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Bogen von DDR nach China gespannt

Die Leiterin des Menschenrechtszentrums Sylvia Wähling (Mitte) moderiert das Gespräch mit Zhen Wang und Ulrike Poppe.
Die Leiterin des Menschenrechtszentrums Sylvia Wähling (Mitte) moderiert das Gespräch mit Zhen Wang und Ulrike Poppe. FOTO: Elsner
Cottbus. Die Ausstellung "Wir müssen schreien, sonst hört man uns nicht!" läuft bis Anfang August im Menschenrechtszentrum Cottbus. Ulrike Elsner

"Wir müssen schreien, sonst hört man uns nicht!" Dieses Bekenntnis des Frauenwiderstands der 1980er-Jahre in der DDR steht über der Plakatausstellung der Robert-Havemann-Gesellschaft, die am Dienstagabend im Menschenrechtszentrum Cottbus eröffnet wurde. Leiterin Sylvia Wähling hatte nicht nur die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe, als prominente Zeitzeugin aufs Podium geladen. Als zweiter Gesprächsgast schlug der ehemalige politische Häftling Zhen Wang den Bogen zum Widerstand gegen aktuelle Menschenrechtsverletzungen in China.

Die Verbindung ergab sich ganz folgerichtig, als Ulrike Poppe berichtete, wie ihre Frauenwiderstandsgruppe die gewaltsame Niederschlagung des studentischen Aufstands am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking wahrgenommen hat.

Das Glückwunschschreiben von Egon Krenz an die chinesische Führung habe den DDR-Bürgerrechtlern gezeigt, "dass das auch unser Damoklesschwert ist". Die Reaktion auf eine Protestaktion der Frauengruppe vor der chinesischen Botschaft schildert Ulrike Poppe so: "Sie haben brutal zugegriffen und uns auf die Ladefläche eines Lkw gerissen." Es folgten Verhöre und ein Ordnungsstrafbescheid, der allerdings nicht mehr vollzogen wurde, weil sich die DDR bereits in Auflösung befand.

Anfang der 1980er-Jahre wächst innerhalb der europäischen Friedensbewegung eine von Frauen getragene neue Protestbewegung heran. Unter dem Namen "Frauen für den Frieden" entstehen Gruppen, die sich über Ländergrenzen und Militärblöcke hinweg gegen den Wahnsinn der Aufrüstung mit Atomwaffen verbünden. "In 17 DDR-Städten gab es ,Frauen für den Frieden'-Gruppen", weiß Ulrike Poppe zu berichten, die selbst Mitglied einer solchen Gruppe war.

Als die DDR-Volkskammer im März 1982 die Einbeziehung von Frauen in die Wehrpflicht beschließt, erheben diese Frauen ihre Stimme. "Zu Trotz, Widerstandsgeist und Wut kam die Lust, etwas zu tun, um vor dem eigenen Gewissen zu bestehen", sagt Ulrike Poppe.

Zhen Wang muss die friedliche Revolution in der DDR hoffnungsvoll stimmen. Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn hat dem Ingenieur zwei Jahre Arbeitslager, Gehirnwäsche, Folter und Zwangsarbeit eingebracht. Der damalige Student an einer chinesischen Elite-Uni hat Aufklärungs-Flyer über Falun Gong, eine von der chinesischen Regierung verbotene Meditationsbewegung, verbreitet. "Die Gründe für das Verbot waren erfunden", sagt Zhen Wang. Am Ende war er jeder Chance beraubt, in China eine gute Arbeit zu finden, und bewarb sich deshalb um ein Studenten-Visum für Deutschland.

Heute arbeitet Zhen Wang als Ingenieur bei der Deutschen Bahn. Als Folge der Folter musste er zwei schwere Hüftoperationen über sich ergehen lassen. Trotz seiner Behinderung wird er nicht müde, auf die gesundheitlichen Folgen der sich ausbreitenden Luftverschmutzung und die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen in China aufmerksam zu machen. Als einstiger Zwangsarbeiter hat er selbst Weihnachtsdekoration, Elektrosteckleisten und Kuscheltiere für Europa hergestellt.

"Aber das Schlimmste ist der Organraub", klagt der Gast an. Vor allem Falun-Gong-Anhängern, die sich meist durch eine gute Gesundheit auszeichnen, würden gezielt bei lebendigem Leib Organe entnommen und an zahlungskräftige Kranke aus dem Ausland verkauft. "Bei mir selbst wurde aus diesem Grund ein EKG gemacht und Blut entnommen", berichtet Wang.

Zum Thema:
Die Ausstellung "Wir müssen schreien, sonst hört man uns nicht!" kann bis zum 6. August im Foyer des Menschenrechtszentrums Cottbus, Bautzener Straße 140, besichtigt werden. Am Samstag, 17. Juni, ab 15 Uhr, feiert das Menschenrechtszentrum den zehnten Geburtstag. Neben Filmen, Aktionen und Führungen gibt es 15.30 Uhr eine Lesung mit dem Schauspielerpaar Claudia Wenzel und Rüdiger Joswig.