ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:21 Uhr

BTU-Forscher warnt
„Jetzt gibt es keine Ausreden mehr“

 Klaus Birkhofer ist für seine Studien weltweit unterwegs. Das Artensterben beschäftigt ihn und seine Kollegen immens.
Klaus Birkhofer ist für seine Studien weltweit unterwegs. Das Artensterben beschäftigt ihn und seine Kollegen immens. FOTO: Birkhofer
Cottbus. Nach dem UN-Bericht zum Artensterben ist auch in der Region eine Diskussion entbrannt. Der Ökologe von der BTU ist froh über den Weckruf.

Laut einem neuen Bericht des Weltbiodiversitätsrats (Ipbes) sind eine Million Arten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, wenn es zu keinen grundlegenden Änderungen bei der Landnutzung, beim Umweltschutz und der Eindämmung des Klimawandels kommt. Für den Cottbuser Ökologie-Professor Klaus Birkhofer sind die Ergebnisse der Studie nicht überraschend. Er ist froh, dass die Gefährdung der biologischen Vielfalt ein weltweites Echo gefunden hat.

Herr Prof. Birkhofer, die Ergebnisse der Ipbes-Studie klingen schockierend. Ist es tatsächlich so schlimm?

Birkhofer Ja. Heute und in Zukunft kann niemand mehr sagen, er habe davon nichts gewusst. Wir müssen uns entscheiden, ob wir sehenden Auges in diese Katastrophe gehen wollen oder ob wir unseren Lebensstil ändern.

Gerade hier in Brandenburg gibt es aber doch schon jetzt viele gute Ansätze. Im vergangenen Jahr hat der Landtag zum Beispiel ein Blühstreifenprogramm verabschiedet.

Birkhofer Die Idee der Blühstreifen ist gut und sinnvoll. Brandenburg ist das letzte Bundesland, dass hier aktiv geworden ist. Wir müssen uns klar machen, was für eine zentrale Rolle Bestäuber für uns spielen. Ich denke dabei nicht nur an die Honigbiene, auch Hummeln, Wildbienen und Schwebfliegen sind für uns unverzichtbar. In China und Kalifornien gibt es schon heute zu wenig natürliche Bestäuber. In China werden die Mandelbäume inzwischen von Hand bestäubt. Kalifornien lässt Bienenvölker von der Ostküste quer über den Kontinent transportieren, um die Bestäubung der Bäume zu garantieren. Ein finanzieller und ökologischer Wahnsinn.

Hier in der Lausitz scheint die Welt aber doch noch in Ordnung zu sein. Wir haben gute Obsternten, viele bei uns ausgestorbene Tiere kehren zurück, es grünt und blüht überall.

Birkhofer Da kommen viele Dinge zusammen, die man sehr differenziert betrachten muss. Zunächst einmal: Bei den Bestäubern wissen wir sehr genau, was sie für uns leisten. Viele andere Ökosystemleistungen lassen sich nicht so genau erfassen. Wir wissen noch nicht genau, wie sich die Versiegelung von Flächen auswirkt, was für Konsequenzen die Überdüngung auf die Artenvielfalt hat oder was passiert, wenn natürliche Mechanismen der Schädlingsbekämpfung nicht mehr funktionieren. Aber wir sehen schon jetzt, dass mangelnde Artenvielfalt Ökosysteme destabilisiert. Nehmen Sie die Probleme, die beispielsweise durch die Ausbreitung von Ambrosia entstehen oder durch verschiedene Forstschädlinge, die hoch allergen wirken und dem Menschen zur Last werden.

Auf welche Veränderungen müssen wir uns in der Region einstellen?

Birkhofer Der klassische Brandenburger Kiefernwald wird längst nicht mehr so verbreitet sein wie heute. Die Kiefer kommt mit den immer trockeneren und heißeren Sommern nicht ohne Stress zurecht. Es wird häufiger Brände und ganz neue Schädlingsbelastungen geben und Mischwälder sind deutlich resistenter gegenüber diesen Belastungen. Auch die Landwirte werden sich umstellen müssen, auf Dauer wird der Steuerzahler ihre Dürreausfälle nicht ausgleichen können.

Gerade die Landwirtschaft wird derzeit zum Buhmann der Nation, dabei sind wir doch alle auf eine funktionierende Nahrungsmittelproduktion angewiesen.

Birkhofer Stimmt. Es sind nicht nur die Landwirte, die Verantwortung für die Situation tragen. Aber in einem Agrarland wie Brandenburg wird es ohne eine Veränderung der Landwirtschaft nicht gehen, wenn wir uns dem Artensterben entgegenstellen wollen. Dafür sollte die Politik Anreize schaffen, viele Landwirte sind durchaus aufgeschlossen, müssen aber natürlich auf die Wirtschaftlichkeit ihrer Betriebe achten..

Wie?

Birkhofer Zum Beispiel, indem die EU ihre Agrarpolitik umsteuert. Bisher werden große Schläge, also große bewirtschaftete Flächen, über die Flächenprämie gefördert. Kleinere Schläge mit mehr Randzonen haben aber einen höheren ökologischen Wert und sie ermöglichen Abwechslung bei den Feldfrüchten auf kleinem Raum. Die Schweizer Landwirte mit ihren kleineren Schlägen und höheren Randstreifenanteilen leisten oft einen guten Beitrag zum Artenschutz.

Da wird jeder Landwirt sagen: Das erhöht unsere Kosten, das können wir uns nicht leisten.

Birkhofer Natürlich sind auch wir Konsumenten gefragt. Wir müssen unseren Lebensstil überprüfen. Was wollen wir für Lebensmittel essen? Welchen Preis sind wir bereit, dafür zu zahlen. Weniger Fleisch, weniger Massentierhaltung, das würde schon viel bewirken. Im Kampf gegen das Artensterben zählt jeder Beitrag. Müll vermeiden, weniger Lebensmittel wegwerfen. Verzichten wir doch einfach auf den Plastikdeckel vom Coffee-to-go-Becher. Das tut niemandem weh, hilft aber der Umwelt. Halten wir uns einfach an bestimmte Regeln: Werfen beispielsweise keinen Müll in die Landschaft.

Was hat das mit dem Artensterben zu tun?

Birkhofer Mikroorganismen zersetzen den Abfall, Plastik und Schwermetalle gelangen in den Boden, dann in die Nahrungskette, wo sie wiederum verschiedenste Lebewesen schädigen können.

Wie schätzen Sie das Bewusstsein für die Dringlichkeit der Probleme ein?

Birkhofer Sehr unterschiedlich. Wenn ich mir die BTU Studierenden anschaue, dann merke ich: Viele von ihnen haben das längst kapiert. Die bemühen sich, schränken ihren Fleischkonsum ein oder vermeiden Plastik. Aber unter den jungen Ingenieuren ist auch die Hoffnung verbreitet, das neue Technologien die Probleme lösen können. Das wird aber primär in den Industrienationen und auch nur bis zu einem gewissen Grad funktionieren. Auf internationaler Ebene bin ich manchmal etwas ratlos. Wir wissen, dass in den nächsten Jahren pazifische Staaten durch den Anstieg des Meeresspiegels vollkommen verschwinden werden. Doch kein Land der Welt ist bereit, diesen Opfern dieses Klimawandels eine neue Heimat zu bieten. Wo sollen diese Menschen dann hin?