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Bäume stören Hochwasserschutz in Cottbus

Die rot markierten Bäume am Spreedamm zwischen Madlow und Kutzeburger Mühle sollen ab Herbst weichen.
Die rot markierten Bäume am Spreedamm zwischen Madlow und Kutzeburger Mühle sollen ab Herbst weichen. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Nach monatelangen Querelen, zahlreichen Vor-Ort-Begehungen und Unterschriftensammlungen gibt es nun eine Entscheidung: Ab Herbst werden rund 1000 Bäume auf den Spreedeichen im Cottbuser Süden gefällt. Sven Hering

"Bäume haben auf Deichen eigentlich nichts zu suchen." Der Gallinchener Ortsvorsteher Dietmar Schulz bezieht zu der seit Monaten diskutierten Frage deutlich Stellung. Das hängt zum einen mit seiner Vergangenheit zusammen. "Ich bin an der Neiße groß geworden, da gab es keine Bäume auf den Deichen." Zum anderen trägt Schulz als Ortsvorsteher heute Verantwortung für den Cottbuser Ortsteil Gallinchen. Und dieser ist in akuter Gefahr, sollte die Spree zu viel Wasser führen. Welche Ortsteile überflutet werden, ist den Risikokarten zu entnehmen, die das Umweltministerium jetzt erarbeitet und ins Internet gestellt hat (siehe blauer Kasten). Für Schulz steht deshalb fest. "Der Schutz von Menschenleben ist wichtiger als die Natur." Der jetzt erreichte Kompromiss berücksichtige beide Belange. "Ich hoffe, dass es nun bald losgeht", sagt der Gallinchener Ortsvorsteher.

"Unsere Aufgabe war es, eine Variante zu finden, die den Naturschutz und den Hochwasserschutz in Einklang bringt", sagt Dorothee Bader, Referatsleiterin im Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Vorgabe für das beauftragte Büro sei es gewesen, eine Variante zu finden, dass der Deich im Süden der Stadt jederzeit mit Sandsäcken geschützt werden kann. Bisher ist das an einigen Stellen nicht möglich, weil Bäume die Zufahrt für Lkw versperren. "Natürlich gibt es einen Eingriff in den Naturhaushalt", ergänzt Dorothee Bader. Dieser sei aber aus ihrer Sicht vertretbar. "Es bleibt ein geschlossener Baumbestand erhalten", betont sie. Gut 1000 Bäume wurden markiert. Ein Fünftel davon habe einen Stammumfang von 40 Zentimetern oder mehr.

Doch es gibt weiterhin kritische Stimmen. Dazu gehört der Naturschutzbund (Nabu). Horst Alter sagt dazu: "In der kommenden Woche plant der Nabu noch einmal eine Begehung vor Ort. Dann werden wir unser Urteil abgeben."

Positioniert hat sich hingegen der Cottbuser Nabu-Sprecher Harald Wilken. Er hat vor wenigen Tagen einen Brief an den Präsidenten des Landesumweltamtes Matthias Freude geschrieben. Die Aktivitäten in Cottbus bezeichnet er darin als "Dammverteidigung um jeden Preis". Außerdem verweist Wilken auf eine Passage im neuen Koalitionsvertrag, in der es um die Förderung der Renaturierung von Fließgewässern und Auen geht. "Müssen erst Schneisen in unsere Spreeaue geschlagen werden, um sie dann wieder zu renaturieren", so Wilken weiter. "Sicher hat man uns im Referat Süd nicht lieb, aber wir sind nun einmal für das schwächste Glied in unserer Gesellschaft da: Für Pflanzen und Tiere in der Landschaft." So endet der Brief.

"Wir sind auch für einen Hochwasserschutz", sagt Johann Staudinger von der Bürgerinitiative zum Erhalt der Spreebäume. Das Cottbuser Vorhaben bezeichnet er als eine Billiglösung. "Wenn Potsdam einen umfassenden Hochwasserschutz will, dann muss man diesen auch bezahlen", richtet er seine Kritik an die Adresse des Ministeriums.

Derweil hat das Landesumweltamt ein Versäumnis nachgeholt. So sind die Eigentümer der betroffenen Flächen über die Pläne der Behörde informiert worden. Der Haupteigentümer Wilfried Belka hat laut Amt seine Zustimmung erteilt. Für die RUNDSCHAU war er am Freitag nicht erreichbar. Die Stadt steht in der Diskussion auf der Seite des Landesumweltamtes. "Das Verfahren ist transparent geführt worden", erklärt Umweltamtsleiter Thomas Bergner.

In den nächsten Wochen wird sich an den Deichen an der Kutzeburger Mühle freilich nicht viel tun. Abgeholzt werden darf erst wieder ab Herbst.

Zum Thema:
Seit wenigen Wochen gibt es für das Gebiet der Spree Hochwasser-Gefahren- und Risikokarten. Aus ihnen lassen sich wichtige Empfehlungen für die Gefahrenabwehr, den Katastrophenschutz oder die Eigenvorsorge ableiten. Dabei sind die Gebiete dargestellt, die bei Hochwasser überflutet werden. Abgerufen werden können die Karten im Internet unter der Adresse www.mugv.brandenburg.de/info/hwrm/karten