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| 03:01 Uhr

Begnadeter Organist und überzeugter Querdenker

Matthias Eisenberg spielt auch zu Hause Orgel. Er gehört zu den renommiertesten Organisten dieses Landes und hat Zuhörer schon weltweit begeistert.
Matthias Eisenberg spielt auch zu Hause Orgel. Er gehört zu den renommiertesten Organisten dieses Landes und hat Zuhörer schon weltweit begeistert. FOTO: Staindl
Matthias Eisenberg ist einer der renommiertesten Musiker dieses Landes. Der Organist hat nicht nur national, sondern weltweit sein Publikum begeistert. Er gilt als Meister der freien Improvisation, genießt eine für einen Organisten ungewöhnlich hohe Popularität. Eisenberg, Jahrgang 1956, war Gewandhausorganist in Leipzig und Cembalist des Leipziger Bachorchesters, spielte zahlreiche Rundfunkproduktionen und CD-Produktionen ein. Er gab Gastkurse und Meisterklassen etwa in Südamerika. Konzertreisen führten ihn beispielsweise nach Russland und Indien, nach Kanada, in die USA und in zahlreiche europäische Länder. Matthias Eisenberg wurde 2003 zum Professor und Kirchenmusikdirektor ernannt. Er ist nicht nur ein begnadeter Organist, sondern auch ein überzeugter Querdenker. Seit Jahresbeginn wohnt der Professor in Straupitz (Lieberose-Oberspreewald).

Was führte Sie nach Straupitz in den Oberspreewald?
Ich habe lange nach einem Haus gesucht und es hier angeboten bekommen . . .

. . . in einem eher überschaubaren Dorf . . .
Es ist doch schön hier. Die Luft ist sauber, nicht so viel Feinstaub wie im Erzgebirge, wo ich bisher gewohnt habe. Und ich könnte hier etwas für meine Gesundheit tun.

Erzählen Sie . . .
Die Gegend ist schön flach. Ich könnte hier gut Fahrrad fahren. Im Erzgebirge ist das Radeln doch ziemlich anstrengend. Straupitz ist einfach super für mich, ein Ort, in dem ich mich sehr wohlfühle. Ich denke, hier könnte ich mein Rentnersein später sehr gut leben.

Sie zählen zu den weltbesten Organisten, könnten sicherlich prunkvoller und irgendwo in pulsierenden Metropolen leben.
Da wäre nichts für mich und kann ich mir auch nicht leisten. Ich werde wohl bis an mein Lebensende spielen müssen. Klar kann man sagen, ich habe zwar keinen Apfelbaum gepflanzt, keinen Sohn gezeugt und kein Haus gebaut. Ich bin auch nicht zufrieden, habe mehr als zwei Jahrzehnte meines Lebens nur für die Bürokratie und viel zu wenig für die Musik gelebt. Mir kann man nichts recht machen, das hat schon Kurt Masur gesagt.

Ihre Karriere begann schon frühzeitig. Seit ihrem fünften Lebensjahr erhielten Sie Klavierunterricht . . .
. . . und zwei, drei Jahre später hat meine Klavierlehrerin gesagt, sie könne mir nichts mir beibringen. Ich bin Autodidakt, habe mich einfach ans Klavier gesetzt und drauf los gespielt. Noten habe ich aber auch gelernt.

Trotz Ihres offensichtlichen Talents wurden Sie an der Musikschule später abgelehnt.
Ja, das stimmt. Als Begründung hieß es damals, ich sei unmusikalisch. Na ja, vielleicht haben sie damit sogar Recht gehabt. Wer versteht schon Musik? Vielleicht hätte ich den Beruf erst gar nicht ergreifen sollen, weil das Drumherum nicht mehr stimmt. Ich bin zum Bürohengst geworden, hätte wohl lieber Jura und Betriebswirtschaft studieren sollen.

Sie waren schon mit neun Jahren Organist in Ihrer Heimatstadt Elstra in der sächsischen Oberlausitz und in verschiedenen Kirchengemeinden der Region, zudem fünf Jahre lang Mitglied des Dresdners Kreuzchors.

Dabei war Singen gar nicht meine Stärke. Vielmehr war schon damals das Klavierspielen meine stärkste Seite. Dass ich trotzdem gesungen hatte, habe ich meiner Mutter zu verdanken. Nach der neunten Klasse habe ich im Kreuzchor aufgehört. Ich konnte nicht mehr, war ausgebrannt, erschöpft und ganz dünn, hatte chronische Gastritis. Für mich stand damals wie heute die Frage: Was mache ich jetzt? Orgelbau hatte mich interessiert, auch Gynäkologe und Chirurg fand ich interessant. Meine Mutter hatte mir vom Orgelbau abgeraten. Sie war sehr ehrgeizig, denn studieren sollte ich schon. Dafür die Volksarmee zu nutzen, das habe ich abgelehnt. Was sollte die DDR mit einem wie mich, der kein Gewehr in die Hand nimmt?

Sie haben dann an der Hochschule "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig studiert, waren Preisträger mehrerer internationaler Wettbewerbe. Der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur hatte sie 1980 als Gewandhausorganist nach Leipzig geholt.

Ich war sehr erfolgreich, habe dort vor Tausenden Besuchern gespielt, in fünf Jahren vor einer halben Million Menschen. Allerdings war und bin ich ein sehr ehrlicher Mensch, hatte nie einen festen sozialistischen Klassenstandpunkt und habe mich nie in ein Kollektiv eingefügt. Ich habe immer nur das gemacht, wovon ich überzeugt war - bis heute. Meine Seele verkaufe ich nicht gern.

Sie sind während einer Konzertreise 1986 im Westen geblieben und waren kirchenmusikalisch in Hannover und Sylt tätig.
Ich glaube, Kurt Masur ist mir wegen meines Weggangs bis heute böse. Ein Held bin ich schon gar nicht. Wenn ich die Wahl habe, wähle ich den Weg des geringsten Widerstands. Man muss sehr viel wissen, um mit wenig Aufwand viel zu erreichen. Ich habe mein Leben immer mit viel Humor genommen. Humor ist eine ganz wichtige Überlebensstrategie. Wahre Freude ist eine ernste Sache.

Allerdings können Sie nicht über alles lachen, schon gar nicht über Politik.
Politik hat zu wenig Toleranz. Wir werden ohnehin geistig zugemüllt, sollten uns lieber mit schönen Dingen wie mit Musik, Malerei oder Architektur umgeben. Das Leben selbst ist jedoch noch viel interessanter; Musik ist da nur Beiwerk, wenn auch weit oben, weil sie die emotionale Seite anspricht.

Sie machen mit ihrer Musik die Leute glücklich. Bis zu 300 Konzerte pro Jahr haben Sie früher gegeben, etwa hundert jährlich sind es noch immer.

Allerdings sind immer weniger Menschen dabei. Die emotionale Ebene ist nicht ausgeprägt.

Woran machen Sie das fest?
Oft sagen Veranstalter bei Konzerten, dass es ihnen egal ist, was ich spiele. Das erlebe ich vor allem im Osten Deutschlands. Ich merke nach einer Minute, ob ich die Besucher erreiche. Vielen Leuten mangelt es an Inspiration und Visionen. Im Spreewald sind die Zuhörer mit der Annemarie-Polka hoffentlich nicht schon zufrieden. Nur das Schöne in der Musik reicht mir nicht. Das Leben hat auch Ecken und Kanten, aber die kann ich mit Musik nicht immer packen.

Sie improvisieren gern, überraschen damit die Besucher ihrer Konzerte.

Improvisation ist eine Spezialbegabung, die oft mit dem absoluten Gehör eingeht. Das ganze Leben ist doch Improvisation und ein Glissando. Mir ist es zu wenig, sich nur den Gefühlen hinzugeben. Wir müssen auch von den klassischen Meistern lernen. Das ganze Leben ist Lernen.

Herr Eisenberg, Sie sind ein Philosoph, denken viel über das Leben nach, hinterfragen vieles und lieben es, die Dinge bis zum Ende zu bringen. Und sie sind Vegetarier aus ethischen Gründen. Sind Sie ein kritischer Zeitgenosse, eine Art Querdenker?
Das wird wohl so sein. Ich interessiere mich sehr stark für Politik, für gesellschaftliche Prozesse, würde aber niemals ein politisches Amt übernehmen. Schon deshalb nicht, weil mich ohnehin niemand verstehen würde, ich gar nicht die nötige Zeit investieren könnte. Die Bibel jedoch ist sehr klug. Die Medien dagegen lenken nur von den wirklichen Problemen ab. Dass ich zu vielen Dingen meinen Kommentar abgebe, macht es für mich nicht immer leicht. Recht haben und Recht bekommen sind zwei verschiedene Dinge.

Sie wurden bei Orgelneubauten und -renovierungen als Spezialist hinzugezogen.

Der Orgelbau hat mich schon immer interessiert.

Von 1992 an waren Sie zwölf Jahre lang Kirchenmusiker in Keitum auf Sylt, anschließend Kantor und Organist in Zwickau. Jetzt der Umzug vom erzgebirgischen Schneeberg in den Spreewald. Hat das Auswirkung auf Ihre Karriere?
Warum sollte es? Ich kann von überall zu Konzerten fahren, auch von Straupitz aus.

Sie haben schon so viel erreicht. Was bleibt da noch?
Orgel spielen in islamischen Ländern oder zumindest eine Orgel in eine Moschee bringen - das wäre eine Aufgabe. Ich glaube, damit käme ich ins Guiness-Buch der Rekorde (lacht).

Werden Sie Ihre Fähigkeiten auch in Straupitz präsentieren?
Ja, es gibt Pläne. Am 20. April ab 17 Uhr lade ich zur Hausmusik ein. Am 18. Mai gastiere ich gemeinsam mit Michael Zumpe in der Kirche in Straupitz und dort auch am 30. November während des Weihnachtsoratoriums.

Mit Matthias Eisenberg

sprach Andreas Staindl

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Matthias Eisenberg ist Jahrgang 1956 und in Elstra geboren. Er ist Organist, Cembalist und Kirchenmusiker. 2003 wurde er zum Kirchenmusikdirektor ernannt. Die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis verlieh ihm für sein Lebenswerk im selben Jahr den Ehrentitel Professor.

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