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„Bei uns ist der Gast keine Nummer“

Klappernde Tassen, Müsli, Brötchen und Marmelade, fröhliche Gesichter, Unterhaltung in verschiedenen Sprachen – um 8 Uhr gestern früh hatten die Besucher der Cottbuser Jugendherberge kräftigen Appetit und ein lebhaftes Mitteilungsbedürfnis. Wenig später wurden viele Stühle gerückt. Aufbruch zum Dinosaurierpark nach Kleinwelka oder mit dem Fahrrad am Spreeufer entlang. Von Mareen Mallon


„Ich vergesse nie ein Gesicht und begrüße Stammgäste sowieso mit einem Handschlag“ , sagt Thea Oehlert, Leiterin des Jugendgästehauses Cottbus. Zurzeit ist die Herberge etwa zu 60 Prozent belegt. In den Ferien kommen keine Schulklassen, dafür aber viele ausländische Gäste und Fahrradtouristen. Täglich kommen neue Besucher an, während andere Gäste das Haus verlassen.
Unter anderem logiert zurzeit eine Gruppe aus Ungarn in der Cottbuser Jugendherberge. Die 13 und 14 Jahre alten Kinder sind zum Schüleraustausch der Parkeisenbahn nach Cottbus eingeladen. „Die Jugendherberge reicht vollkommen für unsere Ansprüche, da wir sowieso den ganzen Tag unterwegs sind“ , sagt Peter Vinis, Betreuer der zehn Kinder.
„Außer den Gruppen sind es zurzeit aber größtenteils die Fahrradtouristen, die uns aufsuchen“ , erläutert Thea Oehlert. „Als ich heute mein Rad aus dem Fahrradkeller nehmen wollte, hatte ich Mühe, so viele Räder stehen hier. Wenn es so weitergeht, brauchen wir demnächst einen neuen Fahrradschuppen.“
Mit dem Fahrrad durch den Spreewald wollen auch Uwe Sternbeck und sein Sohn Myrko. „Wir kommen aus Niedersachsen und nutzen die Ferien, um den Spreewald zu erkunden. Bei unseren Touren schlafen wir in Jugendherbergen. Hauptsache ein Bett ist da und das Essen schmeckt gut“ , erzählt Uwe Sternbeck.
Nicht nur für Jugendliche stehen im Jugendgästehaus am Klosterplatz die Türen offen. „Unsere Klientel hat sich geändert“ , sagt Thea Oehlert. Im Gegensatz zu früher quartieren sich jetzt vor allem Studenten am Klosterplatz ein. Auch bei Familien und älteren Reisenden ist die Herberge beliebt. „Jeder, der einen Ausweis vom Jugendherbergswerk besitzt, ist bei uns willkommen. Aber auch Schulklassen und Sportvereine nehmen wir gerne auf. Studentengruppen aus verschiedenen Universitäten kommen jedes Jahr hierher. Die einen haben eine Partnerschaft mit der BTU Cottbus, andere kommen, weil sie sich für die Geographie der Cottbuser Umgebung interessieren. Demnächst besucht uns eine Gruppe der FHL“ , berichtet Thea Oehlert.
Das Jugendgästehaus besteht eigentlich aus zwei Häusern. In einem existieren kleine Zwei-Bett-Zimmer, die höheren Ansprüchen gerecht werden. Das andere besteht aus größeren Zimmern, in denen bis zu zehn Personen übernachten können. „Die großen Zimmer sind besonders bei Vereinen und Schulklassen beliebt“ , so die Leiterin. Das Personal der Jugendherberge besteht lediglich aus den beiden Leiterinnen Thea Oehlert und Kerstin Pujo und einem Zivildienstleistenden. „Zeitweise haben wir auch eine Praktikantin, die uns bei der Büroarbeit hilft, aber ansonsten machen wir hier alles selbst“ , berichtet Thea Oehlert und fügt hinzu: „Auch die Verpflegung bereiten wir persönlich zu, lediglich das Mittagessen wird von der ,Gaststätte zur Eisenbahn’ geliefert.“
Nach 15-jähriger Zusammenarbeit sind die beiden Leiterinnen ein eingespieltes Team. „Dieser kleine Personalstamm hat auch seine Vorteile“ , so Thea Oehlert. Gerade die Individualität mache das Jugendgästehaus aus. „Bei uns ist der Gast nicht nur eine Nummer unter vielen. Die Zahl von 64 Betten, die wir anzubieten haben, macht es uns unmöglich, jemanden zu vergessen“ . Als Pluspunkte der Herberge gelten außerdem die zentrale Lage und die enge Zusammenarbeit mit dem Cottbuser Kulturamt. Regelmäßig wird im großen Kreis der Gäste gegrillt. Im kommenden Jahr sollen auch thematische Reisen angeboten werden. 2001 fand das Angebot „Fasten und Wandern“ großen Anklang. 2004 sind dann unter anderem eine „Ayurveda-Woche“ , „Fasten statt Hasten“ und Sprachschulungen geplant. Mit diesen Angeboten soll das Jugendgästehaus auch als Schulungsherberge etabliert werden.
Ein Stammgast der Cottbuser Jugendherberge kommt übrigens manchmal aus Tasmanien an die Spree. Mit dem Besucher von der anderen Seite der Erdkugel hat Thea Oehlert eine persönliche Freundschaft aufgebaut.