicher. Doch noch laufen Ausschreibungen und Vorbereitungen für das Vorhaben. Finale Entscheidungen über die Realisierung des Mammutprojekts sind nach Recherchen der RUNDSCHAU bisher nicht getroffen. Die Produktion von Batteriezellen liegt derzeit fast ausschließlich in asiatischer Hand. Die großen Player dabei heißen LG und Samsung. Sie sind als einzige in der Lage, Zellen preiswert in riesigen Stückzahlen zu liefern. „Die Chinesen rüsten kräftig auf“, sagt der Cottbuser Professor Hans-Joachim Krautz. Sie hätten mit der fränkischen Firma KuKa einen Maschinenbauer gekauft, der in der Lage ist, nahezu vollautomatische Fabriken zur Batteriezellenproduktion zu bauen. Die Investitionen dabei gehen in die Milliarden, weil die Fabriken tatsächlich vollautomatisch arbeiten und mit wenigen Arbeitskräften auskommen. Inzwischen gibt es Berichte über den Bau einer riesigen chinesischen Zellenfabrik in Thüringen. Ein Blick auf die Deutschlandkarte verrät: Der kleine Freistaat liegt ziemlich genau in der geografischen Mitte Deutschlands.

Mitmischen im großen Batteriezellengeschäft will  auch Tesla-Chef Elon Musk. „Das ist doch ganz logisch“, sagt Professor Krautz. „Musk hat mit der Firma Grohmann Engineering aus dem rheinland-pfälzischen Prüm ebenfalls einen Maschinenbauer gekauft, der in der Lage ist, eine automatische Batteriezellenfertigung zu installieren.“ Das sich Musk oder einer seiner Unterhändler in diesem Zusammenhang bereits einmal für die deutsch-polnische Grenzregion interessiert hätte, ist nicht bekannt.

Überhaupt ist Hans-Joachim Krautz skeptisch. Der Lausitzer Wissenschaftler arbeitet seit Langem bei der Entwicklung von Großspeichern mit und beobachtet den Markt intensiv. Aus seiner Sicht wäre eine strategische Allianz Europas notwendig mit Staaten in Südamerika, in denen es riesige Lithium-Vorkommen gibt. Mit Blick auf die Europäische Union sagt Krautz aber: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ohne eine zentral geführte Industriepolitik möglich ist, auf dem Markt der Zellenproduktion nennenswert zu punkten.“ Und weiter: „Es gibt zu viele Einzelinteressen. Autobauer beispielsweise kaufen ihre Zellen dort, wo sie am billigsten sind. Mehr zählt nicht.“

Tausende Batteriezellen bilden die Basis. Sie können in Racks in Container eingebaut werden, um mit mehreren solchen Containern Großspeicher aufzubauen. Die Grafik zeigt einen solchen Container, in dem sich außer den Zellen noch Gleichrichter und Steuereinheiten befinden.
Tausende Batteriezellen bilden die Basis. Sie können in Racks in Container eingebaut werden, um mit mehreren solchen Containern Großspeicher aufzubauen. Die Grafik zeigt einen solchen Container, in dem sich außer den Zellen noch Gleichrichter und Steuereinheiten befinden. FOTO: BTU Cottbus-Senftenberg