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| 16:40 Uhr

Umweltprobleme
Blühstreifen helfen, aber nicht immer

In naturbelassenen Streifen können sich Tiere ansiedeln, die Schädlinge auf natürliche Weise bekämpfen.
In naturbelassenen Streifen können sich Tiere ansiedeln, die Schädlinge auf natürliche Weise bekämpfen. FOTO: picture alliance / dpa / Uwe Zucchi
Cottbus. BTU-Forscher Prof. Klaus Birkhofer sucht nach Wegen, die Landwirtschaft effektiv und zugleich nachhaltig zu gestalten. Von Andrea Hilscher

Das Projekt ist riesig:  In einer öffentlich zugänglichen Datenbank haben Forscher die Ergebnisse von 132 Untersuchungen in 31 Ländern weltweit zusammengetragen, die sich alle einer Frage widmen: Welche Auswirkungen haben natürliche und naturnahe Habitate und Ökosysteme auf die natürliche Schädlingsbekämpfung. Sprich: Wird eine Ernte besser, wenn der Landwirt neben seinen Feldern Blühstreifen, Hecken oder Brachen entstehen lässt?

In der aktuell veröffentlichten Publikation hat ein internationales Team von 154 Wissenschaftlern Daten zur Schädlingskontrolle in 6700 Untersuchungsflächen von tropischen Kakaoplantagen bis zu deutschen Weizenfeldern zusammengetragen. Einer der Forscher ist der Tierökologe Klaus Birkhofer, Fachgebietsleiter der Ökologie an der BTU Cottbus-Senftenberg. Er hat sich im Rahmen der Studie mit der Schädlingskontrolle in Getreidefeldern – zumeist Weizen, Gerste und Roggen – in Schweden und Deutschland beteiligt.

Mit dem Insektensauger entnehmen die Forscher Proben zur Untersuchung des Schädlingsbefalls, hier in Niedersachsen.
Mit dem Insektensauger entnehmen die Forscher Proben zur Untersuchung des Schädlingsbefalls, hier in Niedersachsen. FOTO: Birkhofer Klaus

Worum es dabei genau geht, ist schnell erklärt, aber schwer zu erforschen. „Ältere Studien haben nachgewiesen, dass zehn bis 20 Prozent der Ernte wichtiger Getreidesorten weltweit durch tierische Schädlinge verlorengehen. Trotz des Einsatzes von Pestiziden und Nützlingen“, sagt Prof. Birkhofer.

Er nennt das Beispiel von Blattläusen, die als Vektoren für Pflanzenviren dienen. „Für einen Landwirt ist also oft nur eine tote Blattlaus eine gute Blattlaus.“ Durch bestimmte Nützlinge, etwa durch Marienkäfer oder Spinnen, können die Blattläuse dezimiert werden.  Wissenschaftler gehen beispielsweise davon aus, dass bis zu sieben Prozent einer Weizenernte durch Spinnen und die geleistete Schädlingskontrolle garantiert werden.

Der einfache Umkehrschluss, dass sich eine Ernte automatisch verbessert, wenn man um seine Felder ausreichend natürlichen Lebensraum schafft, scheint nicht immer zu funktionieren. Klaus Birkhofer: „Pflanzt der Landwirt beispielsweise eine Hecke aus Vogel-Kirsche, erweist er sich keinen guten Dienst: Genau dort nämlich überwintert eine wichtige Getreideblattlaus.“

Gemeinsam mit seinen Studenten hat Birkhofer untersucht, in welchem Ausmaß bestimmte Nützlinge etwa von einer Brachfläche auf ein benachbartes Getreidefeld wandern, um dort Schädlinge zu fressen. „In der Brache haben wir zwar eine hohe Artenvielfalt und zahlreiche Nützlinge gefunden. Im Getreidefeld war ihr Wirken allerdings nicht messbar.“

Marienkäfer sind wichtige Helfer bei der Eindämmung von Blattläusen – und deshalb dem Landwirt willkommen.
Marienkäfer sind wichtige Helfer bei der Eindämmung von Blattläusen – und deshalb dem Landwirt willkommen. FOTO: Birkhofer Klaus

Ein Blick auf die weltweite Datenanalyse zeigt: Der direkte Nutzen natürlicher Habitate für die Schädlingsbekämpfung auf benachbarten Agrarflächen ist sehr variabel. Während zahlreiche Studien den erwarteten Nutzen zeigen, berichten ebenso viele Untersuchungen über negative Auswirkungen natürlicher Habitate auf die Erntemenge.

Klaus Birkhofer: „Man muss sehr genau auf die regionalen Gegebenheiten schauen und darauf, welche Feldfrüchte in welchem Klima angebaut werden.“ Die neuen Erkenntnisse sollten auf keinen Fall dazu führen, natürliche Habitate abzubauen oder diese nicht als sinnvoll zu erachten. „Grün- oder Blühstreifen sind unschätzbar wichtig für den Artenreichtum und haben zahlreiche positive Effekte für den Naturschutz und andere Ökosystemleistung wie etwa die Bestäubung“, bekräftigt der Wissenschaftler.

„Wenn wir uns die aktuelle Situation anschauen – das weltweite Insektensterben und den Klimawandel – dann wird schnell klar, wie wichtig es ist, die Landwirtschaft auf diese Herausforderungen einzustellen“, so der Forscher. Die Folgen der aktuellen Dürreperiode, besonders auch in der Lausitz, sind allgegenwärtig. „Unsere sandigen Böden, die großen Kiefernwälder und Tagebauflächen sind eine große Herausforderung, zugleich aber auch eine Chance“, sagt Birkhofer. „Schließlich müssen wir uns dauerhaft auf geänderte Wetterbedingungen einstellen.“

Er ist überzeugt, dass sich die Struktur der Landschaft gerade in Regionen wie der Lausitz langfristig verändern muss. Untersuchungen haben gezeigt, dass Landwirtschaft dort besonders gut funktioniert, wo die Äcker kleinteilig angelegt sind. „Durch die zahlreichen Randflächen mit unterschiedlichen Habitattypen gibt es dort eine hohe Artenvielfalt.“ Der positive Effekt einer kleinteiligen Flächenstruktur kann sogar größer sein als der einer anteiligen Umstellung auf ökologischen Landbau.

Schädlingskontrolle
Schädlingskontrolle FOTO: Birkhofer Klaus

All diese Forschungsansätze geben nützliche Hinweise für die Landwirtschaft der Zukunft. Derzeit etwa setzt Klaus Birkhofer im Rahmen eines von ihm koordinierten EU-Projektes verschiedene Forschungsflächen in Europa künstlichen Trockenphasen aus, um zu testen, wie Feldfrüchte, Boden und Organismen mit den veränderten Bedingungen zurechtkommen. „Wir rechnen damit, dass die Schädlingskontrolle abnimmt, je trockener es wird.“ Gleichzeitig wandern durch das veränderte Klima schon jetzt neue Schädlinge auch nach Brandenburg ein. Dennoch müsse es das Ziel sein, weniger chemische Stoffe wie Mineraldünger und synthetische Pestizide einzusetzen, aber gleichzeitig eine wirtschaftlich rentable Landwirtschaft zu ermöglichen.

Der Wissenschaftler sieht es sportlich. „Es gibt zahlreiche Probleme und Herausforderungen, und diese müssen wir angehen.“ Konkret: „Die landwirtschaftlichen Erträge sollen weltweit nicht abnehmen. Die Erde aber dürfen wir dafür nicht zunehmend weiter schädigen.“ Die neue Datenbank leistet ihren Beitrag dazu.

Schädlingskontrolle
Schädlingskontrolle FOTO: Birkhofer Klaus