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Viel Grün und schicke Fassaden. So sah die Schillerstraße im Jahr 1917 aus.
Viel Grün und schicke Fassaden. So sah die Schillerstraße im Jahr 1917 aus. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Die Cottbuser Heimatforscherin Dora Liersch ruft die Geschichte der Schillerstraße in Erinnerung. Sie kommentiert eine historische Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause. Dora Liersch / dli9

Diese Ansichtskarte zeigt ein Stück der sogenannten westlichen Stadterweiterung. Mit dem Anschluss von Cottbus an das Eisenbahnnetz ab 1866 und damit der Schaffung von nötigen Verkehrsanbindungen, so der Schwanstraße, seit 1888 Kaiser-Friedrich-Straße und heutigen Karl- Liebknecht-Straße und der Bahnhofstraße, erfolgte auch die Planung auf dem ehemaligen Stadtfeld für weitere Straßenzüge und die Ausweisung als Bauland. Parallel und westlich zur Bahnhofstraße wurden die Grünstraße (Wemerstraße) und als nächstes die Weststraße (Schillerstraße) geschaffen. Dazwischen lag zudem, begrenzt durch die Schwanstraße und die Braustraße, der späteren Bismarck- und heutigen August-Bebel-Straße, ein etwa 2,4 Hektar großer Platz, der von den Cottbuser Gymnasiasten als Turnplatz genutzt wurde. Seit 1880 mussten die Gymnasiasten die Fläche mit einem Viehmarkt teilen, der zuvor regelmäßig vor der Altstadt auf dem Berliner Platz stattfand und nun weiter vom Stadtzentrum entfernt angelegt wurde. Schlichte Wohngebäude wurden ab den 1880er Jahren an der Ostseite der Grünstraße errichtet. Anders sah es an der Weststraße aus. Es ist erstaunlich, dass gerade an diesem Platz, von dem niemand wusste, wie er einmal genutzt würde, ganz attraktive Wohn- und Geschäftsbauten entstanden. Das Eckgebäude auf der linken Seite der Ansichtskarte ist die Schillerstraße 50. Das Haus hat im vergangenen Jahr die schmückenden Türmchenhauben wieder bekommen. Bauherr dieses Hauses, wie auch der beiden folgenden Häuser war der Bauunternehmer Christian Schilka. Erbaut wurden die Häuser in den Jahren 1895 bis 1897. Während das Eckhaus durch den Architekten und Maurermeister Ewald Schulz errichtet wurde, war seinerzeit für die Häuser 51 und 52 die Firma des Maurermeisters August Handrecke zuständig. Die Schillerstraße 50 war von Anfang an als Mietwohn- und Geschäftshaus geplant. Mit dem reichhaltigen Fassadenputz gehört dieses Haus zur späthistorischen Architektur. Bereits 1897 befand sich Max Schweriner als Restaurateur im Haus und 1899 war es Max Holzendorff, der sich Gastwirt nannte und das Hotel "Markgraf" betrieb. Zur gleichen Zeit hatte der Bauherr des Hauses Christian Schilka das Haus an Reinhold Nippe, einem Mühlenbesitzer in Grabow, verkauft. Das war seinerzeit typisch. Grundstücke erwerben, bebauen und gewinnbringend weiterverkaufen. Die Restaurateure, beziehungsweise Hotelpächter wechseln häufig: 1901 war es Paul Kuntze.

Als der Hausbesitzer verstarb, verkauften Nippes Erben das Haus etwa 1906 an den Regiments-Schneidermeister Robert Henseler. Im Jahre 1911 war es im Besitz des Hoteliers Albert Richter und 1913 in den Händen von Karl Fischer, der das Hotel "Markgraf" weiter betrieb. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Hotelbetrieb aufgegeben und das gesamte Haus an die Landwirtschaftliche-Zentral-Darlehnskasse verkauft. (Deutsche Raiffeisenbank AG Berlin). Diese Bank richtete sich ihre benötigten Büroräume im Hause ein. Im Erdgeschoss wurden Geschäftsräume vermietet, so an einen Friseur, in den 1930er Jahren an die Fotografin Elfriede Amthauer, die sich ein Atelier einrichtete. Mitte der 1930er Jahre ging die Raiffeisenbank in Liquidation und das Grundstück kam in die Hände der Genossenschafts-Treuhandgesellschaft mbH Berlin.

Cottbuser erinnern sich bestimmt noch an das Theatercafé, das etliche Jahre in der Schillerstraße 50 existierte. Im Jahre 1981 übernahm Renate Hartmann die Lokalität und richtete das wohlbekannte Eiscafé Hartmann darin ein. Hartmanns sind auch heute noch an verschiedenen Orten in Cottbus anzutreffen. Aus dem Eiscafé ist mit neuem Betreiber nun das "Café Schiller" geworden.

Die Häuser Schillerstraße 51 und 52 fallen durch ihr Äußeres besonders auf. Die Fassadengestaltung ist ein Ziegel-Putz-Kontrast. Errichtet 1896/97 für Christian Schilka, wurden sie noch 1899 an den Mühlenbesitzer Reinhold Nippe in Grabow verkauft. Nach dessen Tod erwarben um 1910 das Haus Nr. 51 der Polizeioberwachtmeister und spätere Polizeikommissar Otto Berlin und die Nr.52 der Stadthauptkassen-Rendant Hermann Hanke. Beide Gebäude waren und sind Wohnhäuser.

Der Eisenbahnsekretär Conrad Tiede ließ in den Jahren 1905/1906 die Häuser Schillerstraße 53 und 54 von dem Baumeister Moritz Hausten errichten. Auch diese Wohnhäuser wurden schon bald nach ihrer Fertigstellung weiterverkauft. Durch eine total veränderte, glatt geputzte Fassade aus DDR- Zeiten ist von der einstigen Fassadengestaltung leider nichts mehr vorhanden. Interessant ist aber, dass im Vorgarten der Nr. 53 an der Hausfassade ein starker Stamm von wildem Wein empor wächst. Die Ranken dagegen umhüllen die Hausfront von Nr. 54. Im Sommer sicher ein Schutz vor zu vielen Sonnenstrahlen, im Herbst ein wunderbares Farbenspiel des roten Weinlaubs.

Alle Teile der Serie gibt es hier: www.lr-online.de/

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Das Eckgebäude der Schillerstraße 50 mit seinen Nachbarhäusern heute.
Das Eckgebäude der Schillerstraße 50 mit seinen Nachbarhäusern heute. FOTO: Dora Liersch/dli1