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| 19:35 Uhr

Bürgerfest im Puschkinpark
Botschafter für ein weltoffenes Cottbus

 Rund 700 Cottbuser kamen laut Veranstalter in den Puschkinpark.
Rund 700 Cottbuser kamen laut Veranstalter in den Puschkinpark. FOTO: LR / Verena Ufer
Cottbus. Sorgen und Zuversicht: Zwei Gefühlszustände, von denen beim Bürgerfest auf der Wiese am Puschkinpark immer wieder zu hören war. Cottbuser äußerten ihre Befürchtungen angesichts der benachbarten AfD-Veranstaltung sowie ihre Zuversicht im Bezug auf die Solidarität für eine weltoffene Stadt. Von Christina Wessel

Zwischen den Zuschauern mit Deutschland-Flaggen und AfD-Wimpeln sowie den Parkbesuchern im angrenzenden Puschkinpark bildeten die Übertragungswagen der Fernseh- und Rundfunkanstalten eine räumliche Abgrenzung. Sie waren zahlreich nach Cottbus gekommen, um den Wahlkampfauftakt der AfD vor der Stadthalle zu verfolgen. Insbesondere an einer Person entzündeten sich Protest am Puschkinpark ebenso wie die mediale Aufmerksamkeit. Als Redner hatte sich der thüringische Landesvorsitzende Björn Höcke angekündigt, der immer wieder durch nationalistische Parolen aufgefallen war. Eine Gesinnung, vor der viele Cottbuser Angst haben. Umso entschiedener äußerten sich die Besucher der Gegenveranstaltung zum AfD-Wahlkampfauftakt gegen Hass und rechte Hetze.

Christoph Keller (31) kam mit der Familie in den Puschkinpark, um „Farbe zu bekennen und zu zeigen, dass Cottbus nicht nur blau oder braun ist“. Er vermisst aktuell eine Gesprächskultur, die andere Meinung zulässt und auf den Dialog setzt. Dabei erlebt Keller den Alltag in Cottbus nicht wesentlich anders als früher. „Ich habe aber große Angst davor, dass die Region als braun abgestempelt wird.“ Dabei glaubt er, dass nur ein Teil der AfD-Wähler wirklich rechtsextrem denkt. „Der andere Teil drückt seinen Protest aus und hadert mit dem Strukturwandel in der Kohleregion.“

 Christoph Keller besuchte mit seiner Familie das Bürgerfest in Cottbus.
Christoph Keller besuchte mit seiner Familie das Bürgerfest in Cottbus. FOTO: LR/Christina Wessel

Vorwürfe gegenüber der kommunalen Politik in Cottbus formulierte Florian Bröcker. Der 39-Jährige beobachtet die Zurückhaltung der Lokalpolitiker mit Sorgen. „Es hätte längst klare Abgrenzungen und Positionierungen gebraucht.“ Er könne nicht verstehen, warum die Stadtspitze selbst nicht die Initiative zu einer deutlichen Stellungnahme zur AfD-Veranstaltung ergriffen habe. Viel zu spät sei die Solidarisierung mit den Organisatoren des Bürgerfests im Puschkinpark gekommen. Letztlich aber kam Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) auf die Bürgerfest-Bühne, um mit den Besuchern im Puschkinpark gemeinsam Präsenz zu zeigen.

Botschaft einer Opernsängerin für ein weltoffenes Cottbus

Mit einer Botschaft betrat auch Opernsängerin Julie Szelinsky die Bürgerfest-Bühne. Die gebürtige Tschechin lebt seit 16 Jahren in Cottbus und hat hier ihr Zuhause sowie ihre Arbeit am Staatstheater gefunden. Umso mehr treiben sie die Sorgen vor Ausgrenzung um. Ihr Lebensgefährte kommt aus Afghanistan und nicht selten ernten sie als Paar in der Öffentlichkeit böse Blicke. „Das ist mir in der letzten Zeit häufiger aufgefallen“, sagt Szelinsky. Gerade die Tatsache, dass Cottbus in den vergangenen Jahren bunter und internationaler geworden ist, macht für sie das Zusammenleben hier so interessant.

 Opernsängerin Julie Szelinsky trat gemeinsam mit Ilya Dikariev beim Bürgerfest in Cottbus auf.
Opernsängerin Julie Szelinsky trat gemeinsam mit Ilya Dikariev beim Bürgerfest in Cottbus auf. FOTO: LR/Christina Wessel

Rund 700 Bürgerfest-Besucher

Für Offenheit, Herz, Geist und Verstand warb Magdalena Mißler-Behr mit ihrem Besuch beim Bürgerfest. Die 58-Jährige musste in der Vergangenheit bereits heftige Attacken mit Rechtsradikalen erdulden. Bei einem Gespräch begegnete ihr ein Mann ganz offen rechtsextrem. Als sie ihre gänzliche andere Sicht der Dinge erläuterte, sei der Mann sogar handgreiflich geworden. „Ich hoffe, dass wir alle auch künftig gemeinsam für Demokratie und Offenheit eintreten“, sagte sie am Rand der Bürgerfests.

Botschafter für ein weltoffenes Cottbus FOTO: Michael Helbig

Zu den Organisatoren der Veranstaltung im Puschkinpark gehört Barbara Domke. Die Grünen-Politikerin beklagte die fehlende Präsenz der Cottbuser Stadtverordneten in den vergangenen Monaten und Jahren. „Viele Parteien haben sich zu sehr zurückgezogen. Sie waren nicht nah genug an den Menschen dran“, sagte Domke. Über fehlenden Zuspruch beim Bürgerfest konnte sie sich am Samstag allerdings nicht beklagen. Nach Domkes Auskunft waren rund 700 Menschen zur AfD-Gegenveranstaltung gekommen.