ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:42 Uhr

Begründer der industriellen Tuchfertigung

Das Zunftschild der Tuchmacher. Foto: Sammlung Petzold
Das Zunftschild der Tuchmacher. Foto: Sammlung Petzold FOTO: Sammlung Petzold
Cottbus. In loser Folge berichtet der Cottbuser Heimatforscher Heinz Petzold über die Stadtgeschichte. Diesmal schreibt er über die Anfänge der Cottbuser Tuchfertigung: In den letzten Oktobertagen des Jahres 2009 ließ Menschenhand das marode Backsteingebäude der einstigen Tuchfabrik Heinrich Jaeger am Spreebogen nach Sanzeberg in sich zusammenfallen.

Das Schicksal beendete damit die Historie des 150-jährigen Bestehens der Heinrich-Jaeger-Tuchfabrik, die für sich in Anspruch nehmen kann, die industrielle Tuchfertigung großen Stils in der einstigen Niederlausitzer Textilstadt Cottbus eingeführt zu haben.

Als Cottbus im Jahr 1726 eine Neustadt zur Ansiedlung von Gerbern, Färbern und Tuchmachern erhielt, begann die eigentliche Entwicklung dieses Gewerbes. Schon nach dem Siebenjährigen Krieg wurde die Bezeichnung “Fabrik„ für Werkstätten, die zwei Tuche in der Woche produzierten, bekannt. Im Jahr 1800 waren 74 Tuchmachermeister in der Stadt zur Miete, da Bewerber keinen Einstand in die Gewerkskasse mehr entrichten mussten.

Zum Ende des 18. Jahrhunderts waren schon Trittwebstühle in Gebrauch, bis 1842 der mechanische Webstuhl durch den Tuchfabrikanten H. Kittel eingeführt wurde. Hinzu kamen die Tuchschermaschinen. Im Jahr 1805 baute der Cottbuser Kaufmann J. Fr. Hanstein seine Spinnmaschine, die allerdings nicht den gewünschten Erfolg brachte.

Als 1816 der Engländer Cockerill eine mechanische Wollgarnspinnerei im Fürstenhaus des alten Schlosses einrichtete, zeigte sich bald, dass maschinengesponnenes Garn durch seine Gleichmäßigkeit dem handgesponnenen überlegen war. Hier wurde erstmals eine Dampfmaschine eingesetzt und damit der Weg zum Großbetrieb geebnet. Da die Spinnereien das Wasser als Antriebskraft bevorzugten, siedelten sich die meisten Cottbuser Tuchfabriken an der Spree an.

So auch der Tuchfabrikant Heinrich Jaeger. Am 2. August 1860 gründete er seine Tuchmacherei und begann mit zwei einfachen Handwebstühlen. Unter den erleichterten Bedingungen im Zollverein gingen die Meister immer mehr dazu über, ihre Tuche selbst zu appretieren, und waren so in der Lage, die Tuche von der Wolle bis zur nadelfertigen Ware im eigenen Hause herzustellen. Damit entwickelte sich das Tuchhandwerk immer stärker zum Fabrikbetrieb.

Heinrich Jaeger hatte diese Tendenz rechtzeitig erkannt und erwarb sechs Jahre später auf den bisher als Weideland genutzten Sanzeberg-Wiesen ein Grundstück im Sandower Spreebogen. Sein Ehrgeiz war es, eine moderne Tuchfabrik mit Dampfkraft einzurichten. Noch 1867 nahm er die Tuchfertigung auf und begann sofort mit Erweiterungsbauten. 1890 verfügte das Werk bereits über 60 mechanische Webstühle.

Der Aufstieg vollzog sich allerdings nicht ohne Schwankungen und Rückschläge. Unsichere politische Verhältnisse und Kriegszeiten verminderten den Absatz und störten das Ausfuhrgeschäft. Hinzu kamen dauerndes Ansteigen der Rohmaterialpreise und die Konkurrenz anderer Cottbuser Tuchfabriken. Trotzdem ging der Jaegersche Erfolg weiter. Die Anfertigung von schweren, glatten Stoffen ging zurück, und dafür trat die Herstellung von gemusterten und tuchartigen Stoffen hervor, deren Fertigung kürzere Zeit beanspruchte.

Nun bewährte sich ständig das fabrikeigene Labor, das sich bei der Fabrikation von Kammgarnstoffen und der Fertigungslänge, nämlich zu Beginn etwa 16 Meter, später bis zu 38 Meter, große Verdienste erwarb. So war es nicht zu verdenken, dass mancher künftiger Tuchfabrikant das Grundwissen der Tuchherstellung bei Heinrich Jaeger aufnahm, ehe er sich selbstständig machte. Ein herausragender Erfolg war, als Jaeger Ende der 80er-Jahre mit der Herstellung gemusterter Kammgarntuche begann und sich damit einen Vorlauf gegenüber anderen Tuchfabrikanten bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges schuf. Danach musste sich die Hauptsorge darauf beschränken, das Bestehende zu erhalten. Auch wenn es zu Arbeiterentlassungen kam, ein Ausweg war, durch Lohnarbeit im “Vaterländischen Hilfsdienst„ die städtischen Anstrengungen zu unterstützen. Heinz Petzold