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| 16:01 Uhr

Woidke auf Israel-Visite
Wo Christen und Muslime gemeinsam lernen

Die Cottbuserin Malwine Janetzko erlebt den Alltag der palästinensischen Familien.
Die Cottbuserin Malwine Janetzko erlebt den Alltag der palästinensischen Familien. FOTO: Benjamin Lassiwe
Jerusalem. Eine junge Cottbuserin erlebt den Alltag palästinensischer Schüler und vermittelt deutsche Kultur. Von Benjamin Lassiwe

An der Wand des Kindergartens hängt das deutsche Alphabet. „T“ wie Tomate, „Q“ wie Quark. In den Klassenzimmern stehen deutsche Bücher. Denn in Talitha Kumi, einer Schule in Beit Jala, acht Kilometer hinter Ostjerusalem im palästinensischen Autonomiegebiet gelegen, wird Deutsch gelernt. Die rund 1000 Schüler der vom evangelischen Berliner Missionswerk getragenen deutschen Auslandsschule kommen aus Bethlehem, aus Beit Jala, aus Ost-Jerusalem – und nicht wenige von ihnen bereiten sich auf das deutsche Auslandsabitur vor. Und am Donnerstag waren auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Innenstaatssekretärin Katrin Lange zu Besuch in der lutherischen Schule.

Gegründet wurde sie einst von Diakonissen aus dem rheinischen Kaiserswerth als Internat für arabische Mädchen aus christlichen Familien. Heute ist die Schule offen für beide Geschlechter und bei den Eltern der Region beliebt: „Wir haben hier zu fünfzig Prozent christliche Araber und zu fünfzig Prozent Muslime an der Schule“, sagt Schulleiter Rolf Lindemann, dem man die Herkunft aus Norddeutschland deutlich anhört.

Es gibt eine Bibliothek mit deutschen Schulbüchern, eine Berufsschule im Hotelfach, ein eigenes Gästehaus. Doch das Leben ist hart für die jungen Leute, die auf dem Weg zur Schule jeden Morgen durch israelische Checkpoints müssen und teilweise nicht einmal hinüber nach Jerusalem dürfen. „Die Politik macht es uns schwer, wirklich“, sagt Nadeem Najajreh, der jetzt in die elfte Klasse geht, künftig Medizin studieren will und  demnächst ein Praktikum in einem Krankenhaus in Bayern macht.

Brandenburg kennt er auch schon etwas: Im Deutschunterricht las die Klasse Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas – seitdem steht die Mark bei den jungen Palästinensern für Vetternwirtschaft und Nepotismus.

Den Alltag der palästinensischen Familien erlebt auch Malwine Janetzko. Die 18-jährige Cottbuserin ist – ebenfalls vermittelt durch das Berliner Missionswerk – nach ihrem Abitur am Ludwig-Leichhardt-Gymnasium als Volontärin an einer lutherischen Schule im Nachbarort Beit Sachour im Einsatz. Mit den Schülern übt sie deutsche Vokabeln und erteilt Unterricht in Landeskunde – über die Bundestagswahlen, über die Geschichte des geteilten Deutschlands, den Holocaust oder auch darüber, wie in Deutschland das Oktoberfest gefeiert wird. „Ich lebe hier in einer Gastfamilie“, sagt Janetzko. „Die Mutter und die beiden kleinen Kinder haben alle die Erlaubnis nach Jerusalem zu gehen.“ Der Vater hat diese Erlaubnis nicht, und warum das so ist, wurde ihm nie gesagt. „Ein gemeinsamer Ausflug nach Israel ist deswegen nicht möglich.“

Und die fehlenden Erlaubnisse haben noch andere Konsequenzen: Begegnungen zwischen Schülern aus Palästina und Israel, wie sie zwischen jungen Brandenburgern und jungen Israelis regelmäßig stattfinden, sind heute nahezu unmöglich. Die Schule muss für diese praktische Friedenserziehung einen ganz eigenen Weg gehen. „Wir haben einen trilateralen Austausch mit einer Schule aus Emmendingen“, sagt Schulleiter Lindemann. „Da kommen dann Deutsche, Israelis und Palästinenser in Deutschland zusammen.“ Doch von den Schülern der elften Klasse, die am Donnerstag mit Ministerpräsident Dietmar Woidke zusammentrafen, kannte niemand einen gleichaltrigen Israeli.

„Es ist aber nicht so, dass die Jugendlichen hier nur Probleme haben“, berichtet Malwine Janetzko. „Die Mädchen interessieren sich für Jungs, man geht aus, geht tanzen, hat Spass.“ Manchmal höre sie aber auch, dass eine Schülerin sagt: „Diesen Jungen finde ich süß – aber ich kann ihn nicht heiraten, weil er eine andere Religion hat.“ An der Schule freilich begegnen sich Christen und Muslime. „Man merkt nicht, wer hier christlich oder muslimisch ist“, sagt Malwine Janetzko. „Das Zusammenleben hier an der Schule funktioniert sehr gut.“

Ein dickes Lob gab es dafür auch von Dietmar Woidke, der der Schule zudem einen Scheck über 2900 Euro Brandneburger Lottomittel für Unterrichtsmaterialien und zur Unterstützung benachteiligter Schüler überreichte. „Talitha Kumi ist eine außergewöhnliche Schule“, so Woidke. „In einer Konfliktregion ist ein wichtiger Ort der Begegnung und des Lernens für Christen und Muslime geschaffen worden, der ein friedliches und tolerantes Miteinander ermöglicht.“