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| 16:02 Uhr

Bürgerdialoge
Ströbitz schafft das Gespräch

Rund 120 Gäste waren zum Bürgerdialog in Ströbitz gekommen. Von fehlenden Sozialwohnungen bis zu den Kosten für Flüchtlinge – die Ströbitzer sprachen viele Themen an.
Rund 120 Gäste waren zum Bürgerdialog in Ströbitz gekommen. Von fehlenden Sozialwohnungen bis zu den Kosten für Flüchtlinge – die Ströbitzer sprachen viele Themen an. FOTO: LR / Daniel Schauff
Cottbus. Gelungener Dialog mit rund 120 Gästen: Im Cottbuser Stadtteil mit der größten Ausländerdichte wird kritisch gefragt statt laut gebrüllt. Von Daniel Schauff

2371 Nicht-Deutsche leben in Ströbitz – so viele wie in keinen anderen Stadtteil. Sandow kommt gerade einmal auf gut 1500, Sachsendorf ebenfalls, Schmellwitz und Mitte auf rund 1000. Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) betont das gleich zu Beginn des zweiten Bürgerdialoges am Dienstagabend. Rund 120 Gäste aus dem Stadtteil waren gekommen.

„Nennen Sie doch endlich mal eine Zahl“, fordert einer von ihnen. Er will wissen, was die Geflüchteten die Stadt kosten. Rund zwei Millionen seien es pro Jahr, sagt Rathaus-Finanzchef Markus Niggemann (CDU). Das zumindest sei die Summe, die direkt den Kosten für Geflüchtete zuzuordnen sei. Niggemann betont auch: Von Bund und Land fordere die Stadt eine Ausfinanzierung. Kelch verspricht konkretere Daten – welche Kosten fallen für eine durchschnittliche geflüchtete Familie an? Die Antwort soll auf der Internetseite der Stadt veröffentlicht werden, kündigt der OB an.

Stadtparlamentschef Reinhard Drogla (SPD) greift die Geldfrage auf, betont: Es gebe keinen zügellosen Abfluss von Haushaltsgeldern. Mietkosten gingen zum großen Teil an die Gebäudewirtschaft (GWC), Betriebskosten an die Stadtwerke, Wasserkosten an die LWG, allesamt Unternehmen mit kommunaler Beteiligung. „Das Geld geht nicht nach Syrien“, betont Drogla und fügt hinzu: Nur träumen könne die GWC ohne die vielen Flüchtlinge in Cottbus von der derzeitigen Leerstandquote. GWC-Geschäftsführer Torsten Kunze bestätigt. Rund 500 Wohnungen habe die GWC aktuell im Angebot, rund 100 davon mit Aufzug. Eine Ströbitzerin hatte zuvor über die Wohnungssuche für ihre Mutter berichtet und beklagt, es gebe keine behindertengerechten bezahlbaren Wohnungen mehr in der Stadt. „Kommen Sie vorbei, wir finden sicher eine Lösung“, so Kunze.

Die Angst sei immer noch da bei den Älteren, beklagt ein Mann. Zwar sei es deutlich sicherer geworden in der Stadt – vor allem dank der seit Januar erhöhten Polizeipräsenz. Der Weg durch den Park aber sei für viele Ströbitzer immer noch einer, den sie mit ungutem Gefühl nähmen. „Mit der Faust auf den Tisch gehauen“ habe er im Innenausschuss, sagt Kelch. Danach habe sich einiges getan – neue Schulsozialarbeiter in den Schulen, mehr Polizei in der Stadt. Kelch betont aber auch: „Es hat lange gedauert.“ Die Stadt habe schon vor einem Jahr gesagt, sie sei überfordert mit den vielen Flüchtlingen. Kelch erklärt: Preiswerter Wohnraum, gute Betreuung, es habe sich unter den Flüchtlingen herumgesprochen, dass das Leben in Cottbus für sie ein gutes sei. Daher habe es den massiven Zuzug im vergangenen Jahr gegeben.

„Man fühlt sich machtlos“, resümiert ein Gast, bezieht sich auf die vielen Stellen, an denen der Stadt die Hände gebunden sind, Bund und Land in der Verantwortung stehen – OB Kelch musste gleich mehrfach auf die Grenzen der Zuständigkeiten seiner Stadtverwaltung hinweisen – bei der geforderten „Vorschule“ für Kinder von Geflüchteten etwa, die Kelch als „sinnvolle Maßnahme“ bezeichnet. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr weitergeht“, hatte zuvor die Leiterin der Wilhelm-Nevoigt-Grundschule beklagt. Es fehlten Sprachmittler. „So funktioniert Integration nicht“, sagt sie. Mittel vom Bund gebe es für Sprachmittler nicht, betont Maren Dieckmann, Leiterin des Geschäftsbereichs Jugend, Kultur und Soziales bei der Stadt.

In einem „großen Lernprozess“ befänden sich derzeit die Cottbuser, sagt Reinhard Drogla – und das im Schleudergang. Drogla verweist auf DDR-Zeiten, den Kontakt mit so vielen Ausländern wie derzeit seien viele nicht gewohnt. Letztendlich aber funktioniere Integration nur mit den Cottbusern oder gar nicht.