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"Bärbel" besteht Abenteuer Yukon

Manuela Heyn-Dittbrenner und Steuermann Marko Kretschmer beim ersten Training auf dem Schwatka Lake.
Manuela Heyn-Dittbrenner und Steuermann Marko Kretschmer beim ersten Training auf dem Schwatka Lake. FOTO: Peter Laux
Cottbus. Sechs Mitglieder des Drachenbootteams Hai Voltage aus Cottbus haben sich in diesem Sommer in ein ganz besonderes Abenteuer gestürzt. Sie haben am Yukon River Quest in Kanada teilgenommen – das mit 715 Kilometern längste Kanu- und Kajak-Rennen der Welt. Als erstes deutsches Team in ihrer Bootsklasse gestartet, kamen sie auf der kräftezehrenden Strecke auf Platz 52. Antje Posern

Ende des vergangenen Jahres beschlossen die sechs Hai-Voltage-Paddelfreunde, die von den Drachenbootrennen auf der Spree bekannt sind, an diesem Ausnahme-Wettkampf in Kanada teilzunehmen. Manuela Heyn-Dittbrenner aus Cottbus, Ilona Krämer aus Berndsorf, Peter Laux aus Maust, Marko Kretschmer aus Cottbus, Tobias Fetsch aus Sielow und Mirko Prüfer aus Podrosche (Krauschwitz) - alle zwischen Anfang 30 bis Mitte 50 - meldeten sich für die Klasse der Voyager-Boote an, in der mindestens sechs und maximal neun Paddler gemeinsam das Rennen bestreiten. Etwa ein halbes Jahr wurde in die Vorbereitung investiert. Da waren die Ausrüstung zu kaufen, Trainings zu absolvieren, ein Boot in Kanada zu mieten, Flüge zu buchen.

Ende Juni war es endlich soweit: Das Abenteuer Yukon River konnte starten. Und begann nach einer anstrengenden 25-Stunden-Reise mit der Ankunft in Whitehorse erst einmal mit einem Schock, als die sechs Paddler ihr gemietetes Boot in Augenschein nahmen. "Vor uns auf einem Trailer stand zwar etwas, das aussah wie ein Boot - jedoch ein sehr in die Jahre gekommenes mit vielen ausgebesserten Schadstellen, wenig Beinfreiheit für unseren Schlagmann und schon vom Anblick her unbequemen Plaste-Sitzbänken", beschreibt Manuela Heyn-Dittbrenner. Die nächste Aufgabe lautete also: "Wir müssen uns das Boot renntauglich machen."

Doch zunächst zog es die Lausitzer aufs Wasser. Nach dem ersten Training auf dem Schwatka Lake ging es am nächsten Tag auf den Yukon. Der sei mit seiner Strömung von bis zu 14 km/h schon etwas schneller unterwegs als die Spree, so Heyn-Dittbrenner. Nachdem sich das Team mit ausreichend Lebensmitteln und Wasser für drei Tage Wildnis ausgestattet hatte, ging es am nächsten Tag ans Boot. Unter anderem waren Halterungen für Packsäcke und Ausrüstung zu knüpfen, Sitzbänke und Seitenkanten abzupolstern. Natürlich musste auch ein Name sein: Das Boot wurde zünftig mit "Bärbel" getauft - als herzliches Dankeschön für die Unterstützung ihrer Paddelkollegin vom ESV Lok RAW Cottbus.

Zwei Pflichttermine standen noch an: das Abholen der Startunterlagen inklusive Check der Pflichtausrüstung. Vorzuweisen sind da unter anderem Schwimmwesten, Rettungsbiwaksack, Zelte, Schlafsack, wasserfeste Streichhölzer, Messer, Gaskocher, Regenbekleidung, ausreichend Lebensmittel bis hin zur Bergungskostenversicherung. "Wir waren gut vorbereitet und bekamen per Stempelabdruck auf den Unterarmen grünes Licht", berichtet Manuela Heyn-Dittbrenner weiter.

Der Renntag begann für die Lausitzer kurz vor 6 Uhr. Punkt 12 Uhr folgte dann der Startschuss. Nach drei Stunden auf dem Fluss meisterten die Paddler den 50 Kilometer langen Lake Laberge - in den ersten sechs Stunden konnte die Hai-Voltage-Crew etliche Teams überholen. "Die erste Nacht war eine Herausforderung. Von fast 30 Grad am Tag fiel die Temperatur auf etwas über null Grad. Hinzu kamen der Schlafmangel und die permanente Belastung", beschreibt die Cottbuserin weiter. Mit großer Anstrengung und wieder verlorenen Plätzen erreichte die "Bärbel"-Besatzung nach insgesamt 300 Kilometern und inzwischen nach gut 34 Stunden ohne Schlaf den ersten Pausenpunkt in Carmacks, wo sich aller Teilnehmer in einer siebenstündige Pflicht-Pause etwas regenerieren konnten. Die ersten Teams hätten an dieser Stelle aufgegeben, berichtet sie weiter.

Frisch motiviert griffen die Drachenbootfahrer gegen 22.30 Uhr wieder zu den Paddeln. Die Nacht wurde gut überstanden. Auch am Tag lief es nicht schlecht, Plätze wurden wieder gut gemacht und nach 19 Stunden der zweite und letzte Pflichtstopp in Coffee Creek erreicht. An Schlaf sei in den drei Stunden kaum zu denken gewesen. So ging es gegen 19.30 Uhr "recht unausgeschlafen und mit ersten Ausfallerscheinungen" an die letzte, 180 Kilometer lange Etappe. Die Strategie der Lausitzer: Voll powern, in der Hoffnung, soweit wie möglich zu kommen, bevor die Kräfte nachlassen.

Gegen 2 Uhr ging nichts mehr. Zwei seien wegen Schlafmangels fast über Bord gefallen, Muskeln wollten nicht mehr, "und wir alle hatten leichte Halluzinationen". Dazu ein krasser Gegenwind und ein Fluss, der sich auf mehrere Kilometer verbreitert hatte und sich mit vielen Inseln wie ein Labyrinth gab. War die "Bärbel" sonst 15 bis 18 Kilometer in der Stunde vorangekommen, waren es jetzt kaum mehr drei. Bis zum Ziel warteten noch gut 80 Kilometer . . .

Als sie, völlig fertig, von einem Zweier-Kanu überholt wurden, war aber der Wettkampfgeist wieder geweckt. Mehrere Kilometer paddelten beide Boote gegen den starken Gegenwind um die Wette - die Lausitzer konnten sich schließlich absetzen. Zweieinhalb Stunden zogen sie noch einmal durch, um unter der magischen 60-Stunden-Grenze zu bleiben. "Das haben wir dann auch tatsächlich geschafft und sind nach 59 Stunden und 17 Minuten reiner Fahrtzeit in Dawson City angekommen", berichtet Manuela Heyn-Dittbrenner noch immer überglücklich.

Die fünf Tage nach dem Rennen genossen die Cottbuser in vollen Zügen bei einer Wanderung auf den Midnight Dome, einem Casino- und einem Goldminen-Besuch sowie einer Tour mit einem Schaufelrad-Dampfer.

Das Fazit der Abenteurer: "Das Wichtigste ist: Wir haben das Rennen ohne gesundheitliche Schäden überstanden. Und: Wir sechs Paddler sind noch immer Freunde", sagt Heyn-Dittbrenner. Trotz aller Strapazen "sind wir glücklich und stolz und überlegen sogar, ob man das nicht irgendwann noch einmal machen könnte." Inzwischen sind diese Überlegungen weiter gereift. Wie die Cottbuserin berichtet, denkt Marko Kretschmer darüber nach, im nächsten Jahr als Stand-up-Paddler beim Yukon River Quest an den Start zu gehen. Mirko Prüfer würde die Strecke gern noch einmal im Einer-Kajak in Angriff nehmen. "Wir alle gemeinsam, vielleicht noch mit einigen anderen, haben die Idee, in zwei Jahren noch einmal zu starten", sagt Manuela Heyn-Dittbrenner.

Das Sechser-Gespann hat inzwischen wieder die heimische Spree unter die Paddel genommen. Manuela Heyn-Dittbrenner und Peter Laux haben bereits einen Tag nach ihrer Rückkehr aus Kanada an der Drachenbootregatta in Cottbus teilgenommen und mit ihrem gemischten Team Platz drei eingefahren. Jeden Mittwoch findet das wöchentliche Training statt. Der nächste Wettkampf steht am 16. September im Kalender des Hai-Voltage-Teams. Dann starten sie bei einem Drachenbootrennen bei Leipzig.

Mehr Bilder des Cottbuser Drachenbootteams bei ihrem Yukon-Abenteuer finden Sie auf www.lr-online.de/bilder

Kurz nach der Zieleinkunft in Dawson City kurz nach neun: Marko Kretschmer, Tobias Fetsch, Peter Laux, Ilona Krämer, Manuela Heyn-Dittbrenner und Mirko Prüfer (v.r.) beginnen langsam zu realisieren, dass sie es geschafft haben.
Kurz nach der Zieleinkunft in Dawson City kurz nach neun: Marko Kretschmer, Tobias Fetsch, Peter Laux, Ilona Krämer, Manuela Heyn-Dittbrenner und Mirko Prüfer (v.r.) beginnen langsam zu realisieren, dass sie es geschafft haben. FOTO: Dave Hutchinson
Die Boote werden zu Wasser gelassen, nachdem alle Teilnehmer etwa 200 Meter vom Festplatz zum Wasser gesprintet sind.
Die Boote werden zu Wasser gelassen, nachdem alle Teilnehmer etwa 200 Meter vom Festplatz zum Wasser gesprintet sind. FOTO: Peter Laux