Von Silke Halpick

Der Angriff einer wütenden Bache auf allzu Neugierige in der Heidesiedlung in Dissenchen lässt die RUNDSCHAU-Leser nicht unberührt. Einige erzählen von weiteren Zusammenstößen, andere fordern Konsequenzen, um solche Vorfälle künftig auszuschließen.

Einen Masterplan gibt es nicht – und der sei auch gar nicht nötig, wie Mario Wotschka von der Unteren Jagdbehörde erklärt. Demnach gibt es in der Stadt Cottbus 18 Jagdbezirke. Die Jagdgenossenschaften legen in ihren Abschussplänen fest, wie viele Wildtiere pro Jahr innerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches geschossen werden können. Rund 250 Wildschweinen mehr als geplant ging es im Vorjahr an den Kragen.

Doch im Fall des Wildschweins in der Heidesiedlung in Dissenchen greift ohnehin der Mutterschutz. Denn Bachen mit Frischlingen, die nicht älter als vier Monate sind, dürfen nicht getötet werden. Das gelte selbst in Zeiten der Afrikanischen Schweinepest. Die ist in Deutschland zwar noch nicht ausgebrochen, doch die Wildschweine werden nun vorsorglich ganzjährig gejagt.

Das Land Brandenburg zahlt den Jägern deshalb sogar Abschussprämien von 50 Euro pro Wildschwein über dem Abschussplan. Lukrativ mache das die Jagd trotzdem nicht, betont Wotschka. Der Preis, den Wildhändler für ein Kilogramm Wildschweinfleisch zahlen, liege teils unter einem Euro.

„Meine Angst vor Wildschweinen ist definitiv größer als die vor Wölfen“, betont Kai Sprenger aus Cottbus in einem Leserbrief. Er erinnere sich noch gut an eine Begegnung mit einem Wildschwein während eines Wanderurlaubs. „Obwohl ich theoretisch wusste, wie man sich verhält, habe ich die Füße in die Hand genommen, einen schauerlichen Gesang angestimmt und gemacht, dass ich Boden gewinne.“

Mit einer Armprothese muss Helmi Zebler leben, seitdem ein Wildschwein im Jahr 2004 in ihren Garten an der Straßenbahn-Endstation in Madlow gerannt kam und zunächst nicht wieder herausfand. „Ich habe großen Respekt vor den Tieren, da muss man wirklich aufpassen.“ Damals habe eine ganze Rotte am Priorgraben gelebt, wie sie erzählt.

Auch Harald Wilken vom Naturschutzbund Nabu warnt davor, eine Begegnung mit dem Schwarzwild auf die leichte Schulter zu nehmen. Wildschweine seien schlau und hätten alle einen eigenen Charakter. Für ihn ist das Problem in Cottbus allerdings hausgemacht. „Durch den Tagebau Cottbus-Nord haben die großen Rotten in Lakoma, Merzdorf und Schlichow ihren Lebensraum verloren“, sagt er. Die bevorstehende Flutung des Restloches werde die Situation erneut verschärfen.

In der ehemaligen Kohlegrube tummelt sich jede Menge Leben. „Wildschwein, Hase, Wolf, Reh, alle sind da“, bestätigt Wotschka. Wenn der Wasserspiegel ansteigt, müssen die Tiere wohl oder übel weichen. Wohin es sie verschlägt, sei spekulativ, doch möglicherweise auch in Richtung Stadt. „Wir können Cottbus nicht komplett umzäunen“, sagt Wotschka. Der Experte hofft, dass die Cottbuser die Wildschweine nicht anfüttern – wie in Berlin. Denn die Bejagung innerhalb der Stadtgrenzen sei nur sehr begrenzt möglich. „Hier geht die Sicherheit der Menschen vor“, betont er. Schließlich könne eine Kugel auch abprallen oder ihr Ziel verfehlen.