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| 01:24 Uhr

Betriebspraktika für Lehrer

Diese Herren freuen sich über eine neue Kooperationsvereinbarung zur stärkeren Zusammenarbeit: Heinz-Wilhelm Müller (Agentur für Arbeit Cottbus), Jürgen Lidzba, Ludwig Klaus und Andreas Beil (BWA Brandenburg). Foto: Anna Müller-Heidelberg
Diese Herren freuen sich über eine neue Kooperationsvereinbarung zur stärkeren Zusammenarbeit: Heinz-Wilhelm Müller (Agentur für Arbeit Cottbus), Jürgen Lidzba, Ludwig Klaus und Andreas Beil (BWA Brandenburg). Foto: Anna Müller-Heidelberg FOTO: Anna Müller-Heidelberg
Cottbus. Selbst Lehrer lernen niemals aus. Neben Schülerpraktika könnten zukünftig auch Betriebspraktika für Lehrer in Südbrandenburg auf dem Lehrplan stehen. Von Anna Müller-Heidelberg

“Damit sie kennen lernen, wie es im wahren Leben in der Wirtschaft zugeht„, fordert Andreas Beil. Er ist einer der Vertreter des “Wirtschaftsclubs Cottbus-Lausitz im Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft„ (BWA), die mit der Agentur für Arbeit Cottbus eine neue Vereinbarung getroffen haben.

Die Institutionen verpflichten sich darin, noch enger zusammen zu arbeiten. Sie verbinde, dass “sie nicht für sich selber, sondern für andere etwas wollen„, so Heinz-Wilhelm Müller von der Agentur für Arbeit.

Die anderen sind in diesem Fall junge Menschen in Cottbus und Umgebung, die eine Lehrstelle suchen. Ein wesentlicher Punkt in der künftigen Zusammenarbeit sei die Berufsorientierung in den Schulen. Die Jugendlichen sollten mehr Berufsfelder kennen lernen, bevor sie die Schule verlassen. Dann wüssten sie frühzeitig, wofür sich Anstrengung in der Schule lohne.

Jürgen Lidzba (BWA) begeistert sich außerdem für das Beispiel einer Lehrerin, die sich vier Tage Urlaub genommen habe, um endlich den Tagesablauf in einem Wirtschaftsunternehmen kennen zu lernen. Nach Ansicht des Präsidenten der BWA Brandenburg “sollte das jeder Lehrer mal machen„.

Für die Schüler sei bisher oft nur ein einziges Betriebspraktikum auf dem Lehrplan vorgesehen. Das bemängeln BWA und Agentur für Arbeit. Die Rede ist gar davon, den Schülern ab der achten Klasse alle zwei Wochen einen ganzen Tag in einem Betrieb zu ermöglichen, um sich beruflich orientieren zu können. Wie das mit dem Lehrstoff zu vereinbaren wäre, kommt allerdings nicht zur Sprache.

Neben Schülern und Lehrern wollen die neuen Partner künftig auch wirtschaftliche Unternehmen noch besser begleiten und unterstützen, weil diese bisher oft “den Eindruck haben, sie werden allein gelassen„, so Lidzba. “Allein„ mit den, so die einhellige Meinung, qualitativ ungenügenden Voraussetzungen der Bewerber, welche bei diesem Treffen wiederholt in die Schusslinie der Gesprächspartner geraten. “Wenn Sie den Jäger zum Jagen tragen müssen, haben Sie keine Chance„, bringt Lidzba seine Ansicht auf den Punkt.

Etwas gemäßigter sieht das Heinz-Wilhelm Müller von der Agentur für Arbeit. “Jugendliche, die nicht ausbildungsreif sind, lassen wir nicht fallen.„ Vielmehr könnten diese in berufsbildenden oder ausbildungsbegleitenden Maßnahmen gefördert werden. Das wäre dann “so was wie Nachhilfe neben der Berufsschule„, subventioniert von der Agentur für Arbeit.

Einig sind sich die Vertreter der Agentur für Arbeit und des BWA offenkundig darin, dass sie bezüglich der Lehrstellensituation in der Region ihr Bestes geben. Mögliche Ursachen für Defizite bezüglich der Lehrstellensituation in Südbrandenburg suchen sie jedenfalls nicht bei sich. Lehrer warnt Wirtschaft vor Pauschalurteilen
Als “Ohrfeigen für die große Zahl der Bewerber, die sich wirklich bemühen„ empfindet Jens Hischke die Äußerungen mancher Wirtschaftsvertreter in Bezug auf die Lehrstellensituation in Südbrandenburg. Heute ist der 46-Jährige Lehrer für Sport und Politik an der Lausitzer Sportschule, als junger Mann machte er eine Ausbildung in einer Druckerei. “Ich weiß, was das heißt, Schichtbetrieb„, sagt Hischke. Er kennt also den Alltag in Wirtschaft und Schule. Daher ist er sich sicher: “Die Problematik mit den Ausbildungsplätzen ist nicht schwarz/weiß, sondern grau.„

Kompromisse zwischen Schülern, ihren Lehrern und den Wirtschaftsbetrieben zu finden, anstatt einander die Schuld zuzuschieben, sei wichtig. Als Lehrer fühlt Hischke sich zum Beispiel verpflichtet, jeden Schüler individuell nach seinen Fähigkeiten zu betreuen. Das müsse aber auch die Wirtschaft machen und nicht nur den “Wissensstand der Schüler kritisieren„. Nicht vergessen dürften alle Beteiligten, dass es sich bei denjenigen, die Lehrstellen suchen, um junge Menschen handelt. “Die Betriebe können doch keine fertigen Leute anfordern.„ Der Lehrer hat selbst einen Sohn, der lange eine Lehrstelle in der Region Cottbus gesucht hat. “Immer nur Absagen, aber kaum Begründungen„, ärgert sich Hischke. “Manchmal reichte es schon, wenn die Bewerbungsmappe nicht die Farbe des jeweiligen Unternehmens hatte.„ Dass Leistung sich grundsätzlich immer lohne, wie die Agentur für Arbeit Cottbus postuliert, will Jens Hischke deshalb nicht so stehen lassen. Vielmehr sollte die Wirtschaft mit den Schulen heraus finden, was die Lehrer und ihre Schüler leisten könnten. Möglicherweise erwarteten die Parteien voneinander einfach zu viel. Eine intensivere Berufsvorbereitung noch während der Schulzeit hält Hischke für sinnvoll, “aber was streichen wir dann aus dem Lehrplan?„

In jedem Fall sollten Wirtschaft und Schulen gemeinsam über diese Fragen beraten.