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| 18:57 Uhr

Internationale Berufsbildung
Cottbuser Methoden für Vietnam

 Berufsschullehrer aus Vietnam qualifizieren sich im BTZ der Handwerkskammer Cottbus. Das Projekt wurde von Ausbilder Thomas Fron mit vorbereitet.
Berufsschullehrer aus Vietnam qualifizieren sich im BTZ der Handwerkskammer Cottbus. Das Projekt wurde von Ausbilder Thomas Fron mit vorbereitet. FOTO: LR / Nils Ohl
Berufsschullehrer aus Vietnam qualifizieren sich in Cottbus für das duale Lehrsystem. Von Nils Ohl

„So wie wir in Cottbus die Ausbildung für Elektroniker mit der Fachrichtung Automatisierungstechnik gestalten, wird es künftig in ganz Vietnam stattfinden“, erklärt Thomas Fron stolz. Er ist Ausbilder der Handwerkskammer (HWK) Cottbus und hat ein ganz besonderes Projekt mit vorbereitet, für das er selbst schon mehrmals nach Vietnam gereist ist.

„Vietnam will das duale Berufsbildungssystem einführen und dabei an allen Berufsschulen das gleiche Niveau garantieren“, erklärt Tu Viet Ba per Dolmetscher.

Der Berufsschullehrer aus Hanoi ist zusammen mit 27 weiteren Berufsschullehrer von insgesamt sieben Berufsschulen aus ganz Vietnam für fünf Monate in Cottbus. Sie bilden sich im Berufsbildungs- und Technologiezentrum der HWK in Gallinchen in der Fachrichtung Automatisierungstechnik weiter.

Vietnam dreht ein ganz großes Rad

Wobei Vietnam ein viel größeres Rad dreht. Das asiatische Land will seine gesamte Berufsausbildung modernisieren und hat sich entschieden, das bewährte deutsche Modell der dualen Berufsausbildung mit seiner engen Verzahnung von Theorie und Praxis als Muster zu nehmen. In über zwanzig Berufsbildern haben sich die Vietnamesen nun Partner gesucht, die ihren Berufsschullehrern das dafür nötige Know-how übermitteln. In Leipzig werden zum Beispiel die Hotelfachkräfte geschult – und in Cottbus die Automatisierungstechniker. Hervorzuheben ist, dass das ganze Projekt vom Vietnam selbst bezahlt wird.

„Das Projekt läuft seit 2016. Der erst Schritt war, nachdem wir angefragt wurden, zu prüfen, ob wir uns das überhaupt vorstellen konnten“, erinnert sich Thomas Fron. Er selbst flog daraufhin nach Vietnam, schaute nach den Voraussetzungen, schätzte den Stand der dortigen Berufsschulen ein und führte Gespräche mit jenen Lehrern, die nach Cottbus kommen sollten.

Gutes Niveau der Berufsschulen

Wie Thomas Fron feststellte, ist das Niveau zwischen den Berufsschulen in Vietnam zwar durchaus unterschiedlich: „Aber sie sind völlig normal ausgestattet. Der Unterschied zu unseren Schulen ist da gar nicht so groß.“

Er habe eine Berufsschule in Ho-Chi-Minh-Stadt besucht – mit 10 000 Schülern, davon allein 3000 Automatisierungstechnikern. Zum Vergleich: In Südbrandenburg werden von Handwerkskammer und IHK zusammen jährlich etwa 200 Azubis in Elektroberufen registriert.

„In Vietnam sind viele internationale Unternehmen aktiv. Die wollen entsprechende Fachkräfte. Und Vietnam selbst hat eine sehr junge Bevölkerung und möchte diese in Arbeit bringen“, schildert Thomas Fron die Ausgangslage.

Derzeit werden in Vietnam Industrieelektriker innerhalb von zwei Jahren ausgebildet. Diese Ausbildung erfolgt in Lehrkabinetten an der Schule, am Ende schließt sich ein sechswöchiges Praktikum in einem Betrieb an.

LEAG und BTU mit eingebunden

„Diese zwei Jahre entsprechen stark den ersten zwei Lehrjahren bei uns. Um den Beruf zu transferieren, müssen die Vietnamesen nun noch anderthalb Jahre draufsatteln“, erklärt Fron. Die dafür nötigen Inhalte und Fähigkeiten zu vermitteln, ist Kern des Projektes mit der HWK Cottbus. Dabei helfen Einsätze in den Ausbildungsstätten der LEAG in Jänschwalde und Boxberg sowie in Laboren der BTU, das Wissen zu vertiefen.

„Wir haben auch Listen erstellt, was für die Aufstockung in Vietnam noch angeschafft werden muss, zum Beispiel Funktionsmodelle, Netzwerktechnik und Lap-tops“, sagt Fron. „Es sind alles sehr interessierte, zuvorkommende Menschen. Die wollen wirklich was lernen.“

Neue Ausbildung soll sofort starten

Wenn die Lehrer aus Cottbus im Oktober zurück in Vietnam sind, soll sofort mit der neuen Ausbildung gestartet werden. Dreieinhalb Jahre später sollen die ersten jungen Facharbeiter mit dem neuen Abschluss die Berufsschulen verlassen.  Da, anders als in Deutschland, die Berufsschüler nicht Angestellte eines Unternehmens sind, soll es stattdessen lange Praktikaphasen in Betrieben schon während der Ausbildung geben.

„Wir werden die vietnamesischen Lehrer von Cottbus aus weiter betreuen. per Skype, per Mail und auch über Besuche“, erklärt Thomas Fron. Dabei geht es unter anderem um das Erstellen von Prüfungsaufgaben und den Aufbau von Prüfungsausschüssen.

Insgesamt soll an 45 vietnamesischen Berufsschulen – und nicht nur an sieben – der neue Beruf des Elektronikers mit der Fachrichtung Automatisierungstechnik eingeführt werden. Noch ist nicht endgültig entschieden, aber es deutet sich eine langjährige Kooperation zwischen Cottbus und Vietnam an.

     Tu Viet Ba aus Hanoi gehört zu den 28 Vietnamesen, die derzeit in Cottbus das duale Ausbildungsystem studieren.
Tu Viet Ba aus Hanoi gehört zu den 28 Vietnamesen, die derzeit in Cottbus das duale Ausbildungsystem studieren. FOTO: LR / Nils Ohl