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| 13:39 Uhr

Nach Vorfall auf Biohof in Kolkwitz
Warum Hunde 160 Gänse töten

 Gabriele Liebertz ist Hundetrainerin in Cottbus und arbeitet seit 30 Jahren mit Hunden und ihren Haltern zusammen.
Gabriele Liebertz ist Hundetrainerin in Cottbus und arbeitet seit 30 Jahren mit Hunden und ihren Haltern zusammen. FOTO: LR / Daniel Steiger
Cottbus. Zwei Hunde aus dem benachbarten Dorf haben in der vergangenen Woche auf dem Biohof Auguste in Kolkwitz Gänse angegriffen. Mindestens 160 Tiere sind tot. Doch warum tun Hunde das? Und lassen sich solche Attacken verhindern? Die RUNDSCHAU sprach darüber mit der Cottbuser Hundetrainerin Gabriele Liebertz. Von Daniel Steiger

Frau Liebertz, die Hunde waren offensichtlich wie in einem Rausch, als sie die Tiere angegriffen haben. Was geht da in einem Hund vor?

Das, was da häufig als Blutrausch bezeichnet wird, gibt es nicht. Aber trotzdem ist die Bezeichnung Rausch gar nicht verkehrt. Jeder Hund bis auf wenige Ausnahmen hat besitzt seinen ursprünglichen Jagdtrieb. Werfen sie einem Hund ein Bällchen zu, springt der Hund hinterher und versucht reinzubeißen. Radfahrer, Jogger ... alles, was in Bewegung ist, löst bei den meisten Hunden diesen Jagdtrieb aus. Das heißt aber eigentlich nichts anderes als hinterherzulaufen. Das ist also eher etwas Spielerisches. Etwas ganz anderes ist der Beutetrieb. Da muss man ganz sauber unterscheiden. Der Beutetrieb ist zielorientiert. Der Hund jagt hinter etwas hinterher und will es dann tatsächlich packen und erlegen. Ein Hund, der hinter etwas herläuft, ist völlig normal. Ein Hund, der hinterherläuft und dass tatsächlich in Tötungsabsicht zubeißt, hat einen Beutetrieb. Es gibt nicht viele Hunderassen, bei denen der Beutetrieb noch ausgeprägt ist.

Was heißt das für den speziellen Fall?

Aus so einem Jagdtrieb kann aber ein Beutetrieb entstehen. Wenn sich das, wo der Hund hinterhergejagt ist weiter bewegt, wie in diesem speziellen Fall mit Federvieh ist das möglich. Die Gänse flattern, machen Geräusche, wollen entkommen. Das hat auch nichts mit Hunger zu tun. Da legt sich einfach im Hundehirn ein Schalter um und aus dem Hund wird ein wildes Tier. Dann geraten die tatsächlich in so einen Rausch. Dann beißen die so, lange, bis sich nichts mehr bewegt oder bis sie nicht mehr können. Die Hunde können sich in so einer Situation nicht mehr kontrollieren.

Steckt so ein Verhalten in jeder Hunderasse?

Ja, das kann jedem Hund passieren. Es gibt natürlich Rassen wie den Mops, denen der Jagdtrieb abgezüchtet wurde. Das sind einfach Schoßhunde. Die laufen auch mal hinterher, aber ob die wirklich beißen würden, wage ich zu bezweifeln.

Gibt es Auslöser für so ein Verhalten?

Der Auslöser können die Bewegung der Beute, Gerüche und Geräusche sein. Was dann auch noch dazukommen kann, ist Langeweile und Unterforderung der Hunde.

Wie kann ich so etwas verhindern?

Entweder durch eine Leine. Also, dass ich den Hund nicht loslasse oder ich muss ihn so gut erziehen, dass er zumindest in meiner Gegenwart diesem Trieb nicht nachgeht. Das kann man anerziehen. Das hilft aber auch nur, so lange ich bei dem Hund bin.

Heißt: Wenn der Hund auf dem Grundstück wohnt und ich am Abend ins Haus gehe, hilft die beste Erziehung nichts?

Genau. Der Rudelführer, also Herrchen oder Frauchen, ist weg und der Rest des Rudels macht, was es will. Die Natur des Hundes lässt sich eindämmen und umlenken, aber eben nicht für jede Situation.

Angenommen, die Situation ist eingetreten. Kann ich den Hund in seinem Rausch unterbrechen?

Wenn ein Hund in so einem Lauf ist, glaube ich nicht, dass es viele Besitzer gibt, die den Hund dann noch aufhalten können. Und Fremde sollten da erst recht nicht rangehen. Wenn es Menschen wären, würde man den Hunden mildernde Umstände wegen Unzurechnungsfähigkeit attestieren.

Kann man bei Hunderassen generell zwischen gefährlich und ungefährlich unterscheiden?

Nein , es gibt nur gefährliche und ungefährliche Hunde, mit der Rasse hat das wenig zu tun, sondern in erster Linie mit der Erziehung. Ich kenne genausoviele lammfromme Rottweiler wie bissige Labradore.

Es gibt bestimmte Rassen, die zu bestimmten Zwecken gezüchtet wurden. Diese Rassen haben Eigenschaften, die deutlich hervorgezüchtet wurden.

Wenn ich also zwei Rassen kreuze, die von den Anlagen her nicht kompatibel sind, z. B. Wach- und Schutzhunde, die ein erhöhtes Aggressionspotenzial haben und Hütehunde, die zwar sehr vorsichtig, aber auch blitzschnell von Null auf Hundert gehen, habe ich ein Problem.

In diesem speziellen Fall sollen es Berner Sennenhunde gewesen sein. Die gelten aber als Familienhund. Ist das Quatsch?

Es gibt keine Rasse Familienhund. Es kommt in erster Linie darauf an, wie ich den Hund halte und erziehe. In unserer Hundeschule haben wir nicht wenige Berner die beißen.

Lassen sich solche Unglücke wie jetzt auf dem Biohof verhindern?

Ja, dafür muss mein Grundstück aber absolut ausbruchsicher sein. Was ich da oft zu sehen bekomme, müsste eigentlich viel mehr passieren. Wir können nur froh sein, dass die meisten Hunde ausgesprochen friedlich sind.

Würden die Hunde das wieder machen?

Auf jeden Fall. So blöd das klingt: Aber die hatten Spaß dabei. Wenn die die Gelegenheit bekommen, machen die das wieder.