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Bauarbeiter stoßen in Cottbus auf Skelette

Cottbus. Bei Tiefbauarbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Justizvollzugsanstalt in der Bautzener Straße sind Bauarbeiter am Dienstag auf Skelette gestoßen. Nach ersten Erkenntnissen soll es sich dabei um Opfer des Zweiten Weltkrieges handeln. Sven Hering

Für mehrere Stunden ruhten am Dienstag die Arbeiten auf der Fläche neben der ehemaligen JVA in der Bautzener Straße. Wo künftig Einfamilienhäuser stehen sollen, war ein Baggerfahrer auf Knochen gestoßen. Polizei und Ordnungsamt wurden informiert, auch der Grundstückseigentümer war vor Ort. Insgesamt kamen vier Skelette zum Vorschein, so die Polizei. Erste Untersuchungen hätten keinen Hinweis auf eine Straftat ergeben. So soll es sich um die Überreste von Menschen handeln, die vermutlich während des Zweiten Weltkrieges gestorben und dann neben dem Gefängnis beigesetzt worden sind. Diese werden nun umgebettet, so die Polizei. Weil eine Straftat ausgeschlossen wird, können die Bauarbeiten fortgesetzt werden. Archäologen hätten den Fall als nicht bedeutsam eingestuft.

Für den Cottbuser Museums chef Steffen Krestin ist der Fund keine Überraschung. "Uns ist bekannt, dass es an dieser Stelle einmal einen Friedhof gegeben hat. Dieser ist auch auf alten Karten eingezeichnet, die bei uns im Museum liegen", sagt er.

Die Forschungen zu diesem Teil der Stadtgeschichte gestalten sich allerdings als schwierig, erklärt Ralf Marten vom benachbarten Menschenrechtszentrum. "Wir sind gerade am Beginn unserer Untersuchungen." Auf dem Friedhof wurden nicht nur eines natürlichen Todes gestorbene Häftlinge, sondern auch zur Hinrichtung Verurteilte beigesetzt. Das bestätigt Stefan Guzy von der Berliner Agentur Zwölf, die für die Dauerausstellung im Menschenrechtszentrum bereits umfangreiche Recherchen betrieben hat. Es seien in der Regel Mörder gewesen, die mit dem Beil hingerichtet wurden. Auf dem Gefängnisgelände habe es eine eigene Kirchgemeinde mit dem dazugehörigen Kirchhof gegeben. Dort habe auch der eine oder andere Gefängnisangestellte seine letzte Ruhe gefunden, so Guzy.

Um genauere Informationen zu bekommen, haben die Historiker auf die alten Kirchbücher gehofft. Doch diese gelten offiziell als verschollen. "Möglicherweise sind sie beim Bombenangriff auf das Gefängnis vernichtet worden", sagt Guzy. Derzeit gehe man davon aus, dass mit dem Bau des Gefängnisses im Jahr 1860 auch der Friedhof entstanden sei. Reguläre Bestattungen sollen bis um 1900 vorgenommen worden sein.

Nicht ausgeschlossen sei, dass der Friedhof dann auch noch einmal während des Zweiten Weltkrieges in Anspruch genommen worden ist. Während des verheerenden Bombenangriffs am 15. Februar 1945 wurde auch das damalige Frauenzuchthaus getroffen. Verschiedene Quellen sprechen von zahlreichen Toten unter den Gefangenen. Möglicherweise sind diese dann auf dem benachbarten Friedhof beerdigt worden.

Rund 100 Bestattungen habe es auf dem kleinen Friedhof insgesamt gegeben, schätzt Stefan Guzy. Umbettungen seien hingegen nicht dokumentiert. Deshalb sind laut Guzy weitere Funde bei den Bauarbeiten nicht ausgeschlossen.

Zum Thema:
Neben dem ehemaligen Gefängnis wird derzeit vor allem entlang der Gartenstraße gebaut. Im Norden entstehen laut Bebauungsplan größere Wohn- und Geschäftshäuser, während im Süden Eigenheime errichtet werden sollen. Dabei sind die direkt an der Gartenstraße stehenden Gebäude als Doppelhäuser geplant, um der Straße durch eine höhere Dichte mehr städtischen Charakter zu verleihen. Entlang der zur Gartenstraße verlängerten "kleinen" Bautzener Straße sind Einzelhäuser vorgesehen.