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| 18:48 Uhr

Flüchtlinge
BTU-Studenten zeigen, wie Integration funktioniert

Martin Jürgens und seine Welcome-Initiative an der BTU werden vom Bundesbildungsministerium ausgezeichnet.
Martin Jürgens und seine Welcome-Initiative an der BTU werden vom Bundesbildungsministerium ausgezeichnet. FOTO: Privat
Cottbus . Welcome-Initiative der Uni vom Bildungsministerium ausgezeichnet. Von Andrea Hilscher

Martin Jürgens (27) ist ein Mensch, der Probleme anpackt, wenn er sie sieht. Als vor drei Jahren immer mehr geflüchtete Menschen nach Cottbus kamen, sagte er sich: Da kann man doch was tun. Ohne Organisation im Rücken überlegte er gemeinsam mit einer Kommilitonin,  was den Neuankömmlingen helfen könnte, in der für sie fremden Welt zurechtzukommen.  Auf der Interkulturellen Woche hat er sich umgeschaut, Leute angesprochen, Kontakte geknüpft. „Ich habe einfach auf Englisch drauflosgequatscht, irgendwer war immer da, um ins Arabische zu übersetzen.“

Eine Woche später hat Jürgens mit Flüchtlingen Fußball gespielt, dann mit der Uni nach Möglichkeiten gesucht, den Hochschulsport für die jungen Neuankömmlinge zu öffnen. „Erst war alles ganz unorganisiert“, erinnert sich der Student. Als das Herbstsemester begann, wurden die Uni-Leitung und das Büro für internationale Beziehungen aufmerksam. Die Initiative von Martin Jürgens und seiner Mitstudentin bekam ein klareres Ziel: studierfähige junge Zuwanderer sprachlich fit für die Uni zu machen. „Wir sind einfach rein in die Flüchtlingsheime, haben dort die Leute angesprochen und so die Teilnehmer für unseren ersten Sprachkurs zusammengesammelt“, erzählt Jürgens.

Zunächst ging es darum, die Geflüchteten auf das Sprachniveau B1 zu bringen, ihnen all das beizubringen, was sie für die Bewältigung ihres Alltags in Deutschland brauchen. „Gleichzeitig haben wir sie beraten bei Problemen mit dem Jobcenter, mit ihrem Aufenthaltstitel, es gab Hilfe bei der Wohnungssuche und bei zahllosen anderen Fragen.“

Ein Ehrenamt, das viel Zeit gekostet hat. Zum Glück aber war aus dem privaten Hilfsprojekt inzwischen eine offizielle Welcome-Initiative der BTU geworden, unterstützt durch Gelder vom Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD. Mehrere Hiwi-Stellen konnten so finanziert werden, es gab Exkursionen nach Berlin oder in den Spreewald. „Und je häufiger die Leute bei solchen Unternehmungen dabei waren, umso schneller verbesserten sich ihre sprachlichen Fähigkeiten.“

Für Martin Jürgens eine Zeit voller bereichernder Erfahrungen. Interkulturelle Kompetenz, ein gewachsenes Interesse an weltpolitischen Fragen, neue Freundschaften. „Sobald man sich öffnet und über den Tellerrand schaut, wird man belohnt“, sagt er. Eine Erfahrung, die er schon als Schüler machen durfte. „Ich bin in Wismar aufgewachsen, dann für ein Schuljahr nach Texas gegangen.“ Plötzlich saß der Junge aus Mecklenburg in einer Klasse mit Schülern hispanischer oder afroamerikanischer Herkunft. „Da lernt man, mit seinen eigenen Vorurteilen anders umzugehen.“

An der BTU konnte er diese Fähigkeiten umsetzen – mit großem Erfolg. Im Oktober 2016 nahmen die ersten „seiner“ Flüchtlinge an Kursen der „Brücke zum Studium“ teil. Dort ging es darum, auf das Sprachniveau C1 zu kommen. Wer hier bestehen will, muss sich fließend und korrekt ausdrücken können, komplexe Sachverhalte verstehen und akademischen Ausführungen folgen können. „Unsere Flüchtlinge waren dabei enorm erfolgreich, fast alle haben ihre Prüfungen bestanden und schnitten dabei meist besser ab als die anderen internationalen Studierenden.“ Mehrere Teilnehmer erhielten Stipendien, konnten sich so ihr Studium finanzieren. Und auch, als sich die Situation für Flüchtlinge in Cottbus verschärfte, entschieden sie sich dafür, in der Stadt und an der BTU zu bleiben. „Sie sind inzwischen gut vernetzt, engagieren sich in den unterschiedlichsten Initiativen und kommen an der Uni gut voran“, sagt Martin Jürgens.

Mittlerweile nimmt bereits die dritte Generation junger Geflüchteter an den „Brücke“-Kursen teil. Der Bedarf daran flaut allerdings langsam ab, die Sprachkurse der etablierten Anbieter decken die Nachfrage weitgehend ab. Auch Martin Jürgens zieht sich aus der Welcome-Initiative zurück, will sich in den kommenden Monaten auf seinen Master in Stadt- und Regionalplanung konzentrieren.