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Binnen einer Minute auf HIV testen

Carsten Bock (l.) von "Katte e.V." führt einen HIV-Schnelltest bei Paul K. (Name v. d. Red. geändert) durch.
Carsten Bock (l.) von "Katte e.V." führt einen HIV-Schnelltest bei Paul K. (Name v. d. Red. geändert) durch. FOTO: Rüdiger Hofmann
Cottbus. Paul K., 56, (Name und Alter von der Redaktion geändert) sitzt entspannt im Test- und Beratungsraum der 7. Etage des Bürohochhauses Straße der Jugend 33. Gleich lässt er sich auf HIV testen. Rüdiger Hofmann

"Dabei werden mir mit einer Pipette zwei Tropfen Blut aus der Fingerkuppe entnommen und in einen Probenverdünner gegeben", sagt Paul K. Diese werde dann in eine Kunststoffkartusche gefüllt. Ein Farbentwickler kommt hinzu, um einen blauen Kontrollpunkt entstehen zu lassen. "Sollte ein zweiter Punkt sichtbar werden, ist das das Zeichen für eine HIV-Infektion", sagt Paul K.

Bei dem Probanden ist das Ergebnis "nicht reaktiv", er ist also nicht HIV-infiziert. Für Paul K. ist diese Prozedur inzwischen Routine. Alle drei Monate kommt der Cottbuser zu "Katte e. V.", um sich testen zu lassen. Das Besondere: Bei "Katte e.V." kann dieser Schnelltest bereits 14 Tage nach einem Risikokontakt und im Gegensatz zu anderen Institutionen wie beispielsweise Gesundheitsämtern anonym und kostenlos erfolgen. Das zuverlässige Ergebnis erhält man binnen einer Minute. Somit kann jeder sein Ergebnis sofort mit nach Hause nehmen und sein Verhalten und die womöglich notwendige Behandlung bei einem Arzt darauf einstellen. Dieser stellt dann auch die endgültige Diagnose per Bestätigungstest.

"Die Früherkennung und Zurückdrängung sexuell übertragbarer Krankheiten steht im Vordergrund unserer Vereinsarbeit" sagt Vorstand Jirka Witschak. "Bei einer einzigen nicht verhinderten HIV-Infektion würden der Gesellschaft Behandlungskosten in Höhe von 100 000 Euro in fünf Jahren entstehen", sagt Witschak. Seit 2011 ist die Beratung, Betreuung und Begleitung von Lesben, Schwulen, Trans- und Intersexuellen in Brandenburg ein fester Bestandteil von "Katte e.V.". "50 bis 60 Personen aus Cottbus und dem Umland kommen bisher jährlich in unsere Cottbuser Test- und Beratungsstelle. Mit der Potsdamer Zentrale zusammen sind es mehr als 200 - Tendenz steigend", so Witschak. Etwa zwei Drittel davon sind homosexuelle Männer. Doch auch Frauen oder Prostituierte finden den Weg zum Verein, um sich beraten oder testen zu lassen.

Das Problem: "Im Gegensatz zu anderen Organisationen in Brandenburg, die staatliche Festbetragsfinanzierungen und regelmäßige Sachmittel vom Land erhalten, bekommen wir nur wenige Projektzuschüsse", sagt Witschak. Daher ist die Cottbuser Test- und Beratungsstelle bisher auch nur einmal pro Monat geöffnet und in der Bevölkerung bislang eher unbekannt. "Das ist zu wenig, um kontinuierlicher Ansprechpartner für HIV-Prävention oder für Themen wie Antidiskriminierung, Gewalt, Coming Out und die Betreuung schwuler Flüchtlinge zu sein", sagt Carsten Bock, der die Beratungen und Tests in Cottbus durchführt. Daher fordern Bock und Witschak vom Land Brandenburg mehr finanzielle Unterstützung und die Möglichkeit, ein szenenahes Angebot mit wöchentlichen Terminen etablieren zu können.

Auch die Hemmschwelle bei Betroffenen zu senken, sich auf HIV, Syphilis oder Tripper testen zu lassen und darüber zu reden, hat sich der Verein auf die Fahnen geschrieben. "Wir haben das Problem der Stigmatisierung durch die Gesellschaft", sagt Carsten Bock - und spricht auf die Diskriminierung Betroffener an. "40 Prozent aller Homosexuellen lassen sich gar nicht erst testen oder glauben, wenn ich die Krankheit habe, sterbe ich sowieso", sagt Paul K. Doch nur unerkannt und unbehandelt ist man mit AIDS noch immer nach rund zehn Jahren tot.

Weitere Infos: www.katte.eu

Zum Thema:
Der brandenburgische Landtag hat im Juni 2016 einen "Aktionsplan für Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, für Selbstbestimmung und gegen Homo- und Transphobie in Brandenburg" beschlossen, der inzwischen mit Leben gefüllt wird. Bis zum 18. Juni 2017 sind Ideen aus ganz Brandenburg für die Umsetzung eingegangen. Ein erster kommentierbarer Entwurf wird am 4. September in Potsdam vorgestellt. Der überarbeitete Aktionsplan soll voraussichtlich im Dezember von der Landesregierung beschlossen werden.